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Procari Lexikon Vendor Managed Inventory (VMI)
Einkaufslexikon

Vendor Managed Inventory (VMI)

Vendor Managed Inventory (VMI)

Vendor Managed Inventory verlagert die Verantwortung für Bestandsführung, Disposition und Wiederbeschaffung vom Kunden auf den Lieferanten. Der Kunde stellt Verbrauchs- und Bestandsdaten bereit, der Lieferant disponiert eigenständig innerhalb vereinbarter Min/Max-Korridore. Bestellungen im klassischen Sinn entfallen.

Detaillierte Erklärung

Das Verfahren entstand Ende der 1980er Jahre in der Pilotpartnerschaft zwischen Procter & Gamble (Cincinnati) und Walmart (Bentonville/Arkansas) für die Kategorie Windeln und Hygieneartikel und gilt seitdem als Referenzbeispiel für lieferantengesteuerter Bestand. P&G erhielt täglich Abverkaufsdaten aus Walmarts Filialsystemen und verantwortete die Regalbefüllung — Walmart sparte Dispositionsaufwand, P&G gewann Sichtbarkeit und glättete die eigene Produktion. Methodisch ist VMI ein Kernbaustein der ECR-Initiative (Efficient Consumer Response), die seit 1994 unter dem Dach von GS1 (Sitz Brüssel und Köln) als branchenübergreifender Standard für Konsumgüter und zunehmend auch für die Industrie gepflegt wird. Operativ basiert VMI auf elektronischem Datenaustausch nach den UN/EDIFACT-Nachrichtentypen, deren Syntax in ISO 9735 geregelt ist — typisch ist die EANCOM-Nachricht EDI INVRPT (Inventory Report) für tägliche Bestandsmeldungen, ergänzt um SLSRPT (Sales Report) und DESADV (Versandavis) bei Auslieferung. Die Vereinbarung legt fest: Sortiment und Sachnummern, Bestandsgrenzen je Artikel, Mess- und Eskalationspunkte, Eigentumsübergang (mit oder ohne [[konsignationslager]]-Komponente), Servicegrad-Ziel, Haftung bei Out-of-Stock und Vergütung. Empirisch berichten der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und einschlägige Praxisstudien für VMI-Implementierungen typische Bestandsreduktionen zwischen 20 und 40 Prozent beim Kunden, kombiniert mit höherer Verfügbarkeit und reduziertem Bullwhip-Effekt entlang der Kette. VMI grenzt sich vom [[konsignationslager]] dadurch ab, dass nicht zwingend das Eigentum beim Lieferanten verbleibt — beides lässt sich aber kombinieren. Voraussetzung ist immer ein [[rahmenvertrag]] mit klar definierten Bestandskorridoren und ein partnerschaftliches [[supplier-relationship-management]].

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller von Industrieelektronik in Bayern mit 1.150 Mitarbeitern bezieht standardisierte Steckverbinder von einem internationalen Komponentenlieferanten — 87 Sachnummern, durchschnittlich 14 Millionen Stück pro Jahr, Materialwert 3,4 Millionen Euro. Vor der VMI-Einführung lag die Reichweite bei 38 Tagen, die Out-of-Stock-Quote bei 1,9 Prozent und die Bestellabwicklung kostete den Einkauf etwa 64.000 Euro Personalaufwand pro Jahr. Nach 11 Monaten Implementierung — täglicher INVRPT, Min-/Max-Bandbreite je SKU, vereinbarter Servicegrad 99,2 Prozent — sank die Reichweite auf 21 Tage, die Out-of-Stock-Quote auf 0,4 Prozent, der Personalaufwand für diese Materialgruppe um rund 80 Prozent. Verhandlungsergebnis: Der Lieferant erhielt eine Logistikpauschale von 0,9 Prozent auf den Warenwert; im Gegenzug entfiel die bisherige 2-Prozent-Rückvergütung auf nicht abgerufene Forecasts.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

VMI scheitert häufig an mangelhafter Datenqualität. Wer dem Lieferanten unzuverlässige Verbrauchsdaten liefert, bekommt unzuverlässige Bestände zurück. Vor dem Pilotbetrieb gehört ein 90-Tage-Audit der Stamm- und Bewegungsdaten zum Pflichtprogramm.

Ein zweiter Fehler liegt in der Vertragsgestaltung: Ohne klare Eskalationspfade bei Unterschreitung des Mindestbestands trägt im Streitfall der Kunde das Out-of-Stock-Risiko. Servicegrad-Ziele, Konventionalstrafen und ein Reporting-Rhythmus müssen verbindlich im [[rahmenvertrag]] stehen.

Drittens wird die Machtverschiebung unterschätzt. Wer einem Lieferanten die Disposition überlässt, gibt Verhandlungssubstanz ab. Eine jährliche [[lieferantenbewertung]] mit Wechseloption auf einen Zweitlieferanten verhindert, dass aus Effizienz Abhängigkeit wird.

Verwandte Begriffe

VMI verzahnt sich eng mit [[supplier-relationship-management]], dem [[konsignationslager]] und der [[just-in-time]]-Belieferung; die Vertragsbasis bildet meist ein [[rahmenvertrag]] mit dokumentierter [[lieferantenbewertung]].

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