Siliziummetall
Siliziummetall
Siliziummetall ist ein hochreines metallurgisches Halbprodukt, das als unverzichtbare Rohstoffbasis für Aluminium-Legierungen, Solarmodule und Halbleiter gilt. Für Einkäufer in der DACH-Fertigungsindustrie ist es eine strategisch kritische Beschaffungsposition — mit steigenden Compliance-Anforderungen durch CBAM und zunehmender Lieferkettendiversifizierung.
Detaillierte Erklärung
Siliziummetall (chemisch: Si, Reinheitsgrad ab 98,5 %) entsteht durch die Reduktion von Quarz (SiO₂) mit Kohlenstoffträgern (Koks, Kohle, Holzkohle) im Lichtbogenofen bei Temperaturen über 1.800 °C. Das Verfahren ist extrem energieintensiv — die Produktion einer Tonne Siliziummetall verbraucht je nach Werk 11.000–13.000 kWh elektrische Energie. Dieser Energieeinsatz ist der Haupttreiber für CO2-Emissionen und damit für die CBAM-Relevanz.
Qualitätsstufen im Einkauf:
- Metallurgisches Silizium (MG-Si, 98,5–99,5 % Si): Haupteinsatz in Aluminium-Legierungen und der Siliziumchemie (Silikone, Silane). Dominiert nach Volumen.
- Chemisches Silizium (Chem-Si, 99,5–99,9 %): Ausgangsmaterial für Polysilizium-Vorstufen, spezielle Legierungen.
- Solarsilizium (SoG-Si, >99,9999 %): Weiterveredelt zu Polysilizium für Photovoltaik-Wafer — für Standardeinkäufer selten relevant, aber im Kontext der Energiewende zunehmend gefragt.
Die Hauptproduzenten sind China (ca. 70 % der Weltproduktion), Brasilien, Norwegen und Island. In Europa produzieren wenige Werke (Ferroglobe in Spanien/Frankreich/Norwegen, Wacker Chemie in Deutschland). Die europäische Produktion ist teurer, hat aber kürzere Lieferketten und niedrigere CBAM-Risiken.
CBAM-Pflichten (VO 2023/956): Siliziummetall gehört zu den CBAM-pflichtigen Gütern (CN-Code 2804 69 00). Ab dem vollständigen CBAM-Rollout müssen Importeure für jede Tonne importiertem Siliziummetall aus Nicht-EU-Ländern (insbesondere China, Brasilien) CBAM-Zertifikate kaufen, die dem eingebetteten CO2-Gehalt multipliziert mit dem EU-ETS-Preis entsprechen. Bei chinesischen Werken liegt der eingebettete CO2-Gehalt je nach Strommix deutlich über europäischen Werten — die Zertifikatslast kann EUR 50–120 je Tonne Si betragen (bei EU-ETS-Preisen von 60–80 EUR/t CO2 und einem Emissionsintensitätswert von ca. 1,5–2,0 t CO2/t Si für kohlestrombetriebene chinesische Anlagen).
Einkäufer sollten daher:
- CBAM-Emissionsdeklarationen von Lieferanten anfordern (Pflicht ab 2026 für Vollimplementierung)
- Total Cost of Ownership (TCO) mit CBAM-Kosten kalkulieren — nicht nur den Einkaufspreis vergleichen
- Europäische Lieferquellen trotz höherem Basispreis neu bewerten
Preisindizes: Siliziummetall wird nicht an einer standardisierten Börse gehandelt. Referenzpreise kommen von Infoprovern wie Metal Bulletin, Fastmarkets oder CRU. Für Vertragspreisgleitklauseln sind diese Notierungen die Basis — der Einkäufer muss die verwendete Quelle, Qualitätsstufe und Region im Vertrag präzise fixieren.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Aluminiumgießer im Schwarzwald bezieht MG-Silizium für die Herstellung von AlSi12-Legierungen. Bisher über einen deutschen Händler mit chinesischer Herkunft. Durch CBAM-Readiness-Analyse erkennt der Einkauf: Die erwarteten CBAM-Zertifikatskosten ab 2026 betragen ca. EUR 90 je Tonne Si bei aktuellem EU-ETS-Niveau.
Der Einkäufer verhandelt parallel mit einem norwegischen Direktproduzenten (Wasserstrom, niedrige eingebettete Emissionen, CBAM-Zertifikatslast unter EUR 15/t Si). Trotz eines ca. 8 % höheren Basispreises ergibt die TCO-Rechnung zugunsten der Norwegenquelle. Ein Rahmenvertrag mit Preisgleitklausel auf Fastmarkets-Basis (EXW Rotterdam, min. 98,5 % Si) und halbjährlicher Preisrevision wird abgeschlossen — vgl. [[preisgleitklausel]] und [[basispreisvereinbarung]].
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Fehler 1 — Preisgleitklausel ohne präzise Indexdefinition. Siliziummetallpreise variieren stark nach Qualitätsstufe (98,5 % vs. 99,5 %) und Region (China, Europa, Brasilien). Verträge, die nur "Siliziummetallpreis laut Metal Bulletin" referenzieren, sind streitanfällig.
Fehler 2 — CBAM-Kosten ignorieren. Einkäufer, die nur den Einkaufspreis EXW-Werk vergleichen, unterschätzen systematisch die Gesamtkosten bei China-Importen. Ab 2026 ist die CBAM-Kalkulation Pflicht im Angebotsvergleich.
Fehler 3 — Single Sourcing bei geopolitisch konzentriertem Markt. Die starke Abhängigkeit von China macht Siliziummetall zum geopolitischen Risikomaterial. Dual-Sourcing-Strategien mit mindestens einer europäischen oder lateinamerikanischen Quelle sind für kritische Anwendungen zu empfehlen.
Verhandlungskontext: Lieferanten für hochreines Siliziummetall haben hohe Fixkosten (Lichtbogenöfen, Energieverträge). Langfristige Abnahmezusagen (12–24 Monate rolling) schaffen Planungssicherheit und rechtfertigen Preiskonzessionen. Bei steigenden EU-ETS-Preisen profitieren europäische Produzenten relativ — das stärkt deren Verhandlungsposition.
Verwandte Begriffe
- [[cbam]] — EU-Grenzausgleich, direkt anwendbar auf importiertes Siliziummetall
- [[co2-fussabdruck]] — eingebettete Emissionen als Kernkennzahl für TCO-Berechnung
- [[preisgleitklausel]] — empfohlener Vertragsbestandteil bei volatilen Si-Preisen
- [[indexkopplung]] — technische Umsetzung der Preisbindung an Fastmarkets/Metal Bulletin
- [[commodity-management]] — strategischer Ansatz für die Portfoliobewertung kritischer Rohstoffe
- [[basispreisvereinbarung]] — Ausgangspunkt für Preisgleitregelungen bei Jahresverträgen