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Procari Lexikon Nachkalkulation
Einkaufslexikon

Nachkalkulation

Nachkalkulation

Die Nachkalkulation ist die abschliessende Kostenrechnung nach Abschluss eines Auftrags oder Beschaffungsvorgangs: Sie stellt die tatsachlich angefallenen Istkosten den vorab kalkulierten Sollkosten gegenuber. Fur Einkaufer in DACH-Fertigungsbetrieben ist sie das zentrale Instrument, um Preisabweichungen zu erkennen, Lieferanten zu bewerten und die [[vorkalkulation]] fur kunftige Perioden zu verbessern.

Detaillierte Erklarung

Die Nachkalkulation schliest den Kalkulationskreislauf: [[vorkalkulation]] (Planung) → Auftragsdurchfuhrung → Nachkalkulation (Kontrolle). Wahrend die Vorkalkulation auf Schatzungen, Planpreisen und Erfahrungswerten basiert, verwendet die Nachkalkulation ausschliesslich belegbare Istdaten aus dem Rechnungswesen.

Kostenstruktur nach Zuschlagskalkulation (typisch fur DACH-Fertigungsbetriebe):

Die Nachkalkulation erfasst die tatsachlichen Werte fur alle Kalkulationsstufen:

  1. Materialeinzelkosten — tatsachlicher Einstandspreis laut Wareneingangsbeleg und Rechnung
  2. Materialgemeinkosten — anteilige Lagerhaltungs-, Bestell- und Pruefkosten (oft als Zuschlagsatz auf MEK)
  3. Fertigungseinzelkosten — tatsachliche Maschinenstunden und Lohnkosten
  4. Fertigungsgemeinkosten — Overhead der Kostenstellen gemas Betriebsabrechnungsbogen
  5. [[herstellkosten]] — Summe der obigen Positionen (= Herstellungskosten nach HGB §255)
  6. Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten — Zuschlag auf Herstellkosten
  7. [[selbstkosten]] — Gesamtkosten des Betriebs fur diesen Auftrag

Im Einkauf steht vor allem die Kontrolle der Materialeinzel- und Materialgemeinkosten im Mittelpunkt. Abweichungen zwischen Planpreis (Vorkalkulation) und Istpreis (Nachkalkulation) lassen sich in drei Kategorien einteilen:

  • Preisabweichung: Der eingekaufte Preis weicht vom Planpreis ab — Verhandlungsergebnis, Marktpreisschwankung oder Dynamic Pricing
  • Mengenabweichung: Mehr oder weniger Material wurde benotigt als geplant — Ausschuss, Konstruktionsanderungen, Mehrverbrauch
  • Wahrungsabweichung: Bei Fremdwahrungsbeschaffung entstehen Kursabweichungen gegenuber dem Planwechselkurs

GoBD-Anforderungen: Die Nachkalkulation muss auf GoBD-konformen Belegen basieren. Jeder Wert muss auf eine Buchung (Wareneingangsrechnung, Lohnabrechnung, Kostenstellen-Buchung) zuruckzufuhren sein. Eigenentwickelte Excel-Auswertungen ohne Belegbindung sind nicht GoBD-konform und konnen bei einer Betriebsprufung beanstandet werden.

IAS 2 / HGB §255: Fur die Bewertung von Vorratvermogen nach IAS 2 und die Aktivierung von Herstellungskosten nach HGB §255 ist die Nachkalkulation die Datengrundlage: Nur tatsachlich angefallene und belegte Kosten durfen aktiviert werden.

Periodizitat: Im Seriengeschaft wird die Nachkalkulation typischerweise pro Los oder Charge durchgefuhrt (Loskalkulation). Im Projektgeschaft erfolgt sie nach Auftragsabschluss oder meilensteinartig. Viele DACH-Mittelstandsunternehmen fuhren eine kombinierte Abschluss-Nachkalkulation am Monatsende durch.

Praxisbeispiel

Ein Einkaufer eines suddeutschen Automobilzulieferers hat fur eine Beschaffungsrunde von Aluminium-Druckgussteilen eine Vorkalkulation mit einem Planpreis von 4,80 EUR/Stuck erstellt, basierend auf dem Rahmenvertragspreisstand Q1/2025.

Nach Wareneingang und Rechnungsprufung zeigt die Nachkalkulation:

  • Istpreis Materialeinzelkosten: 5,20 EUR/Stuck (+8,3 % gegenuber Plan)
  • Ursache: Lieferant hat eine Energiekostenpauschale von 0,32 EUR/Stuck in der Rechnung aufgeschlagen, die im Rahmenvertrag nicht explizit ausgeschlossen war
  • Mengenabweichung: 2 % Mehrverbrauch durch horen Ausschuss bei einer neuen Chargenlieferung
  • Gesamtabweichung Material: +9,1 % auf Losebene

Der Einkaufer dokumentiert die Preisabweichung und eroffnet mit dem Lieferanten eine Preisstruktur-Klarung (vgl. [[open-book-kalkulation]]). Der Energiezuschlag wird fur Folgeperioden vertraglich prazisiert.

Gleichzeitig fliessen die Istkosten in die aktualisierte Vorkalkulation fur Q3/2025 ein — der Planpreis wird auf 5,05 EUR/Stuck adjustiert.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Nachkalkulation wird nicht oder zu spat durchgefuhrt: In vielen Mittelstandsbetrieben endet der Einkaufsprozess mit der Rechnungsprufung. Ohne systematische Nachkalkulation werden Preisabweichungen nicht erkannt, der Lieferant bleibt ohne Feedback, und die Vorkalkulation fur Folgeperioden wird nicht angepasst.

Fehler 2 — Falsche Zuordnung von Gemeinkosten: Materialgemeinkosten (Lager, Bestellung, Eingangsprufung) werden oft pauschalisiert und nicht per Beschaffungsvorgang kalkuliert. Das fuhrt zu systematischen Verzerrungen in der Kostentransparenz.

Fehler 3 — Preisabweichung wird nicht eskaliert: Selbst wenn eine Nachkalkulation vorliegt, wird die Preisabweichung intern akzeptiert ohne Rucksprache mit dem Lieferanten. Das signalisiert Toleranz fur Preisdrift.

Verhandlungskontext: Die Nachkalkulation ist das starkste Argument in Preisverhandlungen: Wer mit belegten Istabweichungen aus vergangenen Auftragsrunden in die Verhandlung geht, verhandelt auf Faktenbasis. Lieferanten, die systematisch uber Planpreis liefern (Preisabweichung > 5 % in drei oder mehr aufeinanderfolgenden Nachkalkulationen), sind Kandidaten fur eine Lieferantenbewertung und Vertragsneuverhandlung.

Kombination mit [[cost-breakdown]]: Die Nachkalkulation zeigt WIE VIEL abgewichen wurde; die Preisstrukturanalyse zeigt WARUM. Beide Instrumente erganzen sich.

Verwandte Begriffe

  • [[vorkalkulation]] — Plankostenermittlung vor Auftragsdurchfuhrung
  • [[selbstkosten]] — Gesamtkosten inkl. Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten
  • [[herstellkosten]] — Teilmenge der Selbstkosten (ohne VVK-Zuschlag)
  • [[einstandspreis]] — tatsachlicher Materialpreis nach Zu-/Abschlagen
  • [[open-book-kalkulation]] — gemeinsame Offenlegung der Kostenstruktur mit dem Lieferanten
  • [[preisstrukturanalyse]] — Analyse der Kostenbestandteile eines Angebotspreises
  • [[cost-breakdown]] — detaillierte Aufschlusselung aller Kostenkomponenten

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