Vickrey-Auktion
Vickrey-Auktion
Die Vickrey-Auktion ist ein Sealed-Bid-Second-Price-Auktionsformat, bei dem alle Bieter ihre Gebote verdeckt und gleichzeitig abgeben und der Höchstbietende den Zuschlag zum Preis des zweithöchsten Gebots erhält. Benannt ist sie nach dem kanadisch-US-amerikanischen Ökonomen William Vickrey, der das Verfahren 1961 im Journal of Finance formalisierte und 1996 für seine Arbeiten zur Anreiztheorie unter asymmetrischer Information den Wirtschaftsnobelpreis erhielt (gemeinsam mit James Mirrlees).
Detaillierte Erklärung
Die zentrale Eigenschaft der Vickrey-Auktion ist die anreizkompatible Wahrheitsmeldung: Es ist für jeden Bieter eine schwach dominante Strategie, exakt seine private Wertschätzung als Gebot abzugeben. Höher zu bieten erhöht das Risiko des Winner-Curse-Verlusts, niedriger zu bieten reduziert nur die Gewinnchance, ohne den späteren Zahlbetrag zu senken. Diese Property macht das Format theoretisch effizient, weil das Gut an den Bieter mit der höchsten Wertschätzung geht. In der Beschaffung wird das Vickrey-Prinzip in spiegelverkehrter Form als Reverse-Vickrey-Auktion eingesetzt: Der Lieferant mit dem niedrigsten Gebot erhält den Auftrag zum zweitniedrigsten Preis. SAP Ariba und Coupa unterstützen das Format als selten genutzte Variante neben der englischen Reverse-Auction. Bekannt geworden ist das Vickrey-Modell durch eBay, das ab 1995 das Proxy-Bidding-System einführte, welches funktional eine Second-Price-Auktion darstellt. Google nutzte bis 2019 ein Generalized-Second-Price-Verfahren für AdWords-Auktionen, bevor 2019 auf eine First-Price-Auktion umgestellt wurde. Im öffentlichen Vergaberecht ist das Format in Deutschland nicht vorgesehen, weil §17 VgV für elektronische Auktionen ausschliesslich eine fortlaufende elektronische Auktion mit transparenten Rangkriterien erlaubt.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Hersteller von Industrieventilatoren aus Sachsen schreibt 8.500 Aluminium-Gussgehäuse pro Jahr bei einem Auftragsvolumen von 1,7 Millionen Euro über eine Reverse-Vickrey-Auktion auf SAP Ariba aus. Sechs qualifizierte Lieferanten geben verdeckt ihre Gebote ab: 198, 207, 211, 218, 224 und 232 Euro pro Stück. Der Lieferant mit dem niedrigsten Gebot von 198 Euro erhält den Zuschlag, zahlt aber zum zweitniedrigsten Preis von 207 Euro. Gegenüber einer First-Price-Sealed-Bid-Auktion, bei der die Bieter typischerweise um 8 bis 12 Prozent shaden würden, liegt der erwartete Endpreis hier rund 4 Euro pro Stück höher. Der Vorteil zeigt sich jedoch in der Bietkonstanz über mehrere Auktionen: Die Lieferanten haben keinen Anreiz mehr, ihre wahre Kostenposition zu verbergen, was über 24 Monate eine Reduktion der Bid-Streuung von 14,2 Prozent auf 6,8 Prozent ermöglichte und die Kalkulationsbasis für interne Should-Cost-Modelle messbar verbesserte.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist die Sorge vor Manipulation durch den Verkäufer: Da das zweithöchste Gebot nicht öffentlich verifizierbar ist, fürchten Bieter, dass der Auktionator den Zahlbetrag künstlich nach oben treibt. Dieser Effekt erklärt nach einer Studie von Lucking-Reiley (American Economic Review, 1999), warum Vickrey-Auktionen in der Praxis seltener sind als ihre theoretische Effizienz erwarten lässt. Der zweite Fehler ist die Anwendung in Settings mit weniger als 4 Bietern, wo die Anreizkompatibilität durch Kollusionsrisiken nach §1 GWB und Artikel 101 AEUV unterminiert wird. Der dritte Fehler ist die Übertragung auf Common-Value-Settings: Bei gemeinsamen Wertschätzungen, etwa für Rohstoff-Lots, erzeugt die Vickrey-Variante stärkeren Winner’s Curse als die englische Auktion, weil die Information aus dem Bietverhalten der anderen Teilnehmer fehlt. Geeignet ist die Vickrey-Auktion für Independent-Private-Value-Settings mit homogenen Spezifikationen, hochqualifizierten Bieterpools von 5 bis 12 Lieferanten und wiederholten Beschaffungen, in denen langfristige Bid-Konstanz wichtiger ist als kurzfristige First-Price-Vorteile.
Verwandte Begriffe
Verwandte Konzepte sind die Sealed-Bid-Auktion als Oberkategorie verdeckter Bietverfahren, die Dutch Auction als absteigendes Format, die Japanese Auction als aufsteigendes transparentes Format, der Reservation Price als optimales Vickrey-Gebot und die Auction Theory als übergeordneter spieltheoretischer Rahmen.