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Procari Lexikon Nicht-Produktionsmaterial
Einkaufslexikon

Nicht-Produktionsmaterial

Nicht-Produktionsmaterial

Nicht-Produktionsmaterial (kurz: NPM) bezeichnet alle Einkaufsobjekte, die weder in ein Endprodukt eingehen noch zur direkten Fertigung beigetragen — also IT-Ausstattung, Bürobedarf, Dienstleistungen, Investitionsgüter und alle sonstigen Betriebsausgaben außerhalb der Stückliste. In DACH-Unternehmen liegt das NPM-Spend häufig im Bereich von 20–40 % des Gesamteinkaufsvolumens, wird aber systematisch weniger professionell gesteuert als [[produktionsmaterial]].

Detaillierte Erklärung

Nicht-Produktionsmaterial ist das direkte Gegenstück zu [[produktionsmaterial]]: Alles, was nicht in den Stücklisten des Fertigungsprogramms erscheint und nicht unmittelbar den Herstellungsprozess unterstützt, fällt in diese Kategorie. Der Begriff "Non-Production Material" (NPM) wird in internationalen Unternehmen und in UNSPSC-Klassifikationssystemen als Standardterminologie verwendet; im deutschsprachigen Raum ist auch [[indirektes-material]] als Synonym verbreitet, obwohl manche Autoren [[hilfs-und-betriebsstoffe]] zum Produktionsmaterial rechnen und "Indirektes Material" damit weiter oder enger definieren als NPM.

Typische NPM-Kategorien im DACH-Fertigungsbetrieb:

IT und Digitale Infrastruktur: Hardware (Laptops, Server, Drucker), Softwarelizenzen (ERP, CAD, Office 365), Cloud-Services (SaaS, IaaS), IT-Dienstleistungen (Wartungsverträge, Outsourcing). Kennzeichen: Hoher Vertragswert, lange Laufzeiten, starke Lieferantenmacht bei Hyperscalern und großen Softwareanbietern.

Facility Management: Gebäudereinigung, Sicherheitsdienste, Catering, Instandhaltung von Gebäuden, Versorgungsmedien (Strom, Gas, Wasser). Kennzeichen: Standortgebunden, schwer zu zentralisieren, lokale Ausschreibungen notwendig.

Reise und Mobilität: Geschäftsreisen (Bahn, Flug, Hotel), Dienstfahrzeuge, Fuhrparkverwaltung, Mitarbeiter-Shuttles. Kennzeichen: Dezentrale Buchungen, Maverick-Buying-Risiko hoch, Compliance-Anforderungen (Reiserichtlinie).

Marketing und Kommunikation: Messestände, Werbemittel, Printproduktion, Agenturleistungen, Sponsoring. Kennzeichen: Häufig außerhalb der Einkaufskontrolle, Fachabteilung bestellt autonom.

Personaldienstleistungen: Zeitarbeit, externe Berater, Weiterbildung, Recruiting. Kennzeichen: Hohe Variabilität, rechtliche Besonderheiten (AÜG in Deutschland), BetrVG § 87-Mitbestimmungsrechte bei bestimmten Arbeitsbedingungsänderungen.

Bürobedarf und Verbrauchsmaterial: Papier, Toner, Büromöbel, Verpackungsmaterial (soweit nicht produktionsbezogen). Typischer [[tail-spend]]-Bereich.

Bilanzielle Behandlung nach HGB: NPM ist fast ausschließlich Aufwand der Periode. Investitionsgüter (Maschinen, IT-Hardware über Aktivierungsgrenze) werden als Anlagevermögen nach HGB § 247 Abs. 2 aktiviert und über die Nutzungsdauer abgeschrieben (HGB § 253 Abs. 3). Die steuerliche Aktivierungsgrenze für geringwertige Wirtschaftsgüter (GWG) liegt nach § 6 Abs. 2 EStG bei 800 EUR netto — ein Schwellenwert, der für den Einkauf beim Bestellprozess-Design relevant ist (GWG-Sammelposten vs. Sofortabschreibung vs. Aktivierung). Der Vorsteuerabzug nach UStG § 15 ist für NPM uneingeschränkt möglich, sofern unternehmerisch genutzt.

GoBD-Compliance: Rechnungen für NPM unterliegen denselben Aufbewahrungspflichten wie alle Buchungsbelege (10 Jahre für Handelsbriefe und Buchungsunterlagen nach HGB § 257 und AO § 147). Ein häufiger Compliance-Fehler: Kleinbetragsrechnungen aus Onlineshops (Amazon Business, office4u etc.) werden nicht systematisch archiviert. Eine P2P-Systemlösung mit automatischer Belegarchivierung schließt diese Lücke.

