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Procari Lexikon Losbildung
Einkaufslexikon

Losbildung

Losbildung

Die Losbildung beschreibt die Festlegung der wirtschaftlich optimalen Bestell- oder Fertigungsmenge je Auftrag im operativen Einkauf und in der internen Produktionsplanung. Sie ist das Bindeglied zwischen Bedarfsermittlung und Bestellauslösung — und entscheidet täglich über das Spannungsverhältnis von Bestellkosten, Lagerhaltungskosten und Mengenrabatten. Eine saubere Losbildung-Logik trennt erfahrene Disponenten von Ad-hoc-Bestellern.

Detaillierte Erklärung

Losbildung beantwortet die Frage: Wie viele Stück eines Artikels sollen pro Bestellung beim Lieferanten oder pro Fertigungsauftrag im eigenen Werk geordert werden? Zu kleine Lose treiben die Bestellkosten (Anfrage, Verhandlung, Bestellabwicklung, Wareneingang, Buchhaltung) und Rüstkosten in die Höhe. Zu große Lose binden Kapital im Lager, erhöhen das Verschrottungsrisiko und senken die Reaktionsfähigkeit auf Bedarfsänderungen.

Das klassische Modell zur Lösung ist die Andler-Formel (auch Economic Order Quantity, EOQ), entwickelt 1929 von Kurt Andler:

q* = Wurzel((2 x Jahresbedarf x Bestellkosten pro Bestellung) / (Stückpreis x Lagerhaltungskostensatz))

Beispiel: Bei einem Jahresbedarf von 8.400 Stück, Bestellkosten von 95 EUR pro Bestellung, Stückpreis 12,40 EUR und Lagerhaltungskostensatz 18 Prozent ergibt sich eine optimale Losgröße von 794 Stück, also rund 11 Bestellungen pro Jahr.

Die Andler-Formel beruht auf vereinfachenden Annahmen: konstanter Bedarf, sofortige Lieferung, keine Mengenrabatte, keine Lieferzeitschwankung. In der Praxis gelten diese Bedingungen selten. Erweiterte Modelle:

  • Wagner-Whitin-Algorithmus: optimale Losbildung bei deterministisch schwankendem Bedarf, Berücksichtigung mehrerer Perioden mit dynamischer Programmierung
  • Stochastische EOQ: Berücksichtigt Bedarfs-Standardabweichung, koppelt Losbildung mit Sicherheitsbestand
  • Mengenrabatt-EOQ (All-Units bzw. Incremental Discount): Bricht die optimale Losgröße bei Rabattstufen, vergleicht TCO über Stufen
  • Joint-Replenishment: Gemeinsame Losbildung mehrerer Artikel beim selben Lieferanten zur Bündelung der Bestellkosten

In der Lieferantenkommunikation prägt die Losbildung die Konditionsstruktur. Mengenrabatt-Staffeln (z.B. 0-499: 12,80 EUR, 500-1.999: 11,90 EUR, ab 2.000: 11,20 EUR) verschieben die Andler-optimale Losgröße. Auch Mindestabnahmemengen (MOQ) wirken als untere Schranke.

Aus Lieferantensicht ist die Losbildung ebenfalls ein Optimierungsproblem: Rüstkosten beim Werkzeugwechsel, Mindest-Maschinenlaufzeit und Verpackungseinheit (Karton, Palette, Container) sind die Determinanten. Beide Seiten haben oft unterschiedliche Optima — Verhandlung bedeutet, einen wirtschaftlichen Mittelweg zu finden.

Die Pareto-Regel hilft bei der Priorisierung: 80 Prozent des Spend stecken in 20 Prozent der Artikel. Nur für diese A-Teile lohnt eine detaillierte Losbildung-Analyse; für C-Teile genügt das Bestellrhythmusverfahren mit fixen Bestelltagen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein nordrhein-westfälischer Hersteller medizintechnischer Komponenten (240 MA, 58 Mio. EUR Umsatz) plant für 2026 die Losbildung für einen einbaufertigen Edelstahl-Adapter (DIN 1.4404, ISO 13485 zertifiziert). Jahresbedarf 18.500 Stück, durchschnittlicher Wochenbedarf 356 Stück, Standardabweichung 64 Stück.

Lieferant ist ein Tier-1-Drehteilefertiger aus Nordrhein-Westfalen (180 MA), der seine Konditionen in vier Mengenstufen anbietet (Stand März 2026):

  • 100-499 Stück pro Bestellung: 8,90 EUR
  • 500-1.499 Stück: 8,20 EUR
  • 1.500-3.999 Stück: 7,60 EUR
  • ab 4.000 Stück: 7,10 EUR

Bestellkosten pro Bestellung intern: 110 EUR (Disposition, Wareneingang, Buchhaltung). Lagerhaltungskostensatz 22 Prozent (Kapitalbindung 4,8 Prozent, Lagermiete 9,2 Prozent, Schwund/Verschrottung 3,5 Prozent, Versicherung 2,1 Prozent, Risiko 2,4 Prozent). Lieferzeit 14 Werktage, Mindestabnahmemenge 100 Stück.

