Verbrauchsgesteuerte Disposition
Verbrauchsgesteuerte Disposition
Nicht jedes Material verdient eine aufwendige Bedarfsplanung aus Kundenauftraegen und Stuecklisten. Verbrauchsgesteuerte Disposition loest Bestellungen rein aus historischem Verbrauch und Meldebestand aus, eignet sich fuer C-Teile und stabile Verbrauchsgueter und entlastet die Disponenten von Routinearbeit, ohne die Versorgungssicherheit zu gefaehrden.
Detaillierte Erklärung
Verbrauchsgesteuerte Disposition ist eine von zwei grossen Dispositionsfamilien neben der plangesteuerten (deterministischen) Disposition. Waehrend die plangesteuerte Variante Bedarfe aus konkreten Kundenauftraegen oder Produktionsprogrammen ableitet, blickt die verbrauchsgesteuerte Variante in den Rueckspiegel: Sie nutzt den tatsaechlichen Vergangenheitsverbrauch der letzten 12 bis 24 Monate, errechnet daraus einen Prognosewert und reagiert auf Meldebestandsunterschreitungen.
In SAP MM stehen drei Hauptverfahren zur Verfuegung. Das Meldebestandsverfahren (Dispomerkmal VB) loest eine Bestellung aus, sobald der verfuegbare Bestand unter den hinterlegten Meldebestand faellt. Bestellmenge ist entweder die Losgroesse oder der Auffuellbestand. Das stochastische Verfahren (VM) berechnet zyklisch einen Bedarf auf Basis von Prognosemodellen wie konstantes Modell, Trendmodell oder saisonales Modell. Das rhythmische Verfahren (VR) loest Bestellungen in festen Intervallen aus (zum Beispiel jeden Mittwoch), unabhaengig vom aktuellen Bestand. Welches Verfahren passt, haengt von der Verbrauchscharakteristik ab.
Die Auswahl folgt typischerweise einer kombinierten [[abc-analyse]] und [[xyz-analyse]]. C-Teile mit X-Charakter (stabiler Verbrauch, geringer Wert) gehen ins Meldebestandsverfahren oder ins Kanban. A-Teile (hoher Wert) gehoeren grundsaetzlich in die plangesteuerte Disposition, weil der Aufwand fuer praezise Bedarfsermittlung sich lohnt. Y- und Z-Teile mit stark schwankendem Verbrauch sind die Grenzfaelle, fuer die das stochastische Verfahren mit hoeherem [[sicherheitsbestand]] eine Option ist.
Im DACH-Mittelstand zwischen 250 und 1.500 Mitarbeitern werden typischerweise 40 bis 60 Prozent der Materialnummern verbrauchsgesteuert disponiert (meist Schrauben, Dichtungen, Hilfsstoffe, Verpackung, Buerobedarf), die aber nur 8 bis 15 Prozent des Einkaufsvolumens ausmachen. Genau hier liegt der Charme: hohe Stueckzahlen, niedriger Pflegeaufwand pro Materialnummer, automatisierbar.
Die Sicherheitsbestaende werden bei verbrauchsgesteuerter Disposition meist statistisch berechnet: Standardabweichung des Verbrauchs mal Sicherheitsfaktor (je nach Servicegrad: 1,65 fuer 95 Prozent, 2,33 fuer 99 Prozent) mal Wurzel aus Wiederbeschaffungszeit. Wer das nicht systematisch tut und stattdessen Daumenwerte setzt, hat entweder zu viel Kapital im Lager gebunden oder regelmaessige Fehlmengen.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein DACH-Hersteller von Pumpen mit 740 Mitarbeitern fuehrt 11.200 Materialnummern, davon 4.800 verbrauchsgesteuert disponierte C-Teile mit Jahreseinkaufswert 1,9 Mio. EUR. Eine ABC/XYZ-Analyse zeigt fuer das Material O-Ring 18×2 NBR70: AX-Klasse innerhalb der C-Gruppe, Jahresverbrauch 84.000 Stueck, Standardabweichung 1.100 Stueck pro Monat, [[wiederbeschaffungszeit]] 21 Tage, Stueckpreis 0,12 EUR.
