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Procari Lexikon Lieferantennominierung
Einkaufslexikon

Lieferantennominierung

Lieferantennominierung

Die Lieferantennominierung ist der formale Akt, mit dem ein Unternehmen einen Lieferanten offiziell für die Versorgung einer bestimmten Teilefamilie oder Dienstleistung auswählt und beauftragt — das entscheidende Scharnier zwischen [[lieferantenauswahl]] und laufender Beschaffung.

Detaillierte Erklärung

Im industriellen Einkauf, insbesondere im Automotive- und Maschinenbauumfeld, bezeichnet Lieferantennominierung den Prozessschritt, an dem ein Lieferant aus dem Kreis der qualifizierten Kandidaten verbindlich ausgewählt und mit einem konkreten Produkt oder einer Bauteilgruppe verknüpft wird. Die Nominierung geht über eine informelle Zusage hinaus: Sie ist eine dokumentierte Entscheidung, die interne Freigaben voraussetzt und dem Lieferanten den offiziellen Auftrag signalisiert, mit Investitions- und Kapazitätsplanung zu beginnen.

Normative Einbettung: IATF 16949:2016, Section 8.4 (Steuerung von extern bereitgestellten Prozessen, Produkten und Dienstleistungen) und der VDA-Leitfaden zur Lieferantenauswahl und -entwicklung bilden die normativen Grundlagen. Beide Regelwerke verlangen eine dokumentierte Lieferantenauswahl auf Basis definierter Kriterien sowie eine Genehmigung durch die zuständigen Stellen im Unternehmen. Im Tier-1/Tier-2-Verhältnis wird die Nominierung durch den OEM häufig mit der sogenannten "Nominated Supplier"-Klausel verbunden, die dem Tier-1 vorschreibt, einen bestimmten Lieferanten für spezifische Vorprodukte zu verwenden.

Prozessschritte einer Lieferantennominierung:

  1. Vorauswahl (Longlist): Auf Basis der [[lieferantenlandschaftsanalyse]] wird eine Longlist potenzieller Anbieter erstellt. Technische Mindestanforderungen, Zertifizierungsstatus (ISO 9001, IATF 16949, ISO 14001) und geografische Präferenzen filtern die Ausgangsmenge.

  2. Request for Information (RFI): Standardisierte Selbstauskunftsbogen werden an Kandidaten versandt. Abgefragt werden Fertigungskapazitäten, Maschinenpark, Qualitätssysteme, Referenzkunden und ESG-Status.

  3. Request for Quotation (RFQ): Verbindliche Preisanfrage mit Zeichnungsunterlagen, Stückzahlszenarien und Terminvorgaben. Basis für den Preisvergleich.

  4. Technische Bewertung: Auditierung durch Qualitätsmanagement oder Entwicklung — Prozess-Audit nach VDA 6.3 oder IATF-Lieferantenaudit. Musterteile werden bewertet.

  5. Kommerzielle Bewertung: Preisvergleich, Total-Cost-of-Ownership-Analyse (TCO), Zahlungs- und Lieferbedingungen, Währungsrisiken.

  6. Nominierungsentscheidung: Im Freigabeprozess stimmen Einkauf, Qualität, Entwicklung und Geschäftsführung (ab definiertem Volumen) ab. Ergebnis: Nominierungsprotokoll mit Begründung der Entscheidung, Dokumentation der abgelehnten Alternativen, Genehmigungs-Signaturen.

  7. Nominierungsschreiben (Letter of Intent / Nomination Letter): Dem Lieferanten wird die Entscheidung schriftlich kommuniziert. Das Schreiben enthält typischerweise Teilenummern, voraussichtliche Jahresmengen, Zielpreise, Projektzeitplan und Anforderungen an die Serie-Freigabe (PPAP/PPF).

  8. Serie-Freigabe (PPAP/PPF): Nach Nominierung startet der Musterfreigabeprozess. Erst mit erfolgreichem Production Part Approval Process (PPAP, US-Standard) oder Produktions- und Produktfreigabe (PPF, VDA-Standard) ist der Lieferant für die Serienlieferung freigegeben.

LkSG-Implikation: Gemäß LkSG §6 müssen bei der Aufnahme neuer direkter Zulieferer Risikoanalysen zu Menschenrechtsverletzungen und Umweltverstößen durchgeführt werden. Die Lieferantennominierung ist der frühestmögliche Zeitpunkt, diese Prüfung zu integrieren — nicht erst nach Serienanlauf.

