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Procari Lexikon Reverse Auction
Einkaufslexikon

Reverse Auction

Reverse Auction

Die Reverse Auction, deutsch umgekehrte Auktion oder inverse Auktion, ist ein elektronisches Vergabeverfahren, bei dem mehrere vorqualifizierte Lieferanten in einer zeitlich begrenzten Online-Sitzung ihre Preise unterbieten und der Auftrag an den niedrigsten zuschlagsfähigen Bieter geht. Sie ist die in der Logik gespiegelte Form der klassischen englischen Auktion und gehört zu den Standardwerkzeugen des [[strategic-sourcing]] bei standardisierbaren Volumina. Die Sitzungsdauer beträgt typischerweise 30 bis 120 Minuten mit automatischer Verlängerung bei Last-Minute-Geboten.

Detaillierte Erklärung

Das Verfahren wurde 1995 durch das US-Unternehmen FreeMarkets industriell etabliert, gegründet von Glen Meakem und Sam Kinney, beide ehemals McKinsey, als General Electric die interne Realisierung ablehnte. Bis 2003 hatte FreeMarkets nach eigenen Angaben Auktionen mit einem kumulierten Marktvolumen von 25 Milliarden USD und Kundenersparnissen von 5,2 Milliarden USD durchgeführt. Im Januar 2004 übernahm Ariba das Unternehmen für 493 Millionen USD und integrierte die Plattform in seine Procurement-Suite, die heute als SAP Ariba zum Marktstandard für E-Sourcing in Konzernen zählt. Empirisch dokumentierte Einsparungen liegen laut einer 2008 in der International Journal of Production Economics veröffentlichten Auswertung von 146 e-Reverse-Auctions im Schnitt bei 20 Prozent gegenüber dem Eröffnungspreis, frühere FreeMarkets-Studien aus 1998 nannten 15 Prozent, realistische Erwartungswerte für DACH-Mittelstandsbeschaffungen liegen zwischen 8 und 15 Prozent. Rechtlich ist die Online-Reverse-Auction im B2B-Bereich nach BGH-Rechtsprechung (BGHZ 149, 129 vom 07.11.2001) keine Versteigerung im Sinne des §156 BGB, weil der Vertragsschluss nicht durch den Zuschlag, sondern durch Annahme des Höchstgebots im Sinne des §145 BGB erfolgt. Im Vergaberecht zulässig ist sie nach §120 GWB in Verbindung mit §25 VgV, sofern hinreichend präzise Vergabeunterlagen vorliegen und die Bewertung automatisch erfolgen kann. Übliche Auktionsmechaniken sind English Reverse (offenes Bietverfahren mit sichtbaren Konkurrenzpreisen), Japanese (vorgegebene Preisstufen) und Dutch (steigender Preis bis zur ersten Annahme).

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein hessischer Hausgerätehersteller mit 2.100 Mitarbeitern führt 2025 eine Reverse Auction über sechs vorqualifizierte Lieferanten von Stahlblechen DC04 und DC05 mit einem Jahresvolumen von 6,8 Millionen EUR durch. Die Auktion auf der SAP-Ariba-Plattform startet bei einem Eröffnungspreis von 1.140 EUR pro Tonne — basierend auf einem Should-Cost-Modell — und läuft 75 Minuten mit 3-Minuten-Auto-Verlängerung bei jedem neuen Tiefstgebot. Nach 14 Bietrunden zwischen vier aktiven Bietern fällt der Zuschlagspreis auf 982 EUR pro Tonne, eine Reduktion von 13,9 Prozent gegenüber dem Eröffnungspreis und 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresvertrag. Die kalkulatorische Hard-Saving-Wirkung beträgt 625.600 EUR pro Jahr. Vorqualifikation und technische Freigabe waren vor der Auktion abgeschlossen, der Zuschlag erfolgte nach automatischer Vergleichsprüfung von Lieferzeit, Zahlungsbedingungen und Mindestabnahme an den preisniedrigsten Bieter mit 30 Tagen Zahlungsziel.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Drei Fehler treten in der Praxis besonders häufig auf. Erstens: Die Auktion wird ohne saubere technische Vorqualifikation gestartet, womit der niedrigste Preis von einem Lieferanten kommt, der die Spezifikation gar nicht erfüllen kann — die spätere Disqualifikation kostet Glaubwürdigkeit und führt regelmäßig zur Auktionswiederholung. Zweitens: Die Auktion wird auf strategische Bauteile mit nur einem oder zwei realistischen Anbietern angewandt, was die Lieferantenbeziehung beschädigt und langfristig zu höheren Preisen über andere Hebel führt. Drittens: Der Eröffnungspreis ist zu hoch angesetzt — fehlt das [[should-cost-modell]], landet die Auktion oft nahe dem Vorjahrespreis und der dokumentierte Saving ist rechnerisch, aber nicht wirtschaftlich.

Verwandte Begriffe

Die Reverse Auction ist methodisch verwandt mit [[e-auction]] und [[e-procurement]] und wird typischerweise als Endphase eines [[strategic-sourcing]]-Prozesses nach [[request-for-quotation]] eingesetzt. Sie konkurriert mit klassischer [[preisverhandlung]] und [[verhandlungsfuehrung]] und benötigt zur Validierung der Eröffnungspreise ein [[should-cost-modell]] oder [[linear-performance-pricing]]. Die Verbuchung der Einsparung erfolgt nach den Konventionen für [[hard-savings]] und [[cost-avoidance]].

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