Der Disponent setzt das Material auf Dispomerkmal VB (Meldebestandsverfahren). Sicherheitsbestand wird statistisch berechnet auf 2.400 Stueck (Servicegrad 97 Prozent), Meldebestand auf 7.200 Stueck (Verbrauch in WBZ plus Sicherheitsbestand), Auffuellbestand auf 14.000 Stueck. Bestelllos: 6.800 Stueck pro Auftrag, was rund einem Monatsbedarf entspricht.
Sobald der Bestand unter 7.200 faellt (im SAP automatisch durch Lagerbewegung erkannt), erzeugt das System eine Bestellanforderung. Der Einkauf hat einen Rahmenvertrag mit Festpreis 0,108 EUR/Stueck bei Mindestabnahme 60.000 Stueck pro Jahr und kann Einzelabrufe automatisiert anstossen. Pro Jahr fallen so 12 bis 14 Bestellungen an, ohne dass ein Disponent aktiv eingreifen muss.
Im Juli 2025 zeigt eine Auswertung, dass der Verbrauch in den letzten drei Monaten von 7.000 auf 9.400 Stueck pro Monat gestiegen ist (neue Produktlinie mit hoeherem Dichtungsbedarf). Das stochastische Prognosemodul erkennt den Trend und passt Sicherheits- und Meldebestand automatisch nach oben an: SB auf 3.100, MB auf 9.700. Ohne diese automatische Anpassung waere im September eine Fehlmenge entstanden, die einen Linienstopp ueber 2 Tage zur Folge gehabt haette (Schaden geschaetzt 38.000 EUR).
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Drei Klassiker tauchen in Mittelstandsaudits regelmaessig auf. Erstens das pauschale Setzen aller C-Teile auf das Meldebestandsverfahren ohne Pruefung der Verbrauchsvarianz. Y- und Z-Teile mit starken Schwankungen brauchen entweder hoeheren Sicherheitsbestand oder ein anderes Verfahren, sonst entstehen periodische Fehlmengen. Zweitens das Einfrieren der Meldebestaende fuer Jahre: ohne quartalsweise Neuberechnung folgen die Bestaende nicht dem Verbrauch, das System wird traege. Drittens die Vermischung mit der plangesteuerten Disposition fuer dasselbe Material, was zu Doppelbestellungen oder unsichtbaren Fehlmengen fuehrt.
In Verhandlungen mit Lieferanten ist verbrauchsgesteuerte Disposition ein Hebel fuer Konsignationslager und Kanban-Modelle. Wer dem Lieferanten Verbrauchsdaten transparent zur Verfuegung stellt (zum Beispiel ueber EDI 852 Product Activity Data), kann Vendor Managed Inventory durchsetzen: der Lieferant fuellt das Lager selbst auf Basis vereinbarter Min/Max-Werte, die Rechnungsstellung erfolgt erst bei Entnahme. Das senkt die eigene Kapitalbindung um 30 bis 50 Prozent fuer das betroffene Sortiment.
Bei [[kanban]]-Loesungen wird die verbrauchsgesteuerte Logik komplett physisch abgebildet: leere Karte loest Nachschub aus, kein IT-System dazwischen. Voraussetzung ist stabiler Verbrauch (X-Klasse) und kurze Wiederbeschaffungszeit. Im Verhandlungsprotokoll sollten Kanban-Reaktionszeiten (24 bis 72 Stunden), Mindest- und Maximalkartenanzahl sowie ein Eskalationspfad bei Lieferantenausfall geregelt sein.
Verwandte Begriffe
- [[disposition]]
- [[meldebestand]]
- [[abc-analyse]]
- [[xyz-analyse]]
- [[kanban]]