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Procari Lexikon Six Sigma
Einkaufslexikon

Six Sigma

Six Sigma

Wer als Einkäufer einen Lieferanten mit Six-Sigma-Programm sieht, sieht zunächst nur ein Logo. Wer den Lieferanten dann fragt, wie viele DMAIC-Projekte im letzten Geschäftsjahr abgeschlossen wurden und welche messbaren Einsparungen daraus entstanden sind, trennt Kulisse von Substanz.

Detaillierte Erklärung

Six Sigma ist eine datengetriebene Methodik zur Reduzierung von Prozessstreuung und Fehlern. Der Name stammt aus der Statistik: ein Prozess, der innerhalb von sechs Standardabweichungen vom Mittelwert zur nächsten Spezifikationsgrenze arbeitet, produziert unter Berücksichtigung eines langfristigen 1,5-Sigma-Drifts nur 3,4 Fehler pro Million Möglichkeiten (DPMO). Ohne Drift entspräche 6σ rein rechnerisch zwei Fehlern pro Milliarde — der 1,5-Sigma-Aufschlag wurde von Motorola als empirisch beobachtete Prozessverschiebung über längere Zeiträume etabliert.

Entwickelt wurde Six Sigma 1986 vom Motorola-Ingenieur Bill Smith, mit Rückendeckung von CEO Bob Galvin. Mikel Harry strukturierte die Methodik gemeinsam mit Smith zum DMAIC-Zyklus: Define, Measure, Analyze, Improve, Control. Motorola erhielt 1988 den Malcolm Baldrige National Quality Award; 1995 popularisierte Jack Welch das Programm bei General Electric. Bis 2005 schrieb Motorola sich Einsparungen von über 17 Milliarden US-Dollar durch Six Sigma zu. Die Rollenstruktur folgt einem Belt-System: Yellow Belt (Grundlagen), Green Belt (führt eigene Projekte mit definiertem Umfang), Black Belt (führt komplexe, abteilungsübergreifende Projekte und coacht Green Belts) und Master Black Belt (strategisch, methodische Leitung).

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauer mit 600 Mitarbeitern in Baden-Württemberg verzeichnet bei einem A-Lieferanten für Hydraulikpumpen eine PPM-Rate von 1.200 — also 1.200 fehlerhafte Teile pro Million, was rund 4,5σ entspricht. Der strategische Einkäufer initiiert ein Lieferantenentwicklungs-Projekt nach DMAIC. In der Define-Phase werden die kritischen Merkmale (Leckage, Druckhaltung, Geometrie) festgelegt. Measure dokumentiert über drei Monate die Ist-Daten. Analyze identifiziert eine Werkzeugverschleißkurve als Hauptursache für 78 Prozent der Beanstandungen. Improve führt eine SPC-getriggerte Werkzeugwechsellogik ein. Control verankert die Regelkarten in der Produktionssteuerung des Lieferanten. Nach neun Monaten sinkt die PPM auf 230 (rund 5σ), die jährlichen Reklamationskosten fallen von 84.000 EUR auf 16.000 EUR. Der Einkäufer protokolliert das Ergebnis als Lieferantenentwicklungserfolg und nutzt es im nächsten Audit-Zyklus als Referenz.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Drei Fehlinterpretationen sehen wir oft. Erstens wird Six Sigma mit Lean verwechselt. Lean reduziert Verschwendung (Muda), Six Sigma reduziert Streuung (Variation). Beides wird zunehmend gemeinsam unter Lean Six Sigma geführt, hat aber unterschiedliche Werkzeugkästen. Zweitens setzen Unternehmen Six Sigma als Marketing-Etikett ein, ohne die Voraussetzungen zu schaffen — ohne ausgebildete Black Belts, ohne Zugang zu Prozessdaten und ohne Management-Sponsoring laufen Projekte regelmäßig nach drei bis sechs Monaten aus. Drittens wird die 3,4-DPMO-Zielgröße als Universalmetrik missverstanden. Für viele Geschäftsprozesse (administrative Bearbeitung, Dienstleistung) ist 4σ wirtschaftlich oft das vernünftige Optimum.

In Verhandlungen mit größeren Lieferanten lohnt es sich, gezielt nach abgeschlossenen DMAIC-Projekten im Vorjahr zu fragen, nach der Anzahl aktiver Black Belts und nach quantifizierten Einsparungseffekten. Wer keine Projektliste vorlegen kann, betreibt selten ernsthaftes Six Sigma. Bei eigenen Programmen ist die Auswahl der ersten zwei bis drei Projekte entscheidend: messbare Einsparung mindestens 50.000 EUR pro Projekt, Laufzeit unter sechs Monaten, klare Datenbasis.

Verwandte Begriffe

Six Sigma überlappt operativ mit [[spc-statistische-prozesskontrolle]] und nutzt Werkzeuge wie [[ishikawa-diagramm]], [[5-why-methode]] und [[8d-report]]. Das Zielkennzahlensystem deckt sich mit dem [[cpk-wert]] und der [[fmea]]. Branchenrelevant ist die Verzahnung mit [[iatf-16949]] sowie mit Lean-Werkzeugen wie [[poka-yoke]] und [[kanban]].

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