OTIF (On-Time-In-Full)
OTIF (On-Time-In-Full)
OTIF (On-Time-In-Full) misst den Anteil der Bestellungen, die gleichzeitig zum vereinbarten Termin und in vollständig bestellter Menge beim Empfänger eintreffen. Im Gegensatz zur reinen [[liefertreue]] zählt eine Lieferung erst dann als OTIF-konform, wenn beide Bedingungen kumulativ erfüllt sind. Damit ist OTIF eine der härtesten Kennzahlen im Lieferantenmanagement.
Detaillierte Erklärung
OTIF entstand in den 1990er Jahren bei Walmart als Lieferantensteuerungs-Kennzahl und wurde 2017 mit dem heute gültigen Strafsystem formalisiert. Walmart verlangt bei Prepaid-Lieferanten 90 Prozent On-Time und 95 Prozent In-Full; Collect-Lieferanten müssen 98 Prozent On-Time erreichen. Verfehlungen werden mit drei Prozent der Warenkosten je betroffenem Karton sanktioniert. Die Logik wurde in den USA durch Target und Kroger übernommen und gelangte über internationale Beratungsnetzwerke wie Boston Consulting Group und Roland Berger in den DACH-Raum.
Die Berechnung lautet OTIF = (Anzahl pünktlich und vollständig gelieferter Bestellungen / Gesamtanzahl Bestellungen) x 100. Eine Bestellung mit drei von vier Positionen pünktlich, aber einer Teilmenge fehlend gilt vollständig als OTIF-Verfehlung — die Kennzahl ist binär je Auftrag, nicht positionsgewichtet. In der DACH-Industrie wird OTIF zunehmend von OEMs der Automobil- und Maschinenbau-Branche eingesetzt; der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) führen OTIF in ihren Kennzahlen-Katalogen. Die Norm ISO 9001:2015 fordert in Klausel 9.1.3 die Auswertung von Daten zur Lieferantenleistung — OTIF zählt damit zu den expliziten Output-Kennzahlen. Typische Zielwerte liegen bei reifen Lieferantenbeziehungen zwischen 95 und 98 Prozent; unter 90 Prozent gilt als kritisch und löst regelmäßig eine Eskalation in den Lieferanten-Entwicklungsprozess aus.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein süddeutscher Hausgeräte-Hersteller bezieht im Jahr 2025 von einem Kunststoffteile-Lieferanten 1.840 Lose. Davon kommen 1.642 pünktlich und vollständig an — das ergibt eine OTIF-Quote von 89,2 Prozent. Bei 124 Losen ist die Menge unvollständig (durchschnittlich 8 Prozent Fehlmenge), bei 74 Losen verzögert sich die Lieferung um mehr als 24 Stunden. Der interne Zielkorridor lag bei 95 Prozent. Im Lieferantenbewertungs-Gespräch im Januar 2026 vereinbart der Einkäufer einen Eskalationspfad: Bis Q3 2026 muss OTIF auf 94 Prozent steigen, sonst verliert der Lieferant ab 2027 17 Prozent des Auftragsvolumens an einen Zweitlieferanten. Der Hersteller koppelt zusätzlich einen Bonus-Malus an OTIF: ab 96 Prozent gibt es 0,5 Prozent Bonus, unter 92 Prozent fällt ein Malus von 1,0 Prozent auf den Jahresumsatz an.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Häufigster Fehler ist die getrennte Messung von Termin- und Mengentreue ohne Verschneidung — Lieferanten weisen dann 96 Prozent [[liefertreue]] und 95 Prozent Mengentreue aus, die kombinierte OTIF-Quote liegt aber nur bei 91 Prozent, weil die Verfehlungen sich nicht überlappen. Zweiter typischer Fehler ist die Definition des Lieferzeitpunkts: Ist es das Eintreffen am Werktor, die Vereinnahmung im Wareneingang oder die Buchung im ERP? Diese Differenz kann OTIF um 3 bis 5 Prozentpunkte verschieben. In Verhandlungen sollte OTIF mit klar definiertem Zeitstempel, Toleranzfenster (üblich plus/minus 24 Stunden) und Mengentoleranz (üblich 0 Prozent Untermenge) im [[rahmenvertrag]] verankert werden.
Verwandte Begriffe
OTIF ist eng verzahnt mit [[liefertreue]] (reine Termintreue ohne Mengenkomponente) und mit der [[reklamationsquote]], die die Qualitätsdimension nach Wareneingang abbildet. Die [[lieferantenbewertung]] kombiniert OTIF üblicherweise mit Qualitäts- und Preis-Scores zu einem Gesamtwert. Im Audit-Kontext wird OTIF im Rahmen eines [[lieferantenaudit]] auf Datenintegrität geprüft.