Open-Book-Kalkulation
Open-Book-Kalkulation
Bei der Open-Book-Kalkulation legt ein Lieferant seine Kostenkalkulation gegenüber dem Kunden vollständig offen — Materialeinsatz, Fertigungsstunden, Gemeinkostenzuschläge, Gewinnaufschlag. Sie ist das schärfste Instrument der Kostentransparenz im strategischen Einkauf und Voraussetzung für partnerschaftliche Verbesserungsprogramme nach dem Vorbild des Toyota-Keiretsu.
Detaillierte Erklärung
Die Open-Book-Kalkulation (auch Open Book Accounting, offene Kalkulation) ist eine vertraglich vereinbarte Cost-Breakdown-Pflicht: Der Lieferant überlässt dem Kunden eine strukturierte Aufstellung aller Kostenbestandteile eines Teils oder Auftrags, typischerweise gegliedert nach Direktmaterial, Direktlohn, Maschinenstunden, variablen und fixen Gemeinkosten, Logistik, Sondereinzelkosten sowie Gewinn. Methodisch gehört sie zur Familie der Kostenstrukturanalyse und ist eng verwandt mit dem [[should-cost-modell]], unterscheidet sich aber dadurch, dass die Daten vom Lieferanten kommen — nicht vom Einkäufer rekonstruiert werden.
Historisch wurde die Methode in den 1980er-Jahren in der japanischen Automobilzulieferindustrie geprägt. Toyota führte zwischen 1981 und 1989 über 200 Benchmarking- und Kostenanalyse-Projekte gemeinsam mit Schlüssellieferanten durch und etablierte Open-Book als Bestandteil der Keiretsu-Beziehung. In Deutschland greift der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) die Methode in Mustervertragsklauseln auf; ergänzend liefert die VDI-Richtlinie 2884 (Beschaffung, Betreiben und Instandhaltung von Produktionsmitteln) Strukturvorgaben für Lebenszykluskosten, die in Open-Book-Cost-Breakdowns einfließen.
Zentrale Vertragselemente sind das Auditrecht (typisch 1 Vor-Ort-Prüfung pro Jahr durch Einkäufer oder unabhängigen Wirtschaftsprüfer), die Vertraulichkeitsregelung über eine [[nda-geheimhaltungsvereinbarung]], sowie eine Gain-Share-Klausel: Identifizierte Einsparungen werden im Verhältnis 50:50 oder 70:30 geteilt. Ohne Auditrecht bleibt Kostentransparenz bloße Behauptung — der American Productivity & Quality Center (APQC) verweist in mehreren Studien darauf, dass Cost-Breakdowns ohne Prüfungsmöglichkeit binnen weniger Quartale durch geglättete Plausibilitätswerte verwässert werden.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein DACH-Mittelständler aus dem Maschinenbau (450 Mitarbeitende) bezieht eine geschweißte Stahlbaugruppe für 187,40 EUR pro Stück, Jahresvolumen 12.000 Stück (2,25 Mio. EUR). Im Rahmenvertrag wird Open-Book ab 2027 vereinbart. Der Lieferant liefert folgenden Cost-Breakdown: Material 92,30 EUR (49,3 %), Direktlohn 28,10 EUR (15,0 %), Maschinenstunden 19,80 EUR (10,6 %), Gemeinkosten 31,40 EUR (16,8 %), Gewinn 15,80 EUR (8,4 %). Das Audit-Team des Einkäufers (zwei Werktage vor Ort) entdeckt drei Hebel: Materialaufschlag 8 % über Marktindex (LME-Stahl), Rüstzeitanteil 14 % statt benchmarktypischer 8 %, Gemeinkostensatz 220 % auf Direktlohn statt branchenüblicher 165 %. Verhandelte Zielkalkulation: 168,90 EUR — Einsparung 18,50 EUR pro Stück, hochgerechnet 222.000 EUR pro Jahr. Per Gain-Share-Klausel 70/30 erhält der Lieferant 66.600 EUR, der Einkäufer 155.400 EUR netto.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erstens das Auditrecht zu kippen: Lieferanten verweisen auf Wettbewerbsschutz und bieten geschwärzte Excel-Tabellen statt nachprüfbarer Buchhaltungsdaten — wer das akzeptiert, bekommt eine Marketing-Folie statt einer Kostenkalkulation. Zweitens Gemeinkostensätze ungeprüft zu übernehmen: Sätze über 200 % auf Direktlohn signalisieren entweder ineffiziente Strukturen oder Einrechnung lieferantenfremder Kosten. Drittens Open-Book ohne Gegenleistung zu fordern: Ein Lieferant öffnet seine Bücher nur, wenn er Volumengarantie, Mehrjahresvertrag oder Gain-Share bekommt — sonst verschwinden die ehrlichen Zahlen hinter Sicherheitspuffern. Open-Book taugt nicht für jedes Teil: Bei Standardware mit funktionierendem Wettbewerb ist [[linear-performance-pricing]] schneller, bei Engineering-Teilen mit hoher Spezifität ist Open-Book überlegen.
Verwandte Begriffe
Open-Book-Kalkulation grenzt an [[should-cost-modell]] (Einkäufer-seitige Rekonstruktion), [[total-cost-of-ownership]] (Lebenszyklusbetrachtung) und [[wertanalyse]] (DIN EN 12973), wird vertraglich abgesichert durch [[nda-geheimhaltungsvereinbarung]] und [[rahmenvertrag]] mit Auditklausel.