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Procari Lexikon Prüfplan
Einkaufslexikon

Prüfplan

Prüfplan

Der Prüfplan ist ein dokumentiertes Verzeichnis aller Soll-Eigenschaften eines Produktes oder einer Charge zusammen mit den jeweils zugeordneten Prüfmethoden, Prüfmitteln, Stichprobenumfängen und Annahmekriterien. Im Einkauf ist er das verbindliche Drehbuch der Wareneingangsprüfung — ohne klar definierten Prüfplan ist eine Mängelrüge nach 377 HGB regelmäßig juristisch angreifbar, weil "unverzügliche Untersuchung" nicht objektiv belegbar ist.

Detaillierte Erklärung

Der Prüfplan setzt die Anforderungen der ISO 9001:2015 Klausel 8.6 "Freigabe von Produkten und Dienstleistungen" um. Die Norm verlangt geplante Anforderungen, einschließlich Annahmekriterien, sowie Aufzeichnungen mit Person, die die Freigabe erteilt hat. Herausgeber ist die International Organization for Standardization (ISO) in Genf, in Deutschland übernommen als DIN EN ISO 9001:2015 durch das Deutsche Institut für Normung. Im Automotive-Umfeld kommt IATF 16949:2016 mit verschärften Anforderungen hinzu, im Medizingerätebereich ISO 13485:2016.

Inhaltlich enthält ein vollständiger Prüfplan typisch 12 bis 18 Spalten. Pflichtfelder sind Merkmal mit Bezug zur technischen Zeichnung oder Spezifikation, Soll-Wert mit Toleranzgrenzen, Prüfmittel inklusive Identifikation und Kalibrierstatus, Prüfmethode (zerstörungsfrei oder zerstörend), Stichprobenumfang nach DIN ISO 2859-1 (AQL-Tabelle), Annahmezahl und Rückweisezahl, Prüfintervall sowie der verantwortliche Prüfer. Sondermerkmale bekommen oft 100-Prozent-Prüfung, unkritische Merkmale Stichproben mit AQL 1,0 oder 2,5.

Die Quelle der Prüfmerkmale ist hierarchisch: technische Zeichnung mit ISO-2768-Allgemeintoleranzen, Lastenheft mit funktionalen Anforderungen, Prozess-FMEA mit identifizierten kritischen Merkmalen sowie Erstmusterprüfbericht (EMPB) nach VDA Band 2 als initialer Soll-Ist-Abgleich. Die Verzahnung mit dem Kontrollplan ist eng aber nicht identisch: der Prüfplan beschreibt was am Produkt geprüft wird, der Kontrollplan beschreibt zusätzlich wie der Prozess beherrscht wird (Werkzeug, Maschine, Bediener).

Aufzeichnungspflicht besteht mindestens 10 Jahre für Automotive-Sicherheitsteile (D-Teile nach VDA Band 1), 5 Jahre für allgemeine Industriegüter und 30 Jahre für Medizinprodukte der Klasse III nach Medical Device Regulation (MDR) 2017/745. Bei kritischen Merkmalen mit Special-Characteristics-Kennzeichnung verlangen viele OEMs zusätzlich SPC-Regelkarten mit Cpk-Mindestwert 1,67.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller medizintechnischer Geräte mit 320 Mitarbeitern in Hessen bezieht präzisionsgedrehte Edelstahlteile aus einem norditalienischen Lohnfertiger. Bei einem Jahresvolumen von 680 000 Euro über 4 Bauteile fordert der Einkauf einen Prüfplan pro Sachnummer als Anlage zum Liefervertrag.

Der Lieferant reicht für Bauteil 4711-A einen 14-zeiligen Prüfplan ein: 8 Maßmerkmale mit Toleranzen nach Zeichnung, 2 Oberflächenrauheits-Merkmale mit Ra 0,8 Mikrometer, 1 Härteprüfung 220 plus minus 20 HV10, 3 Sichtprüfungen. Die Stichprobe folgt DIN ISO 2859-1 mit AQL 0,65 für Sondermerkmale, AQL 1,5 für die übrigen. Bei Loslauf 800 Stück bedeutet das Stichprobenumfang 80 Teile und maximal 2 Fehler.

Sie als Einkäufer prüfen drei Punkte: Vollständigkeit der Merkmale gegenüber Zeichnung, Plausibilität der Prüfmittel (digitale Bügelmessschraube 0 bis 25 Millimeter mit Auflösung 0,001 Millimeter genügt nicht für Toleranz plus minus 0,005 Millimeter — Faktor 1 zu 5 muss eingehalten werden) und Kalibrierstatus mit Gültigkeitsdatum. Eine fehlende Kalibrierung kostet im Audit 30 bis 50 Punkte im Lieferantenscoring.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die Übernahme eines Standardprüfplans des Lieferanten ohne Anpassung. Wer den Prüfplan vom Lieferanten gestaltet, gibt die Kontrolle ab. Erfahrene Einkäufer geben die Pflichtmerkmale aus eigener FMEA und Reklamationshistorie vor, der Lieferant ergänzt nur die Prozessmerkmale.

Der zweite Fehler ist die Prüfmittelfähigkeit (Measurement System Analysis, MSA). Ein Prüfmittel mit %GRR über 30 Prozent ist nicht prüffähig, das Ergebnis statistisch wertlos. AIAG MSA Manual fordert %GRR unter 10 Prozent für kritische Merkmale, unter 30 Prozent für unkritische. Im Audit nach IATF wird das gezielt geprüft.

Drittens wird der Prüfplan oft nur einseitig gelesen. Im Wareneingang reduziert die Existenz eines belastbaren Lieferantenprüfplans die eigene Prüftiefe nach dem skip-lot-Verfahren auf 10 bis 20 Prozent. Das spart bei einem 1-Million-Euro-Lieferant typisch 8 000 bis 15 000 Euro Prüfkosten pro Jahr — ein konkreter Verhandlungshebel für reduzierte Stückpreise.

Verwandte Begriffe

Eng verzahnt mit [[kontrollplan]] (Prozessbeherrschung), [[fmea]] (Quelle kritischer Merkmale) und [[erstmusterpruefbericht-empb]] (initialer Soll-Ist-Abgleich). Operativ verbunden mit [[wareneingangspruefung]], [[aql-acceptable-quality-level]] und [[pruefmittelmanagement]].

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