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Procari Lexikon Optimale Bestellmenge
Einkaufslexikon

Optimale Bestellmenge

Optimale Bestellmenge

Die Optimale Bestellmenge ist die Losgröße, bei der die Summe aus Bestell- und Lagerhaltungskosten ein Minimum erreicht. Sie wird in SAP S/4HANA MRP-Live, Slim4 und ToolsGroup SO99+ über die Andler-Formel berechnet und steuert pro Materialnummer, wie viele Stück pro Auftrag beschafft werden – ein zentraler Hebel für die Working-Capital-Bindung im Einkauf.

Detaillierte Erklärung

Die Optimale Bestellmenge geht auf die Andler-Formel von 1929 zurück und löst den klassischen Zielkonflikt zwischen Bestellfixkosten und Lagerhaltungskosten. Jede zusätzliche Bestellung verursacht Aufwand für Disposition, Anfrage, Wareneingang und Buchung – branchentypisch 45 bis 180 EUR pro Bestellzeile im DACH-Maschinenbau laut Hackett-Group-Benchmark 2024. Jede gelagerte Einheit bindet hingegen Kapital, Fläche und Versicherung, üblich mit einem Lagerhaltungskostensatz i von 18 bis 28 Prozent pro Jahr auf den Stückwert p.

Die Formel lautet: EOQ = √(2 × K × B / (i × p)). Dabei steht K für die fixen Bestellkosten je Auftrag, B für den Jahresbedarf in Stück, i für den Zinssatz der Kapitalbindung plus Lagerkosten und p für den Einstandspreis. Das Ergebnis ist eine quadratwurzelgeschwungene Kurve: Verdoppelt sich der Jahresbedarf, steigt die Optimale Bestellmenge nur um den Faktor 1,41.

In SAP S/4HANA wird die Optimale Bestellmenge im Materialstammsatz MRP2-View über das Losgrößenverfahren "EX" (exakte Losgröße) oder "OB" (optimale Losgröße nach Andler) gesteuert. Oracle Demantra und Slim4 bieten Erweiterungen für gestaffelte Mengenrabatte und kapazitätsabhängige Restriktionen. Bei A-Teilen nach [[abc-analyse]] sollte die Optimale Bestellmenge quartalsweise überprüft werden, bei C-Teilen reicht eine jährliche Pflege.

Abzugrenzen ist die Optimale Bestellmenge von der [[minimum-order-quantity-moq]], die vom Lieferanten vorgegeben wird, und von der [[hoechstbestand]]-Logik der Min-Max-Steuerung. APICS-Standards empfehlen, die Optimale Bestellmenge nicht als starre Zahl, sondern als Korridor zwischen 0,7 × EOQ und 1,3 × EOQ zu interpretieren, weil Bedarfsschwankungen und Rabattstufen die exakte mathematische Lösung schnell überlagern.

Methodisch wichtig ist die Unterscheidung zwischen statischer und dynamischer Losgrößenberechnung. Die Andler-Formel ist statisch und setzt einen konstanten Jahresbedarf voraus. In der Realität schwanken Bedarfe saisonal oder projektbezogen. Dynamische Verfahren wie Wagner-Whitin, Silver-Meal oder Groff berücksichtigen Periodenbedarfe und führen bei Y- oder Z-klassifizierten Materialien zu deutlich besseren Ergebnissen. Moderne APS-Systeme wie ToolsGroup SO99+ und Slim4 wechseln materialgruppenabhängig zwischen den Verfahren.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauer aus Nordrhein-Westfalen mit 320 Mitarbeitern und 41 Mio EUR Materialeinsatz beschafft Präzisionswälzlager 6206-2RS für die Spindellagerung. Jahresbedarf B = 4.800 Stück bei einem Einstandspreis p = 18,40 EUR. Die Einkaufsabteilung kalkuliert die Bestellfixkosten K mit 95 EUR pro Auftrag (Anfrage, Vergleich, Bestellung, Wareneingang, Rechnungsprüfung). Der Lagerhaltungskostensatz i liegt bei 22 Prozent.

