Lieferantenscorecard
Lieferantenscorecard
Eine Lieferantenscorecard ist das KPI-Dashboard pro Lieferant, das Qualität, Liefertreue, Kosten und Service in wenigen Kennzahlen verdichtet und meist monatlich oder quartalsweise an den Anbieter zurückgespielt wird. Sie ist im automobilen Tier-1-Umfeld nach IATF 16949 Klausel 9.1.2 verbindlich, im allgemeinen Industrie-Mittelstand der Standard für jede ernsthafte [[lieferantenbewertung]].
Detaillierte Erklärung
Die Norm IATF 16949:2016 verlangt in Klausel 9.1.2.1 die laufende Überwachung der Lieferantenleistung über definierte Performance-Indikatoren. Für IATF-zertifizierte OEMs sind diese Kennzahlen in Customer-Specific-Requirements (CSR) festgelegt, die jeder Hersteller — Stellantis, BMW, Volkswagen, Mercedes-Benz, Ford — als eigene Scorecard-Definition publiziert. Die Mindest-KPIs sind in allen CSR-Dokumenten ähnlich: PPM (parts per million Defekte), OTIF (On-Time-In-Full als Liefertreue-Maß), Reklamationsquote, Field-Failures sowie Special-Status-Notifications. Stellantis veröffentlicht seinen Scorecard-Quick-Reference-Guide jährlich, IVECO Group hat 2023 die Supplier-Quality-Scorecard-Rules aktualisiert. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) flankiert das Modell mit dem VDA-6.3-Prozessaudit als Tiefenprüfung.
Außerhalb der Automobilindustrie ist die Scorecard formal freier, methodisch aber identisch. Ein typisches Mittelstand-Modell gewichtet Qualität 40 Prozent, Lieferperformance 30 Prozent, Kosten 20 Prozent, Service 10 Prozent. Andere Branchen setzen die Liefertreue mit 50 Prozent an, weil bei Engpassartikeln die Versorgung wichtiger ist als der absolute Preis. Die wichtigsten messbaren KPIs sind OTIF mit Zielwert 95 Prozent in der Industrie und 98 Prozent im Automotive-Bereich, PPM unter 500 für Serienteile und unter 50 für Sicherheitskomponenten, Reklamationsquote unter 1,5 Prozent und Cpk-Werte über 1,33 für kritische Merkmale.
Die Bewertungsfrequenz ist wichtiger als die Tiefe. Strategische Lieferanten erhalten ihre Scorecard monatlich, Standardlieferanten quartalsweise, C-Lieferanten halbjährlich. Eine Scorecard, die einmal im Jahr verschickt wird, verändert nichts am Lieferantenverhalten — der Datenabstand zur tatsächlichen Lieferung ist zu groß, das Korrekturmoment ist verstrichen. Das Statistische Bundesamt weist im KMU-Panel 2024 aus, dass rund 47 Prozent der deutschen Industriebetriebe mit über 100 Beschäftigten eine formale Scorecard einsetzen, 22 Prozent davon mit automatisierter ERP-Anbindung.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Sondermaschinenbauer aus Niedersachsen mit 280 Mitarbeitenden und 96 Mio. Euro Materialvolumen führt eine quartalsweise Scorecard für 64 Schlüssellieferanten ein. Datenquellen: SAP S/4HANA für Wareneingangs-OTIF, QM-Modul für PPM und Reklamationen, Einkaufscontrolling für Preisindex und Skonto-Quote. Die Scorecard wird automatisiert generiert und am 15. Werktag des Folgequartals an den Lieferantenkontakt versendet, jeweils mit dem Ergebnis des Vorquartals und dem rollierenden 12-Monats-Schnitt.
Q1 2026 zeigt für den größten Hydraulikkomponenten-Lieferanten (Volumen 4,1 Mio. Euro im Jahr): OTIF 91,4 Prozent (Ziel 95), PPM 612 (Ziel unter 500), Reklamationsquote 1,8 Prozent (Ziel unter 1,5), Preisstellung Index 102,3 (Vorquartal 101,1). Gewichteter Score 76,4 von 100. Der Q1-Termin am 28. April 2026 mit dem Lieferanten dauert 90 Minuten, in 6 Wochen kommt der Maßnahmenplan zurück: zwei zusätzliche QS-Mitarbeitende auf der Endprüfung, Wareneingangsstichprobe verdoppelt, neue Verpackungsspezifikation. Q2 2026 schließt mit OTIF 96,1 Prozent und PPM 384 ab, gewichteter Score 87,2. Die Auswirkung auf die Linie: 13 verhinderte Stillstände, ein Fehlteil-Aufwand-Vermeidung von rund 162.000 Euro im Halbjahr. Programmaufwand der Scorecard-Einführung über alle 64 Lieferanten 38.000 Euro Einrichtung plus 14.500 Euro pro Quartal Betrieb.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster Fehler: zu viele KPIs auf der Scorecard. Wer 22 Kennzahlen pro Lieferant ausweist, erzeugt eine Datenwand statt einer Steuerungsgrundlage. Sechs bis acht Kernkennzahlen mit klar definierten Zielwerten reichen — alles weitere gehört in den Anhang oder in das Audit nach VDA 6.3.
Zweiter Fehler: Datenherkunft ist nicht abgesichert. Wenn die OTIF-Quote im Wareneingangsmodul 92 Prozent ausweist, aber die Disposition mit 86 Prozent rechnet, gibt es einen Definitionsstreit über das Lieferdatum (Bedarfstermin, Bestelltermin, Wunschtermin). Definition vor erster Scorecard schriftlich fixieren und im ERP entsprechend mappen, sonst diskutiert der Einkauf 30 Minuten pro Lieferantengespräch über die richtige Zahl.
Dritter Fehler: keine Eskalationslogik. Eine Scorecard mit gelben oder roten Werten muss einen vordefinierten Eskalationspfad auslösen — Quality-Improvement-Plan, 8D-Report, Top-Management-Review. Ohne diesen Mechanismus wird die Scorecard zur Akte, in der jeder das Ergebnis liest und niemand handelt.
Verwandte Begriffe
Die Scorecard ist das laufende Mess-Instrument der [[lieferantenbewertung]], speist das [[lieferantenranking]] mit aktuellen Score-Werten und ist im [[supplier-relationship-management]] das Kernartefakt jedes Quartalsgesprächs. Bei roten Werten greifen [[reklamationsprozess]] und [[lieferantenentwicklung]].