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Procari Lexikon On-Time Delivery (OTD)
Einkaufslexikon

On-Time Delivery (OTD)

On-Time Delivery (OTD)

On-Time Delivery (OTD) ist die Kern-Kennzahl der Termintreue im SCOR-Modell von ASCM und misst den Anteil der rechtzeitig eingegangenen Lieferungen am Gesamtvolumen. Im DACH-Mittelstand ist OTD typischerweise das erste KPI, das auf einem Einkaufs-Dashboard erscheint — und das am häufigsten falsch berechnete.

Detaillierte Erklärung

Die Standardformel lautet: OTD = on-time Lieferungen / Gesamtlieferungen × 100. Eine Lieferung gilt als on-time, wenn sie innerhalb des definierten Toleranzbandes gegenüber dem in der Auftragsbestätigung bestätigten Termin eintrifft. Im automotive Umfeld ist das Toleranzband typisch ±0/+1 Tag (taggenau bis maximal einen Werktag später), in der Anlagenbau-Branche oft +0/+3 Tage, in der Lagerhaltungs-Distribution bis +0/+5 Tage.

Die scheinbar simple Formel hat fünf entscheidende Definitionsparameter, die das Ergebnis dramatisch verschieben:

  1. Bezugstermin: Wunschtermin, AB-Termin oder zuletzt revidierter Termin? SCOR-konform ist ausschließlich der erste durch den Lieferanten bestätigte AB-Termin. Spätere "einvernehmliche" Verschiebungen werden NICHT zur Bezugsbasis — sonst lassen sich Verspätungen wegdefinieren.
  2. Ankunfts-Zeitstempel: Vereinnahmt im Wareneingang, über Pforte bei Werksankunft oder gemäß Frachtbrief? Standard ist der Wareneingangs-Zeitstempel im ERP, weil nur er audit-relevant ist (siehe [[wareneingangspruefung]]).
  3. Zähl-Granularität: pro Lieferschein, pro Bestellposition oder pro Bestellung? Pro Position ist die feinste und aussagekräftigste Methode — eine Bestellung mit zehn Positionen, von denen eine zu spät ist, ergibt 90 % OTD auf Positionsebene und 0 % auf Bestellebene.
  4. Toleranzband: ±0/+1 oder +0/+3 oder symmetrisch ±2? Im DACH-B2B ist ein asymmetrisches Band üblich, weil Früh-Lieferungen Lagerfläche binden und ebenfalls problematisch sind.
  5. Mengen-Berücksichtigung: zählt eine 95-%-Teillieferung als on-time? Hier setzt [[otif-on-time-in-full]] an — OTIF ist die strengere Variante mit Mengen- und Termintreue gleichzeitig.

BME-Kennzahlenbenchmark berichtet im DACH-Durchschnitt OTD-Werte von 87-93 % bei Direktmaterial und 78-88 % bei MRO-Bedarfen. Werte unter 75 % gelten als interventions-pflichtig im Sinne der Lieferantenentwicklung. Werte über 98 % sind nur in der Automotive-Tier-1-Lieferkette mit JIT-Anbindung typisch und im übrigen Mittelstand verdächtig (meist ein Hinweis auf falsche Zählweise).

Die VDA Logistik-Lieferantenbewertung verwendet OTD als 30-%-Gewicht innerhalb der Logistik-Gesamtnote. ISO 28001 Supply Chain Security verlangt zusätzlich eine OTD-Aufschlüsselung nach Risikoländern, da Streuung und Mittelwert sich bei Cross-Border-Lieferungen aus Hochrisiko-Regionen signifikant verschlechtern.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein bayerischer Pumpenhersteller (320 Mitarbeiter) misst OTD seiner Top-50-Lieferanten quartalsweise. Im Q2 zeigt das Dashboard für einen Drehteilelieferanten 94 % OTD — grüner Bereich. Die Auditorin der Konzernmutter zweifelt die Zahl an und fordert Drilldown.

