Lieferantenscoring
Lieferantenscoring
Lieferantenscoring ist das Rechenmodell im Einkauf, das einzelne Lieferantenkennzahlen über feste Gewichtungen und Skalen in einen einzigen Gesamtpunktwert überführt – typischerweise auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten. Es ist der mathematische Motor unter der [[lieferantenbewertung]] und liefert die zentrale Eingangsgröße für [[lieferantenrating]], [[lieferantenranking]] und die ABC-Klassifizierung.
Detaillierte Erklärung
Lieferantenscoring trennt sauber zwischen drei Ebenen: Kennzahlen (KPIs), Skalen (Mapping KPI auf Punkte) und Gewichtungen (relative Bedeutung der KPIs). Eine [[otd-on-time-delivery]] von 96 Prozent wird über eine Skala in 88 Score-Punkte übersetzt, ein PPM-Wert von 230 nach [[ppm-parts-per-million]] in 72 Punkte. Die Skalen sind nicht linear – bei OTD zählen die letzten zwei Prozentpunkte mehr als die ersten zwei, weil 99 vs 97 Prozent in der Praxis über Produktionsstopps entscheidet.
Die Gewichtungen kommen aus der Kategoriestrategie. In Automotive nach IATF 16949 dominiert Qualität (typisch 40 Prozent), gefolgt von Lieferzuverlässigkeit (25 Prozent), Preis (20 Prozent) und Zusammenarbeit (15 Prozent). Im Maschinenbau-MRO kippt das Bild: Preis und Verfügbarkeit dominieren, Qualität ist Hygienefaktor. Eine Scoring-Architektur, die für alle Warengruppen dieselbe Gewichtung nimmt, ist methodisch falsch – sie produziert vergleichbare Zahlen, aber falsche Steuerungssignale.
In der DACH-Praxis sind drei Modellfamilien etabliert. Erstens das additive Scoring (Summe gewichteter Teilscores) – einfach, transparent, aber unempfindlich gegen Ausreißer. Ein Lieferant mit 95 Punkten OTD und 20 Punkten PPM bekommt im additiven Modell noch 60 Gesamtpunkte – obwohl der PPM-Wert ein K.o.-Kriterium wäre. Zweitens das multiplikative Scoring mit Schwellenwerten, das bei Unterschreitung einer kritischen Schwelle den Gesamtscore drastisch absenkt. Drittens das Punkte-mit-Veto-Modell aus VDA 6.3 – jede Dimension wird einzeln bewertet, ein "C" in irgendeiner Dimension überschreibt den Gesamtscore.
Hackett Group dokumentiert 2024, dass 41 Prozent der DACH-Mittelständler ihr Scoring zuletzt vor 2022 überarbeitet haben – also vor der Energiekrise und der Lieferketten-Disruption. Folge: Resilienz, Single-Source-Risiko und ESG-Compliance kommen in den Gewichtungen praktisch nicht vor, obwohl sie operativ die wichtigsten Steuerungsgrößen sind. Wer 2026 ein neues Scoring aufsetzt, ergänzt mindestens [[supplier-concentration-risk]], Energiepreisindex und CSRD-Reifegrad als Dimensionen.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Tier-2-Automotive-Zulieferer aus Niederbayern (Bremskomponenten, 740 Mitarbeiter, 168 Mio EUR Umsatz 2025) überarbeitet im Februar 2026 sein Scoring-Modell – die alten Gewichtungen stammen aus 2019. Senior Buyer Mehmet Aydin leitet den Workshop mit Qualität, Logistik und Werksleitung.
Ergebnis nach drei Sitzungen: sechs KPI-Dimensionen mit folgender Gewichtung – Qualität (PPM, Reklamationsquote, Erstmusterquote) 35 Prozent, Liefertreue (OTD, OTIF, Liefermengen-Treue) 25 Prozent, Preis (Preisindex gegen Marktbenchmark, Zahlungskonditionen) 15 Prozent, Zusammenarbeit (Reaktionszeit, 8D-Disziplin, Innovation) 12 Prozent, Resilienz (Standortdiversität, Lagerreichweite, Single-Source-Anteil) 8 Prozent, ESG (CSRD-Reifegrad, CO2-Intensität, BME-CoC-Unterzeichnung) 5 Prozent. Drei K.o.-Kriterien werden festgelegt: PPM über 500, Reklamationsquote über 3 Prozent, OTD unter 85 Prozent – jedes davon kappt den Gesamtscore auf maximal 50.
