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Procari Lexikon Lieferterminverfolgung
Einkaufslexikon

Lieferterminverfolgung

Lieferterminverfolgung

Die Lieferterminverfolgung ist der disziplinierte Prozess, mit dem der operative Einkauf jeden bestätigten Auftragsbestätigungs-Termin gegen den realen Wareneingang prüft, Abweichungen früh erkennt und über definierte Mahnstufen interveniert. Im DACH-Mittelstand bildet sie das wichtigste Früherkennungs-Radar gegen Bandstillstände, Konventionalstrafen gegenüber dem Endkunden und Notbeschaffungen mit Express-Aufschlägen.

Detaillierte Erklärung

Lieferterminverfolgung beginnt formal mit der Bestätigung des Wunschtermins durch den Lieferanten in der Auftragsbestätigung (AB). Erst ab diesem Moment liegt ein vereinbarter Termin vor, der überwacht werden kann. Operativ bedeutet das: jede Bestellposition trägt im ERP zwei Datumsfelder, den ursprünglichen Wunschtermin und den durch AB bestätigten Termin. Das System vergleicht dann täglich den aktuellen Tag plus eine konfigurierte Vorschauperiode (häufig 5, 10 und 20 Arbeitstage) gegen die Bestätigungstermine offener Positionen.

Die Verfolgung selbst läuft über ein gestaffeltes Mahnwesen mit drei bis fünf Eskalationsstufen. Stufe 0 ist die Erinnerungsmail zehn Arbeitstage vor Termin (passive Vorabkontrolle). Stufe 1 ist die erste Mahnung am Tag nach Terminüberschreitung. Stufe 2 erfolgt nach drei bis fünf Werktagen mit Verweis auf vertragliche Konsequenzen. Stufe 3 hebt den Vorgang auf den Einkaufsleiter, Stufe 4 leitet juristische Schritte oder Ersatzbeschaffung ein. Diese Stufen sind im VDA-Band Logistik-Lieferantenbewertung als Standardmodell beschrieben und finden sich in nahezu jedem ERP-System wieder.

Wichtig ist die Abgrenzung zur reinen Liefertreue-Messung: die [[liefertreue]] ist eine retrospektive Kennzahl, die Lieferterminverfolgung ist der prospektive Steuerungsprozess, der diese Kennzahl überhaupt erst verbessert. Ohne aktive Verfolgung reduziert sich Liefertreue auf Berichts-Kosmetik.

Toleranzbänder sind ein zweiter Steuerungshebel. Im automotive Umfeld gilt typisch +0/-0 Tage (taggenau), in der Anlagenbau-Komponentenfertigung häufig +0/+3 Tage (verspätete Lieferungen werden im Rahmen toleriert, Früh-Lieferungen nicht). Diese Toleranzen werden im Einkaufsstammdatensatz pro Materialgruppe oder Lieferant hinterlegt und über das KPI-Modell ([[kpi-dashboard-einkauf]]) konsolidiert.

GoBD §§238 und 257 HGB verlangen, dass Mahnungen, AB-Termine und Eskalationsstufen revisionssicher dokumentiert werden. Audit-fähige Lieferterminverfolgung schreibt deshalb jeden Status-Wechsel in ein unveränderliches Protokoll, das mindestens sechs bis zehn Jahre aufbewahrt wird.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein schwäbischer Maschinenbauer (450 Mitarbeiter, Umsatz 90 Mio. Euro) fertigt Werkzeugmaschinen in Losgröße 1-5. Zentrale Baugruppe ist eine Hochpräzisions-Spindel von einem norditalienischen Lieferanten, Wert pro Stück 18.500 Euro, Wiederbeschaffungszeit zehn Wochen. Bei Bandstillstand entstehen pro Tag etwa 12.000 Euro Kosten plus mögliche Konventionalstrafen gegenüber dem Endkunden.