Die Analyse pro Bestellposition über 247 Lieferungen im Quartal ergibt:

  • 247 Gesamtlieferungen
  • 232 innerhalb Toleranzband ±0/+1 Tag = 93,9 % OTD
  • davon 18 Lieferungen genau am Tag +1 (also Stufe-1-Mahnung gerade noch vermieden)
  • 11 Lieferungen +2 bis +5 Tage = OTD-Verlust 4,5 %
  • 4 Lieferungen >+5 Tage = OTD-Verlust 1,6 %, davon eine mit acht Tagen Verspätung

Die Auditorin kritisiert drei Punkte. Erstens: die Zählweise verwendet den AB-Termin nach erster Revision, nicht den ersten AB-Termin — die "echte" OTD bei korrekter Bezugsbasis liegt bei 87,4 %. Zweitens: die Mengen-Komponente fehlt, OTIF-Berechnung ergibt nur 81 %. Drittens: die 18 Lieferungen am Tag +1 sind ein klarer Hinweis auf "Toleranzband-Surfen" — der Lieferant plant offenbar systematisch knapp.

Die Konsequenz für das Q3-Jahresgespräch: der Lieferant erhält eine Bonus-Malus-Klausel mit 1,5 % Malus bei OTIF unter 90 % auf Quartalsbasis. Zusätzlich wird das interne Reporting umgestellt auf Erst-AB-Termin als Bezugsbasis, was die OTD-Zahlen aller Top-50-Lieferanten im Schnitt um 4,2 Prozentpunkte drücken wird — schmerzhaft im Lenkungsausschuss, aber audit-konform und steuerungsrelevant.

Material-Auswirkung: Der Drehteilelieferant beliefert eine Engpass-Position der Pumpenmontage. Bei OTIF von 81 % bedeutet das statistisch jede fünfte Lieferung mit Mengen- oder Termin-Defekt. Der Sicherheitsbestand ist entsprechend hochgesetzt (1,8 Wochen Reichweite statt 1,0 bei stabilen Lieferanten), bindet 87.000 Euro Working Capital, das mit OTIF-Verbesserung freigesetzt werden könnte.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der Klassiker: OTD wird auf Lieferschein-Ebene gezählt, nicht auf Positionsebene. Ein Lieferant, der in der Bestellung zehn Positionen mit dem gleichen Liefertermin bestätigt, dann aber nur acht zum Termin liefert und zwei eine Woche später, hat auf Lieferschein-Ebene eine OTD von 50 % (ein pünktlicher, ein verspäteter Lieferschein), auf Positionsebene aber 80 %. Beide Zahlen sind formal "richtig", aber kommunikativ unbrauchbar wenn die Zählweise nicht offengelegt wird.

Zweiter Fehler: Toleranzband-Aufweichung im Laufe des Jahres. Im Januar beginnt die Saison mit ±0/+1 Tag, im Mai wird "wegen Materialknappheit" auf +0/+3 erweitert, im September auf +0/+5. Am Jahresende ist OTD scheinbar bei 95 %, real hat sich die Termintreue dramatisch verschlechtert. Disziplin: Toleranzband wird zu Jahresbeginn fixiert und nur in formalen Lenkungsausschüssen revidiert.

Dritter Fehler: Nicht-Berücksichtigung von Lieferanten-Stornierungen. Wenn ein Lieferant eine Bestellung storniert und der Einkaufer Ersatz beschafft, taucht die Original-Bestellung gar nicht im OTD-Nenner auf — der Lieferant kommt mit einer scheinbar weißen Weste davon. Korrekt: Stornierungen durch Lieferanten werden als 0-%-OTD-Lieferung gezählt.

Im Verhandlungskontext ist OTD eine zweischneidige Kennzahl. Wer sie isoliert kommuniziert, blendet die Mengen-Komponente aus und macht sich angreifbar. Best Practice ist die kombinierte Kommunikation OTD-OTIF mit Differenz: "Ihr OTD liegt bei 91 %, ihr OTIF aber bei 82 % — das heisst, neun Prozent ihrer Termin-pünktlichen Lieferungen kommen mit Mengen-Defizit. Wir müssten die Differenz von neun Prozentpunkten in den nächsten zwei Quartalen unter fünf Prozentpunkte drücken, sonst greift die Malus-Klausel."

Wichtig für den GoBD-Kontext (§§238/257 HGB): die OTD-Datengrundlage ist Teil der unternehmensinternen Steuerungsdaten und muss für Audits revisionssicher abrufbar sein. Manuelle Korrekturen einzelner OTD-Datensätze sind formal erlaubt, müssen aber dokumentiert sein — das nachträgliche Verschieben von Bezugsterminen "weil der Disponent ja eigentlich Bescheid wusste" ist ein klarer Compliance-Verstoss.

Verwandte Begriffe

  • [[liefertreue]]
  • [[otif-on-time-in-full]]
  • [[perfect-order-rate]]
  • [[fill-rate-einkauf]]
  • [[lieferantenbewertung]]

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