Test am Lieferanten Federkraft Industrie GmbH (1,4 Mio EUR Jahresvolumen, Druckfedern für Bremszylinder). Teilscores: Qualität 82 (PPM 180, Reklamation 1,1 Prozent, FAI bestanden), Liefertreue 91, Preis 68 (3,2 Prozent über Benchmark), Zusammenarbeit 78, Resilienz 54 (Single-Source aus Tschechien, keine Zweitquelle), ESG 41 (CSRD-Reifegrad 2 von 5). Gewichtete Summe: 79 Punkte. Klassifizierung B-Lieferant mit zwei Aktionen – Aufbau [[dual-sourcing]] und ESG-Reifegradplan bis Q4 2026.
Vergleichswert: Mit dem alten Modell von 2019 (Qualität 50 Prozent, Preis 30 Prozent, Lieferung 20 Prozent) bekam Federkraft 87 Punkte – "A-Lieferant, alles bestens". Der Resilienz-Blindfleck blieb unsichtbar. Das neue Scoring deckt ihn auf und triggert die nächste Entscheidung.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erstens: Gewichtungen werden vom Einkauf allein festgelegt. Folge – Preis wird überbewertet, Qualität und Resilienz unterbewertet. Korrekt: cross-funktionaler Workshop mit Qualität, Logistik, Engineering und Werksleitung, Gewichtungen einmal pro Jahr überprüft. Zweitens: Skalen sind linear. Eine OTD-Verbesserung von 80 auf 82 Prozent bekommt im linearen Modell denselben Punktegewinn wie 97 auf 99 – operativ falsch, weil die obere Verbesserung mehr Wert schafft. Korrekt: konkave Skalen mit progressivem Punktegewinn am oberen Ende.
Drittens: K.o.-Kriterien fehlen. Wer rein additiv summiert, mittelt katastrophale Einzelwerte weg. Korrekt: drei bis fünf K.o.-Kriterien, bei deren Verletzung der Gesamtscore gekappt wird – so wie in VDA 6.3 ein einzelnes "C" das Audit beendet. Viertens: das Scoring wird nie kalibriert. Korrekt: einmal pro Jahr ein "Reality-Check" mit zwanzig Lieferanten – stimmt der Score mit dem qualitativen Bauchgefühl der Einkäufer überein? Wenn nicht, sind Gewichtungen oder Skalen falsch.
Im Verhandlungskontext zwingt ein sauberes Scoring den Lieferanten in eine Diskussion über Ursachen – "Sie liegen bei Resilienz bei 54 von 100, weil Sie Single-Source aus einem Standort liefern" ist eine andere Gesprächsebene als "Sie sind ein B-Lieferant". Erfahrene Einkäufer bringen das Scoring-Detailblatt ins Jahresgespräch und verbinden es direkt mit [[lieferantenentwicklung]] und der Vorbereitung des nächsten [[lieferantenaudit]].
Ein letzter Hinweis betrifft die Pflege des Modells. Ein Scoring-Modell ist Software ohne Code – es altert genauso schnell wie Programmcode, aber niemand merkt es, weil keine Fehlermeldung erscheint. Wer das Modell einmal in einem Excel-Sheet aufsetzt und drei Jahre lang nicht anfasst, produziert nach 36 Monaten Steuerungssignale, die mit der aktuellen Lieferanten-Realität nichts mehr zu tun haben. Korrekt: jährliche Modellrevision im Q4 mit Anpassung von Gewichtungen, Skalen und K.o.-Schwellen, dokumentiert als Versionsstand mit Datum und Verantwortlichem.
Verwandte Begriffe
- [[lieferantenbewertung]]
- [[lieferanten-scorecard]]
- [[lieferantenrating]]
- [[lieferantenranking]]
- [[abc-analyse]]