SAP MM für NPM: SAP bietet für NPM zwei Hauptwege: Erstens die Bestandsbeschaffung mit Materialstamm (z. B. für lagerhaltigen Bürobedarf), zweitens und häufiger die Direktkontierung auf Kostenstelle ohne Materialstamm (sog. "Verbrauchsbuchung", Kontierungstyp K). Ergänzend setzen viele DACH-Unternehmen SAP SRM (Supplier Relationship Management) oder externe P2P-Plattformen (Coupa, Jaggaer, Ivalua) für NPM-Beschaffung ein, da das Standardmodul MM für die Vielfalt und dezentrale Natur von NPM-Bestellungen wenig geeignet ist.

[[category-management]] für NPM: Professional-NPM-Einkauf strukturiert die Ausgaben in manageable Kategorien mit je eigenem Lieferantenportfolio und Beschaffungsstrategie. Die klassische Kategorisierung folgt dem Kraljic-Portfolio: Hebelmaterialien (hohes Volumen, viele Lieferanten) werden über Ausschreibungen und Rahmenverträge verhandelt; unkritische Teile ([[c-teile-management]]) werden über Kataloge oder VMI automatisiert.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Medizintechnikunternehmen in Baden-Württemberg (ca. 800 Mitarbeiter, ISO 13485-zertifiziert) hat seinen Gesamtspend auf Steuerbarkeit analysiert. Von 22 Mio. EUR Gesamteinkauf entfallen 6,8 Mio. EUR (31 %) auf NPM. Die größten NPM-Positionen: IT-Infrastruktur und Lizenzen (1,9 Mio. EUR), Zeitarbeit und Fremdpersonal (1,4 Mio. EUR), Facility Management (1,1 Mio. EUR), Reisekosten (0,7 Mio. EUR), Restliches (1,7 Mio. EUR auf 280 Lieferanten).

Maßnahmenpaket mit 18-Monats-Horizont:

  1. IT-Lizenzen: Lizenzmanagement-Software eingeführt, 23 ungenutzte Softwarelizenzen identifiziert und gekündigt — jährliche Einsparung 68.000 EUR.
  2. Zeitarbeit: Rahmenvertragsausschreibung unter 5 Zeitarbeitsunternehmen (AÜG-konform), einheitliche Stundenverrechnungssätze nach Qualifikationsstufe — Einsparung 8 % auf Zeitarbeitskosten.
  3. Reise: Einführung Online-Buchungsportal mit Approval-Workflow — Maverick-Buying-Quote von 45 % auf 12 % gesenkt.
    Gesamteinsparung nach 18 Monaten: 312.000 EUR (4,6 % des NPM-Spends).

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — NPM wird nicht als Einkaufskategorie behandelt: In vielen Mittelstandsunternehmen liegt die Verantwortung für NPM vollständig bei den Fachabteilungen. Der Einkauf kennt die Ausgaben nicht, verhandelt keine Konditionen, überwacht keine Lieferanten. Erste Maßnahme: NPM-Spend aus ERP extrahieren, Ausgaben-Ranking erstellen, Top-10-Kategorien identifizieren.

Fehler 2 — Keine Trennung von Kauf und Leasing/Miete: IT-Investitionen werden manchmal aus Liquiditätsgründen geleast statt gekauft, ohne dass der Einkauf die TCO (Gesamtkosten über Nutzungsdauer) berechnet. Leasingkonditionen und Restwertvereinbarungen sind nicht weniger verhandelbar als Kaufpreise — werden aber seltener verhandelt.

Fehler 3 — Digitale Abonnements unkontrolliert: SaaS-Abonnements (monatlich kündbar) werden von Fachabteilungen eigenständig abgeschlossen, laufen weiter ohne Nutzungsprüfung und akkumulieren sich zu erheblichen Beträgen. Ein zentrales Software-Asset-Management (SAM) verhindert diesen "SaaS-Sprawl".

Verhandlungskontext: NPM-Verhandlungen sind oft durch Informationsasymmetrie geprägt: Der Lieferant kennt seine Kostenstruktur besser als der Einkäufer. Gegenmaßnahmen: Marktpreisrecherche (Benchmarking über Einkaufsverbände wie BME), Ausschreibung als Druckmittel, Bündelung ähnlicher Kategorien, Total-Cost-of-Ownership-Analyse statt Fokus auf Listenpreis.

Verwandte Begriffe

  • [[produktionsmaterial]] — Gegenbegriff: alle fertigungsrelevanten Einkaufsobjekte
  • [[indirektes-material]] — weitgehend synonymer Begriff, teils weiter gefasst
  • [[hilfs-und-betriebsstoffe]] — Grenzbereich zwischen Produktions- und NPM-Welt
  • [[tail-spend]] — charakteristisches NPM-Phänomen mit vielen kleinen Lieferanten
  • [[c-teile-management]] — spezialisierter Ansatz für unkritische NPM-Kategorien
  • [[spend-analyse]] — Ausgangspunkt jedes NPM-Optimierungsprojekts
  • [[category-management]] — strategischer Rahmen für NPM-Kategorien

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