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Procari Lexikon RoHS-Richtlinie
Einkaufslexikon

RoHS-Richtlinie

RoHS-Richtlinie

Wer Elektronik in die EU bringt, muss nachweisen, dass kein Bauteil über dem Grenzwert liegt — und der Lieferant in Shenzhen schickt im Zweifel ein Datenblatt aus dem Jahr 2014.

Detaillierte Erklärung

Die RoHS-Richtlinie 2011/65/EU vom 08.06.2011 (sogenannte RoHS 2) beschränkt die Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums. Die delegierte Richtlinie (EU) 2015/863 vom 31.03.2015 hat den Anhang II um vier Phthalate erweitert (DEHP, BBP, DBP, DIBP), die ab dem 22.07.2019 für die meisten Geräteklassen und ab dem 22.07.2021 auch für medizinische Geräte und Überwachungs- und Kontrollinstrumente gelten. Damit umfasst die Richtlinie heute zehn Stoffe: Blei, Cadmium, Quecksilber, sechswertiges Chrom, polybromierte Biphenyle (PBB), polybromierte Diphenylether (PBDE) sowie die vier genannten Phthalate. Der Grenzwert liegt bei 0,1 Massenprozent in jedem homogenen Werkstoff, für Cadmium bei 0,01 Massenprozent. In Deutschland setzt die Elektro- und Elektronikgeräte-Stoff-Verordnung (ElektroStoffV) die Richtlinie um. Die Marktüberwachung liegt bei den Bundesländern, Verstöße sind nach §39 ProdSG mit Geldbußen bis 100.000 Euro bewehrt, vorsätzliche Wiederholungstaten nach §40 ProdSG sogar mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. Die EU-Kommission und ECHA aktualisieren den Anhang II regelmäßig per delegiertem Rechtsakt.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauer aus Baden-Württemberg beschafft 4.500 Stück eines Steuergeräts pro Jahr beim Kontraktfertiger in Taiwan, Stückpreis 87 Euro. Die EG-Konformitätserklärung des Lieferanten verweist pauschal auf RoHS 2, ohne die 2015/863-Erweiterung zu adressieren. Im Zollverfahren wird eine Charge von 800 Geräten von der Bundesnetzagentur als Marktüberwachungsbehörde im Bereich Funkanlagen herausgegriffen, eine Stichprobenprüfung weist 0,18 Massenprozent DEHP im Kunststoff der Steckverbinder nach. Die Charge wird gesperrt, der Einkauf muss kurzfristig 312.000 Euro Materialwert abschreiben und für die Linie in Sindelfingen einen Notlieferanten aktivieren. In der Lieferantenrevision fordert der Einkauf künftig die vollständige Stoffliste nach IEC 63000 (Technische Dokumentation für Hersteller) und einen jährlich erneuerten Prüfbericht eines nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditierten Labors.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die Annahme, dass eine ältere RoHS-Konformitätserklärung des Lieferanten automatisch die vier Phthalate aus 2015/863 abdeckt. Erklärungen vor Mitte 2019 tun das fast nie. Zweiter Fehler: der Einkauf prüft nur das Endprodukt, nicht jedes homogene Material. Da der Grenzwert von 0,1 Massenprozent pro homogenem Werkstoff gilt — also pro Kabelisolierung, pro Lötzinn, pro Vergussmasse einzeln — kann ein gemischtes Bauteil im Gesamtbild unauffällig wirken und trotzdem durchfallen. In der Verhandlung sollte der Käufer drei Punkte schriftlich festhalten: erstens eine RoHS-Garantie des Lieferanten mit Bezug auf 2011/65/EU sowie 2015/863, zweitens Prüfberichte je Materialgruppe, drittens eine Freistellungsklausel, die den Lieferanten zur Übernahme von Bußgeldern, Rückrufkosten und Lagerstrafen verpflichtet, wenn eine Marktüberwachungsbehörde einen Verstoß feststellt. Bei Lieferanten aus Drittländern lohnt zusätzlich ein Bevollmächtigter in der EU nach Artikel 7 der Richtlinie, sonst trägt der Importeur die Pflichten allein.

Verwandte Begriffe

Die RoHS-Richtlinie greift komplementär zur [[reach-verordnung]] und zur [[svhc]]-Kandidatenliste, weil RoHS spezifische Stoffe in Elektronik verbietet, während REACH die generelle Chemikalienregulierung darstellt. In der Beschaffung verzahnen sich RoHS-Pflichten mit der [[lieferantenbewertung]] sowie mit den Berichtspflichten der [[csrd]] und der Sorgfaltspflicht der [[csddd]].

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