Nominated Supplier vs. Approved Supplier: Ein genehmigter Lieferant (Approved Supplier) hat die [[lieferantenqualifizierung]] bestanden und befindet sich auf der Genehmigten-Lieferanten-Liste (Approved Vendor List, AVL). Ein nominierter Lieferant hat zusätzlich eine verbindliche Zuweisung für ein konkretes Projekt oder Bauteil erhalten. Jeder nominierte Lieferant ist ein genehmigter Lieferant — aber nicht jeder genehmigte Lieferant ist aktuell nominiert.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Tier-1-Automobilzulieferer im Raum Ingolstadt erhält einen neuen Plattform-Auftrag eines deutschen OEM. Für die Baugruppe "Sensorgetäuse" müssen drei Komponenten neu bezogen werden. Der Einkaeufer startet den Nominierungsprozess.

RFI-Phase: Fünf Lieferanten für Druckguss-Aluminium werden angefragt. Zwei scheiden wegen fehlender IATF-Zertifizierung aus. Drei reichen vollständige RFI-Bögen ein.

RFQ-Phase: Die drei verbliebenen Kandidaten erhalten Zeichnungen mit drei Stückzahlszenarien (50.000, 80.000, 120.000 Stück/Jahr). Die Angebote werden in einer TCO-Analyse verglichen: Preis, Werkzeugkosten, Lieferzeit, Transportweg (CO₂-Fußabdruck als neues Kriterium seit 2024).

Technische Bewertung: VDA 6.3-Prozessaudit beim favorisierten Kandidaten in Bayern. Ergebnis: 89 von 100 Punkten, keine K.O.-Kriterien. Musterteile werden nach 6 Wochen geliefert und durch das Qualitätslabor freigegeben.

Nominierungsentscheidung: Im Nominierungsmeeting stimmen Einkauf (Federführung), QM und Entwicklung dem bayerischen Lieferanten zu. Die Entscheidungsvorlage dokumentiert: Preisposition 3 % unter Benchmark, IATF-Zertifikat gültig bis 2026, Lieferzeit 4 Wochen, LkSG-Selbstauskunft erhalten und ohne Beanstandung.

Nominierungsschreiben: Der Lieferant erhält ein Letter of Intent mit Serienanlaufdatum Q3 des Folgejahres, Zielpreis für Jahr 1 und Jahrespreiskorridor für drei Jahre. Er beginnt umgehend mit der Werkzeugbestellung.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Nominierung ohne vollständige Dokumentation: In vielen Mittelstandsunternehmen wird die Lieferantennominierung informell per E-Mail kommuniziert. Fehlt ein formelles Nominierungsprotokoll mit Freigabe-Signaturen, entstehen bei Audits (IATF, Kundenaudit) Nachweise-Lücken. Abhilfe: Standardisierter Nominierungsprozess mit Workflow-Dokumentation.

Fehler 2 — Nominierung zu früh kommunizieren: Wenn dem Lieferanten die Nominierung signalisiert wird, bevor interne Freigaben vorliegen, entstehen Erwartungen und Investitionsankündigungen beim Lieferanten, die bei einer Revision des Prozesses schwer zu korrigieren sind. Abhilfe: Nominierungsschreiben erst nach internem Go.

Fehler 3 — LkSG-Prüfung vergessen: Der Nominierungsprozess integriert keine LkSG-Risikoprüfung neuer Lieferanten. Das kann zu haftungsrelevanten Lücken führen, wenn im späteren Betrieb Verstöße bekannt werden und keine Sorgfaltspflichtenerfuellung dokumentiert ist.

Fehler 4 — Nominated-Supplier-Klausel des OEM ignorieren: Im Automotive-Umfeld diktieren OEMs bei bestimmten Bauteilen dem Tier-1-Lieferanten, welchen Sub-Lieferanten er zu verwenden hat. Wird diese Nominated-Supplier-Anforderung beim eigenen Nominierungsprozess übergangen und ein anderer Lieferant gewählt, drohen Vertragsstrafen und Qualitätsprobleme bei der OEM-Abnahme.

Verhandlungskontext: Die Lieferantennominierung ist der Moment maximaler Verhandlungsmacht des Einkaeufers. Vor der Nominierung ist der Wettbewerb unter den Kandidaten am intensivsten — hier lassen sich Preiszugeständnisse, Werkzeugkostenbeteiligungen und langfristige Preispfade verhandeln. Nach der Nominierung sinkt der Hebel erheblich: Der Lieferant hat nun eine gesicherte Basis, Alternativen sind durch Anlaufkosten und Qualifizierungsaufwand teuer. Wer den Zeitpunkt der Nominierung für einen vollständigen Konditionsabschluss nutzt, sichert bessere Vertragsbedingungen als jeder spätere Jahresgesprae-Zyklus.

Verwandte Begriffe

  • [[lieferantenauswahl]]
  • [[lieferantenqualifizierung]]
  • [[lieferantenfreigabe]]
  • [[lieferantenportfolio]]
  • [[lieferantenmanagement]]

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