Eingesetzt in die Andler-Formel: EOQ = √(2 × 95 × 4.800 / (0,22 × 18,40)) = √(912.000 / 4,048) = √225.297 = 475 Stück. Bei einem Jahresbedarf von 4.800 Stück bedeutet das rund zehn Bestellungen pro Jahr, alle 36 Werktage eine Lieferung, Durchschnittsbestand 237 Stück bzw. 4.361 EUR Kapitalbindung.

Vor der Optimierung beschaffte der Disponent 200 Stück pro Auftrag, also 24 Bestellungen jährlich. Bestellkosten 24 × 95 EUR = 2.280 EUR, Lagerkosten (100 × 18,40 × 0,22) = 405 EUR, Gesamtkosten 2.685 EUR. Nach Umstellung auf 475 Stück: zehn Bestellungen × 95 EUR = 950 EUR Bestellkosten, Lagerkosten (237 × 18,40 × 0,22) = 959 EUR, Gesamtkosten 1.909 EUR. Einsparung: 776 EUR pro Jahr je Materialnummer.

Die Beschaffung pflegt das Losgrößenverfahren im SAP-Materialstamm auf "OB" und hinterlegt 475 als Rundungswert mit Aufrundung auf die nächste Verpackungseinheit von 50 Stück, also faktische Bestellmenge 500 Stück. Der Lieferant gewährt ab 500 Stück zusätzlich 1,8 Prozent Mengenrabatt, was die Optimale Bestellmenge in Richtung Praxiswert verschiebt. Über 180 A-Teile mit vergleichbarer Charakteristik summiert sich die Einsparung auf rund 140.000 EUR im Geschäftsjahr 2025 – belastbar dokumentiert in der Kostenstellenrechnung.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die mechanische Anwendung der Andler-Formel ohne Berücksichtigung von Mengenrabatten, Mindestbestellmengen und Verpackungseinheiten. Wer 475 Stück rechnet, der Lieferant aber nur in 1.000er-Gebinden liefert, hat die [[minimum-order-quantity-moq]] höher als die Optimale Bestellmenge – die Formel ist nutzlos. Korrektur: Stufenrabatt-EOQ mit Vergleich der Gesamtkosten bei MOQ und beim nächsten Rabattsprung.

Zweiter Fehler: veraltete Stammdaten. Der Lagerhaltungskostensatz wird in vielen Mittelstandsunternehmen seit zehn Jahren nicht angepasst, obwohl der Leitzins von 0 auf 3,75 Prozent gestiegen ist. Ein realistischer i-Wert für 2026 liegt bei 24 bis 30 Prozent – wer mit 15 Prozent rechnet, beschafft systematisch zu große Lose und treibt den Bestand künstlich nach oben. Die [[dispositionparameterpflege]] muss mindestens jährlich erfolgen.

Dritter Fehler: Vernachlässigung der Bedarfsschwankung. Die Andler-Formel unterstellt einen konstanten Bedarf. Bei XY-Klassifikation Y oder Z nach [[xyz-analyse]] führt sie zu Fehlsteuerung. Hier sind dynamische Verfahren wie Wagner-Whitin oder Silver-Meal überlegen, die mit Periodenbedarfen rechnen.

Im Verhandlungskontext ist die Optimale Bestellmenge ein Hebel gegen Mengenrabatte: Wenn ein Lieferant ab 1.000 Stück 3 Prozent Rabatt gewährt, der EOQ aber bei 475 liegt, lohnt sich die größere Menge nur, wenn der Rabatt die zusätzlichen Lagerkosten von rund 480 EUR übersteigt. Das ist eine harte Zahl, mit der Einkäufer Rabattstaffeln kontern können – kein Bauchgefühl, sondern eine belastbare Vergleichsrechnung, die in jeder Bestellanforderung ab 5.000 EUR Auftragswert hinterlegt werden sollte.

Verwandte Begriffe

  • [[eoq-andler-formel]]
  • [[minimum-order-quantity-moq]]
  • [[bestandsoptimierung]]
  • [[dispositionparameterpflege]]
  • [[lagerkennzahlen]]

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