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Procari Lexikon Materialfluss
Einkaufslexikon

Materialfluss

Materialfluss

Materialfluss bezeichnet die Verkettung aller Vorgänge beim Gewinnen, Be- und Verarbeiten sowie bei der Verteilung von Gütern innerhalb festgelegter Bereiche. Er ist die operative Realisierungsebene der Logistik und unterscheidet sich vom übergeordneten Logistikmanagement durch seinen rein physischen Fokus auf Bewegungen, Bestände und Wege.

Detaillierte Erklärung

Diese Definition stammt aus der VDI-Richtlinie 2689 "Leitfaden für Materialflussuntersuchungen", die vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) im Februar 2019 in der Neufassung publiziert wurde und die Entwurfsfassung von 2010 ablöste. Herausgeber ist die VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL). Die Richtlinie liefert methodische Grundlagen, Checklisten und Visualisierungstechniken wie Sankey-Diagramme, Flussmatrizen und Wege-Zeit-Diagramme zur quantitativen Analyse physischer Bewegungen. Vom Materialfluss umfasst sind alle physischen Bewegungen entlang der Wertschöpfungskette: Wareneingang, Einlagerung, innerbetrieblicher Transport, Bearbeitung, Pufferung, Kommissionierung, Verpackung und Versand bis zur Senke beim Kunden. Ergänzend regelt VDI 2498 Blatt 1 das grundsätzliche Vorgehen bei der Materialflussplanung. Die Bundesvereinigung Logistik (BVL) ordnet den Materialfluss als operative Realisierungsebene der Logistik ein. Wesentliche Kenngrößen sind Durchsatz (Stück oder Tonnen pro Stunde), Bestandshöhe entlang der Strecke, Wegzeitanteile sowie der Anteil nicht-wertschöpfender Bewegungen, der in Lean-Bewertungen über die [[wertstromanalyse]] typischerweise zwischen 60 und 85 Prozent liegt.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein süddeutscher Elektronik-Auftragsfertiger mit 410 Mitarbeitern führte 2025 eine Materialflussuntersuchung nach VDI 2689 durch, um die Anlieferzonen für SMD-Bauteile neu zu strukturieren. Die Erhebung zeigte, dass 14 Lieferanten 62 Prozent des wöchentlichen Eingangsvolumens stellten, jedoch über sieben verschiedene Tore angeliefert wurde. Mit der Umstellung auf zwei dedizierte Cross-Docking-Tore und einem Zeitfenstermanagement-System wurde die durchschnittliche Wartezeit der Speditionen von 47 auf 18 Minuten reduziert. Der Beschaffungsbereich nutzte die Erkenntnisse, um in den Folgeverhandlungen mit den drei Hauptdienstleistern Anliefertaktungen vertraglich zu fixieren und einen Bonus-Malus-Mechanismus für Pünktlichkeit ab 95 Prozent OTIF-Quote einzuführen. Die [[bottleneck-analyse]] der Wareneingangstore wurde anschließend Bestandteil des quartalsweisen Logistikreviews.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die isolierte Optimierung einzelner Stationen ohne Blick auf das Gesamtsystem. Eine schnellere Kommissionierung ohne abgestimmten Wareneingang verlagert den Engpass nur. In Verhandlungen mit Lieferanten ist die Verpackungseinheit der zentrale Hebel: Eine an die Förder- und Lagertechnik angepasste Ladungsträgerstrategie (KLT, GLT, Gitterboxen mit GS1-Etikettierung) spart Umpackvorgänge im Wareneingang. Ein durchgängiger [[informationsfluss]] mit Lieferavis (DESADV) 24 Stunden vor Anlieferung ist Voraussetzung für JIT-Modelle. Wer den Materialfluss vor dem Verhandlungstermin nicht in einem Sankey-Diagramm visualisiert hat, verliert Argumentationsboden bei der Forderung nach veränderten Verpackungseinheiten oder Just-in-Time-Anlieferung.

Verwandte Begriffe

Der Materialfluss verbindet sich mit [[informationsfluss]], [[materialdisposition]], [[wertstromanalyse]], [[bottleneck-analyse]], [[slow-mover-analyse]], [[plan-ist-vergleich-bestand]] und [[beschaffungsmarktforschung]] zu einer durchgängigen Sicht der physischen und informatorischen Versorgungskette.

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