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Procari Lexikon Sicherheitszeitpuffer
Einkaufslexikon

Sicherheitszeitpuffer

Sicherheitszeitpuffer

Der Sicherheitszeitpuffer ist ein zeitlicher Vorlaufpuffer in der Materialbedarfsplanung, der Bedarfstermine künstlich nach vorne zieht, um Lieferschwankungen abzufedern. In SAP S/4HANA wird er als "Sicherheitszeit" im Materialstamm pro Material in Tagen hinterlegt und ist das zeitliche Gegenstück zum mengenmäßigen Sicherheitsbestand — beide Mechanismen können kombiniert oder einzeln eingesetzt werden.

Detaillierte Erklärung

Der Sicherheitszeitpuffer wirkt im MRP-Lauf (siehe [[material-requirements-planning-mrp]]), indem er den errechneten Bedarfstermin um die hinterlegte Anzahl Tage nach vorne verschiebt. Wenn beispielsweise für einen Eingangsbedarfstermin am 15. Mai eine Sicherheitszeit von fünf Tagen gepflegt ist, plant das System die Verfügbarkeit zum 10. Mai ein, sodass die Wiederbeschaffung entsprechend früher gestartet wird. Die rechnerische Wiederbeschaffungszeit verlängert sich aus Sicht der Bedarfsdeckung um den Sicherheitszeitpuffer, was effektiv einen kalendarischen Schutz gegen Lieferverzug erzeugt.

Im SAP-Materialstamm wird die Sicherheitszeit im Dispositionsdaten-Reiter "Disposition 2" als Feld MARC-SHZET in Werktagen gepflegt, ergänzt durch einen Sicherheitszeitperiodenprofil-Schlüssel, der saisonale Variationen erlaubt. Praktisch nutzt jedes deutsche Industrieunternehmen mit SAP-Disposition den Parameter, ohne ihn immer aktiv zu pflegen — viele Materialien tragen den Wert 0 und arbeiten ausschließlich mit Sicherheitsbestand. Best Practice ist eine differenzierte Pflege nach ABC-XYZ-Profil und Lieferantenzuverlässigkeit.

Sicherheitszeitpuffer eignet sich besonders für drei Konstellationen. Erstens: für hochpreisige Komponenten, bei denen mengenmäßiger Sicherheitsbestand zu viel Working Capital (siehe [[working-capital]]) bindet. Hier kostet zeitliche Vorverlegung um zehn Tage typischerweise nur Lagermiete und Zinsen für genau die zehn Tage Bestandserhöhung im Schnitt, statt für einen dauerhaften Sicherheitsbestand. Zweitens: für sporadisch nachgefragte Materialien (XYZ-Klasse Z), bei denen Sicherheitsbestand wegen langer Stillstandszeiten teuer ist. Drittens: für Importmaterial mit hoher Lead-Time-Variance (siehe [[lead-time-variance]]), wo Transportzeit volatil ist und ein konstanter Sicherheitsbestand das Schwankungsproblem nicht löst.

Die Auslegung folgt einem statistischen Ansatz. Wenn die Lieferzeit-Standardabweichung sigma_L Tage beträgt und ein Servicegrad alpha (typisch 95 oder 98 %) angestrebt wird, ergibt sich die Sicherheitszeit als z(alpha) × sigma_L. Für sigma_L = 4 Tage und alpha = 95 % (z = 1,645) wären das etwa 7 Tage Sicherheitszeit. Wichtig: Sicherheitszeit und Sicherheitsbestand zu kombinieren ist nur bei stark variabler Nachfrage UND stark variabler Lieferzeit sinnvoll — sonst überschützt man und bindet doppelt Kapital.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein nordrhein-westfälischer Hersteller von Industriearmaturen mit 195 Mitarbeitern und 52 Mio. EUR Umsatz bezieht hochpreisige Edelstahl-Kugelhähne (Werkstoff 1.4404, DN50) aus einem Werk in Norditalien. Stückpreis 380 EUR, Jahresbedarf 1.840 Stück, Wiederbeschaffungszeit nominal acht Werktage, Standardabweichung der tatsächlichen Lieferzeit über die letzten 18 Monate sigma_L = 5,2 Werktage. Der angestrebte Servicegrad liegt bei 97 %.

