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Procari Lexikon Reservation Price (Schmerzgrenze)
Einkaufslexikon

Reservation Price (Schmerzgrenze)

Reservation Price (Schmerzgrenze)

Der Reservation Price, im deutschen Einkauf auch Schmerzgrenze oder Limit-Preis genannt, bezeichnet den maximalen Preis, den ein Käufer zu zahlen bereit ist, beziehungsweise den minimalen Preis, den ein Verkäufer akzeptiert. Howard Raiffa prägte den Begriff in seinem Standardwerk "The Art and Science of Negotiation" (Harvard University Press, 1982) als zentrale Grösse der Verhandlungsanalyse. Die Differenz zwischen den beiden Reservation Prices der Parteien definiert die ZOPA (Zone of Possible Agreement) nach Lewicki, Saunders und Barry, "Negotiation" 8. Auflage (McGraw-Hill, 2020).

Detaillierte Erklärung

Der Reservation Price ist der Punkt, an dem die Verhandlungspartei indifferent zwischen Abschluss und Nicht-Abschluss wird. Liegt das Angebot der Gegenseite jenseits dieser Grenze, ist ein Walk-Away die rationale Entscheidung. Im strategischen Einkauf wird die Schmerzgrenze nicht aus dem Bauch heraus gesetzt, sondern Should-Cost-getrieben kalkuliert. Eine Studie der BME-Akademie aus 2022 zeigte, dass Einkäufer mit dokumentiertem Reservation Price im Schnitt 4,8 Prozent günstiger abschliessen als Einkäufer ohne klare Vorab-Definition. Die Schmerzgrenze wird typischerweise in drei Schritten ermittelt: zuerst der Marktpreis-Benchmark aus mindestens 3 Vergleichsangeboten, dann die Should-Cost-Kalkulation auf Basis von Material, Lohn und Marge, schliesslich die Anpassung um Risikoaufschläge bei Single-Source-Lagen. Der BMWK-Leitfaden zur Vergabe öffentlicher Aufträge aus 2023 fordert für VgV-Verfahren nach §3 eine schriftlich fixierte Auftragswertschätzung, die faktisch als Schmerzgrenze dient. Kritiker wie William Ury vom Harvard Program on Negotiation warnen, dass eine zu früh kommunizierte Schmerzgrenze die Verhandlung blockiert. Die Empfehlung lautet daher, den Reservation Price intern klar zu fixieren, extern aber niemals zu nennen. Gemäss den GoB-Grundsätzen ordnungsmässiger Buchführung und §257 HGB sind die zugrundeliegenden Verhandlungsmandate über 6 Jahre aufzubewahren.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Pumpenhersteller aus Hessen verhandelt mit einem Lieferanten für Edelstahl-Gussgehäuse über einen 24-Monats-Rahmenvertrag mit Jahresvolumen von 1,8 Millionen Euro. Der strategische Einkäufer ermittelt den Reservation Price in drei Schritten: Marktpreis-Benchmark aus 4 Vergleichsangeboten ergibt einen Median von 142 Euro pro Stück; die Should-Cost-Kalkulation auf Basis von Material (54 Euro), Lohn (38 Euro) und Marge (15 Prozent) ergibt 105 Euro; Risikoaufschlag für die Single-Source-Lage bei Spezialwerkstoff 1.4404 beträgt 8 Prozent. Der finale interne Reservation Price wird auf 138 Euro pro Stück fixiert und im Verhandlungsmandat schriftlich dokumentiert. Der Lieferant öffnet bei 156 Euro pro Stück; nach 4 Verhandlungsrunden über 6 Wochen einigt man sich auf 134 Euro pro Stück, also 4 Euro unter Reservation Price. Der Hebel der dokumentierten Schmerzgrenze beträgt rund 39.600 Euro pro Jahr gegenüber dem Eröffnungspreis bei 12.000 Stück Jahresbedarf.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die externe Kommunikation des Reservation Price gegenüber dem Lieferanten, was nach Lewicki/Saunders/Barry (2020) das Verhandlungsergebnis um 6 bis 11 Prozent in Richtung der eigenen Schmerzgrenze verschiebt. Der zweite Fehler ist die statische Kalkulation ohne Update während der Verhandlung; neue Informationen über Marktentwicklungen oder Konkurrenzangebote sollten den Reservation Price dynamisch anpassen. Der dritte Fehler ist die Verwechslung mit dem Walk-Away-Point: Der Reservation Price ist der ökonomische Indifferenzpunkt, der Walk-Away-Point liegt taktisch oft 3 bis 5 Prozent darunter, um Puffer für letzte Konzessionen zu lassen. Der vierte Fehler ist die unzureichende Dokumentationspflicht: Nach §257 HGB sind Verhandlungsmandate mit Reservation Prices über 6 Jahre aufzubewahren, was bei mündlichen Vorgaben in der Praxis häufig versäumt wird. Geeignet ist die Reservation-Price-Logik bei distributiven Verhandlungen, Spot-Buys, Auktionen und Rahmenverträgen mit klar quantifizierbarer Should-Cost-Basis; bei innovativen Entwicklungspartnerschaften ohne Marktbenchmark verliert der Mechanismus an Aussagekraft.

Verwandte Begriffe

Verwandte Konzepte sind BATNA als ZOPA-Untergrenze, ZOPA als Verhandlungszone, der Walk-Away-Point als taktische Abbruchschwelle, das Should-Cost-Modell als Kalkulationsbasis, das Verhandlungsmandat als Dokumentationsrahmen und die distributive Verhandlung als typischer Anwendungskontext.

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