Andler-Berechnung Stufe 1: q* = Wurzel((2 x 18.500 x 110) / (8,90 x 0,22)) = 1.452 Stück. Diese Menge fällt in Stufe 2 (500-1.499), aber knapp über der Grenze. Stufe-2-EOQ: q* = 1.513 Stück, fällt in Stufe 3 (1.500-3.999). Stufe-3-EOQ: q* = 1.572 Stück, liegt nur knapp innerhalb. Die TCO-Vergleichsrechnung über alle Stufen zeigt: Bestellung von 1.572 Stück alle 4 Wochen erzeugt jährliche Gesamtkosten (Material + Bestell + Lager) von 145.480 EUR; ein Sprung auf 4.000 Stück ergibt 144.060 EUR — Differenz 1.420 EUR jährlich.

Verhandlung im April 2026: Der Einkauf nutzt die enge Grenze und schlägt vor: Festpreis 7,30 EUR ab 2.500 Stück pro Bestellung statt 4.000 Stück, dafür Mehrjahres-Rahmenvertrag mit garantiertem Mindestabruf 16.000 Stück pro Jahr. Begründung: Die Losbildung soll am Bedarfsverlauf orientiert sein, nicht künstlich hoch gefahren werden, um Stufen zu erreichen.

Ergebnis nach zwei Verhandlungsrunden: Festpreis 7,30 EUR ab 2.000 Stück, Mehrjahres-Rahmen über 24 Monate, Konsignationslager-Option für 800 Stück (Sicherheitsbestand). Neue optimale Losgröße: 2.000 Stück alle 5,2 Wochen, Bestellfrequenz von 12 auf 9 Bestellungen pro Jahr reduziert. TCO-Einsparung 4.380 EUR jährlich plus 7.200 EUR Bestellprozesskosten.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die mechanische Anwendung der Andler-Formel ohne Plausibilitätsprüfung. Wenn die Formel eine Losgröße von 87 Stück ausspuckt, der Lieferant aber nur Karton-Verpackung von 250 Stück anbietet, ist das Andler-Optimum praktisch irrelevant. Korrekt: Verpackungseinheiten und MOQ als Nebenbedingung in die Losbildung einbeziehen.

Zweiter Fehler: Bestellkosten falsch ansetzen. Wer Bestellkosten mit 25 EUR pauschal ansetzt, unterschätzt die echten Prozesskosten (Anfrage, Verhandlung, Wareneingangsprüfung, Reklamation, Buchhaltung) typischerweise um Faktor 3 bis 5. Realistische Bestellkosten in DACH-Mittelstand 2026: 65 bis 180 EUR pro Bestellung je nach Komplexität. Eine Cost-per-Purchase-Order-Analyse ist Pflicht.

Dritter Fehler: Lagerhaltungskosten zu niedrig. Viele Unternehmen rechnen nur mit 8 bis 12 Prozent (nur Kapitalbindung). Vollständige Lagerhaltungskosten umfassen Lagermiete, Personal, Versicherung, Schwund, Verschrottung und Obsoleszenz-Risiko — realistisch 18 bis 28 Prozent jährlich.

Vierter Fehler: Sägezahnmuster ignorieren. Klassische EOQ unterstellt konstanten Bedarf; bei saisonalen Artikeln (z.B. Heizungstechnik, Landtechnik) versagt das Modell. Hier ist Wagner-Whitin oder Periodic-Review-Logik angemessen.

Verhandlungskontext: Der wirksamste Hebel bei der Losbildung ist nicht die Stückpreis-Reduktion, sondern die Reduktion der Bestellkosten und Lieferzeiten. Wenn der Lieferant per EDI-Anbindung und elektronischer Auftragsbestätigung den internen Bestellaufwand von 110 auf 45 EUR senkt, sinkt die optimale Losgröße — und damit die Kapitalbindung — erheblich. Auch eine Verkürzung der Lieferzeit von 14 auf 5 Werktage reduziert den Sicherheitsbestand und kann TCO stärker beeinflussen als 3 Prozent Stückpreissenkung.

Bei A-Teilen empfiehlt sich Joint-Replenishment: Wenn beim selben Lieferanten 6 Artikel bezogen werden, lassen sich Bestellungen zusammenfassen und der gemeinsame Bestellaufwand auf alle Positionen verteilen.

Verwandte Begriffe

  • [[eoq-andler-formel]] — Klassische Formel zur Losgrößen-Optimierung; mathematisches Fundament der Losbildung.
  • [[wagner-whitin-algorithmus]] — Erweiterte Losbildung bei dynamischem Bedarf über mehrere Perioden.
  • [[bestellpunktverfahren]] — Auslösung der Bestellung bei Erreichen des Meldebestands; verknüpft mit Losbildung.
  • [[abc-analyse]] — Klassifizierung der Artikel nach Spend-Anteil; nur A-Teile rechtfertigen detaillierte Losbildung.
  • [[sicherheitsbestand]] — Puffer gegen Bedarfs- und Lieferzeitschwankungen; ergänzt die Losbildung-Logik.

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