Mengenmäßiger Sicherheitsbestand würde bei diesem Nachfrageprofil etwa 22 Stück erfordern, was 8.360 EUR Working Capital bindet und über das Jahr Zinskosten und Lagerkosten von circa 920 EUR verursacht. Alternative Auslegung mit Sicherheitszeitpuffer: z(0,97) = 1,88, Sicherheitszeit = 1,88 × 5,2 = circa 10 Werktage. Im SAP-Materialstamm wird MARC-SHZET = 10 gepflegt, der MRP-Lauf zieht jeden Bedarf um 10 Tage nach vorne, der Einkauf bestellt entsprechend früher. Der durchschnittliche Bestand steigt um etwa 10/365 × 1.840 = 50 Stück über das Jahr verteilt, kapitalmäßiger Effekt vergleichbar, aber kein dauerhafter "toter" Sicherheitsbestand.

Im Juni 2026 trifft ein typischer Störfall ein: Der italienische Lieferant meldet wegen eines lokalen Streiks im Logistikbereich eine Verzögerung von neun Werktagen für eine bereits bestätigte Lieferung von 80 Stück. Ohne Sicherheitszeitpuffer wäre die Lieferung am 22. Juni statt am 11. Juni eingegangen, der Fertigungsplan für eine Großarmaturen-Baugruppe für einen petrochemischen Kunden in Brandenburg wäre um sieben Werktage verspätet, mit Pönalwirkung von circa 38.000 EUR. Mit dem aktiven Sicherheitszeitpuffer von 10 Tagen lag der ursprüngliche Bedarfstermin auf dem 1. Juli, die Lieferung am 22. Juni traf rechtzeitig ein, Materialverfügbarkeitsprüfung (siehe [[materialverfuegbarkeitspruefung]]) blieb grün.

Der Vorgang rechnet sich rückblickend dreifach: vermiedene Pönale 38.000 EUR, geringere Working-Capital-Bindung als bei klassischem Sicherheitsbestand (Einsparung circa 380 EUR Zinskosten pro Jahr), keine Notfallbeschaffung über Eilversand. Der Einkäufer dokumentiert den Vorgang im monatlichen Review und nutzt ihn als Argument gegen den Werkscontroller, der den Sicherheitszeitpuffer als "unnötige Vorratserhöhung" angegriffen hatte.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler beim Sicherheitszeitpuffer ist seine schleichende Aufblähung ohne statistische Basis. Disponenten erhöhen die Sicherheitszeit nach jedem Störfall reflexartig um zwei bis drei Tage, ohne den Wert je wieder zu senken. Nach drei Jahren tragen Materialien Sicherheitszeiten von 20 bis 35 Tagen, die fachlich nicht mehr begründbar sind und Working Capital binden. Best Practice ist eine jährliche Parameterprüfung (siehe [[parameterpflege-mrp]]) mit aktualisierter Lead-Time-Variance-Statistik aus dem ERP, die jeden Wert auf Plausibilität testet.

Der zweite Fehler ist die unreflektierte Kombination mit dynamischem Sicherheitsbestand (siehe [[dynamischer-sicherheitsbestand]]). Wer sowohl mit Sicherheitszeit als auch mit Sicherheitsbestand arbeitet, baut zwei unabhängige Schutzschichten auf, deren statistische Wirkung sich überlagert. Bei alpha = 95 % auf beiden Ebenen liegt der reale Servicegrad rechnerisch bei circa 99,7 %, was meist deutlich über dem geplanten Niveau liegt und entsprechend überzogenen Bestand erzeugt. Empfehlung: nur eine der beiden Schutzformen pro Material aktiv halten oder die Auslegung explizit als kombinierte Größe rechnen.

Drittens scheitern viele Werke an der Differenzierung nach Lieferantenrisiko. Sicherheitszeit darf nicht material-, sondern lieferanten- und routenbezogen gedacht werden. Bei einem Material mit Zweitlieferanten in Deutschland und kurzer Lieferkette ist Sicherheitszeit überflüssig, beim gleichen Material aus asiatischem Import mit langer Seefracht gerechtfertigt.

Im Verhandlungskontext mit Lieferanten ist eine niedrige Sicherheitszeit ein direkter Preisbeitrag. Wer Lieferanten mit Liefertreue über 96 % und Lead-Time-Variance unter zwei Tagen einsetzt, kann Sicherheitszeit auf null setzen und damit Bestände senken. Konkrete Verhandlungspunkte 2025: garantierte Lead-Times mit Pönalvereinbarungen (typisch 0,5 bis 1,2 % des Bestellwerts pro Verzugswoche), monatliches Liefertreue-Reporting mit Eskalationsstufen, Bonus-Malus-Regelungen bei Jahreswerten über oder unter Zielkorridor.

Verwandte Begriffe

  • [[sicherheitsbestand]]
  • [[material-requirements-planning-mrp]]
  • [[parameterpflege-mrp]]
  • [[lead-time-variance]]
  • [[safety-stock-calculation]]

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