Die Bestellung wurde am 4. März mit Wunschtermin 18. Mai aufgegeben. Die AB des Lieferanten bestätigte den 22. Mai (Verschiebung um vier Tage, vom Disponenten geprüft und akzeptiert). Im ERP läuft jetzt das Verfolgungs-Workflow:

    1. Mai (zehn Werktage vor Termin): Stufe 0 — automatische Erinnerungsmail an den Vertrieb des Lieferanten mit Bitte um Bestätigung des Versanddatums
    1. Mai: Versand-Avis (ASN) mit Versanddatum 19. Mai erhalten — Status auf "in transit" gesetzt
    1. Mai 17:00: kein Wareneingang — automatischer Statuswechsel auf "überfällig"
    1. Mai 09:00: Stufe 1 — formale Mahnung mit AB-Referenz und neuem Wunschtermin
    1. Mai: Lieferant meldet Zollverzug, neuer Termin 28. Mai

Der Disponent prüft Pufferbestand: noch zwei Spindeln im [[sicherheitsbestand]], drei Tage Reichweite. Da neuer Termin innerhalb der Reichweite liegt, keine Eskalation. Wareneingang am 28. Mai 11:30 — Stufe 1 wird aufgelöst, Vorgang im KPI-Tracking als "verspätet, im Toleranzband Stufe 1" klassifiziert. In der monatlichen Lieferantenbewertung schlägt sich das mit -1,5 Punkten von 100 nieder; bei kumulierter Stufe-2-Eskalation in den letzten zwölf Monaten würde der Lieferant in die Entwicklungs-Pipeline rutschen.

Der entscheidende Punkt: ohne die Vorabkontrolle am 8. Mai hätte der Disponent erst am 23. Mai vom Verzug erfahren — sechs Tage später. Bei der Reichweite von drei Tagen wäre das Band gestanden.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist Mahnwesen ohne Eskalationsdisziplin: drei aufeinanderfolgende Stufe-1-Mahnungen ohne Hochstufung erziehen den Lieferanten dazu, Mahnungen zu ignorieren. Die Mahnstufen-Logik muss strikt ablaufen — wenn ein Lieferant nach Stufe 2 nicht reagiert, MUSS Stufe 3 ausgelöst werden, sonst entwertet sich das gesamte System.

Zweiter Klassiker: überzogene Vorabkontroll-Frequenz. Wer alle drei Tage nachfragt, signalisiert Misstrauen und beschäftigt den eigenen Disponenten mit Verwaltung statt mit Wertschöpfung. Die VDA-Empfehlung von einer Vorabkontrolle pro Bestellung (zehn Werktage vor Termin) ist für 95 % der Materialgruppen ausreichend; nur bei A-Teilen (siehe [[abc-analyse]]) mit produktionskritischer Funktion lohnt sich eine zweite Vorabkontrolle.

Dritter Fehler: AB-Termine werden im ERP nicht systematisch erfasst, sondern aus dem Wunschtermin "abgeleitet". Damit verfolgt das System einen Termin, den der Lieferant nie bestätigt hat — die Mahnungen sind formaljuristisch wertlos und der Lieferant kann jede Konventionalstrafe abweisen.

In der Verhandlung ist Lieferterminverfolgung ein zweischneidiges Instrument. Wer einem Lieferanten sein eigenes Mahn-Track-Record (z. B. "in den letzten zwölf Monaten 23 % Stufe-1-Mahnungen") in der Jahresgesprächs-Vorbereitung aufzeigt, hat eine harte Faktenbasis für Preisverhandlungen oder Bonusforderungen. Voraussetzung: die Daten sind sauber. Manuelle "Korrekturen" durch den Disponenten (typisch: nachträgliche AB-Anpassung um Mahnungen zu vermeiden) zerstören diese Datenbasis für Jahre.

Wichtig für die Eskalationsstufe 3: niemals der Einkaufsleiter gegenüber dem Lieferanten als erste Eskalationsperson — der Vertriebsleiter des Lieferanten ist der korrekte Counterpart. Eskalations-Asymmetrie (Junior-Disponent telefoniert mit Vertriebsleiter) verlängert nur die Reaktionszeit.

Verwandte Begriffe

  • [[liefertreue]]
  • [[otif-on-time-in-full]]
  • [[lieferantenbewertung]]
  • [[kpi-dashboard-einkauf]]
  • [[lieferabruf]]

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