Notfallplan Lieferant
Notfallplan Lieferant
Ein Notfallplan Lieferant ist die operative Detailebene eines übergeordneten Business Continuity Plans und beschreibt, wie der Einkauf reagiert, wenn ein einzelner Lieferant ganz oder teilweise ausfällt. Sie definieren darin alternative Bezugsquellen, Sicherheitsbestände, Eskalationsstufen und Wiederanlaufzeiten für jede A- und kritische B-Teile-Position.
Detaillierte Erklärung
Anders als der unternehmensweite BCP nach ISO 22301:2019 ist der Notfallplan Lieferant lieferantenspezifisch und enthält die konkreten Stammdaten des Engpasses, etwa Materialnummer, Werkzeugstandort, Eigentumsstatus, Zollverfahren und qualifizierte Zweitquellen. Der BME empfiehlt in seinen Leitfäden zum Risikomanagement im Einkauf, für jeden A-Lieferanten ein zweiseitiges Plandokument zu pflegen und mindestens quartalsweise zu aktualisieren. Die Halbleiterkrise ab 2021 hat als Stresstest gezeigt, dass Pläne ohne präqualifizierte Zweitquellen wirkungslos bleiben, weil im Krisenmoment niemand mehr freie Kapazitäten anbietet.
Der Plan legt typische Recovery Time Objectives zwischen 24 und 72 Stunden fest und definiert Schwellenwerte, ab denen der Krisenstab anstelle des operativen Einkaufs übernimmt. Übungsformate sind in der Praxis dreistufig: Tabletop-Walkthrough mit einem Moderator und der Einkaufsleitung, Stabsrahmenübung mit eingespielter Eskalation an den Vertrieb sowie Vollübung mit tatsächlicher Bestellung beim Zweitlieferanten. Die Beratung HvS-Consulting und der Notfallübungs-Spezialist F24 empfehlen mindestens eine geübte Eskalation pro Jahr und Schlüssellieferant. Ein gut geübter Plan hat zwei Effekte, er verkürzt die Reaktionszeit deutlich und schafft beweisbare Sorgfalt für die Anforderungen aus dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Automobilzulieferer mit Standort in Sachsen pflegt für 38 A-Lieferanten einen Notfallplan Lieferant. Im März 2024 fällt der Hauptlieferant für CNC-Drehteile durch einen Brand in der Lackiererei für sechs Wochen aus. Der Plan sieht zwei vorqualifizierte Zweitquellen in Polen und Portugal vor, beide mit Erstmusterprüfbericht aus dem Vorjahr. Innerhalb von 36 Stunden wird die Erstbestellung über 2.400 Teile bei der polnischen Quelle ausgelöst. Die Mehrkosten betragen 14 Prozent gegenüber dem Hauptlieferanten, der zusätzliche Logistikaufwand 8.500 Euro. Durch den definierten Sicherheitsbestand von 21 Tagen wird die Bandfertigung beim OEM nicht unterbrochen, eine sonst mit 150.000 Euro pro Tag bewertete Konventionalstrafe wird vermieden. Die jährlichen Pflegekosten des Plans liegen bei rund 0,8 Vollzeitäquivalenten in der strategischen Beschaffung.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Klassischer Fehler ist die Karteileiche, ein Plan, der einmal erstellt und dann nicht aktualisiert wird. Ohne aktuelle Ansprechpartner, neue Werkzeuge und geprüfte Liefermengen verliert er innerhalb von zwölf Monaten jeden Praxiswert. Zweiter Fehler: Sich auf eine reine Selbstauskunft des Zweitlieferanten zu verlassen, ohne ein Erstmuster zu beauftragen. Im Verhandlungskontext ist das Werkzeugherausgaberecht zentral, ohne explizite Eigentumsklausel und Hinterlegungsregelung lassen sich Werkzeuge im Insolvenzfall des Hauptlieferanten oft nicht zeitnah zur Zweitquelle bringen.
Verwandte Begriffe
Der Notfallplan Lieferant ist die operative Schwester des [[business-continuity-plan-bcp]] und nutzt die Risikoeinschätzung aus dem [[lieferantenrisikomanagement]]. Er ist eng verzahnt mit [[dual-sourcing]], [[sicherheitsbestand]] und [[lieferantenklassifizierung]], weil ohne die ABC-Logik die Auswahl der zu beplanenden Lieferanten beliebig wird.