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Procari Lexikon Vorkasse
Einkaufslexikon

Vorkasse

Vorkasse

Vorkasse bezeichnet eine Zahlungsbedingung, bei der der Kaeufer den gesamten Rechnungsbetrag — oder einen vereinbarten Teilbetrag — begleicht, bevor der Lieferant die Ware versendet oder die Leistung erbringt. Fuer den Einkauf bedeutet das maximales Vorleistungsrisiko: Das Kapital ist gebunden, bevor Qualitaet oder Termintreue sichergestellt werden konnten.

Detaillierte Erklaerung

Vorkasse (auch: Vorauszahlung oder Prepayment) ist in §§ 433 ff. BGB implizit als Faelligkeitsregelung moeglich und wird im Handelsverkehr durch HGB §14-nahe Vereinbarungen konkretisiert. Sie ist das genaue Gegenteil des Zahlungsziels: Waehrend Zahlungsziele (z. B. 30 Tage netto) dem Kaeufer Kapitalnutzung verschaffen, uebernimmt bei Vorkasse der Kaeufer das gesamte Insolvenz-, Liefer- und Qualitaetsrisiko.

In der Praxis tritt Vorkasse in drei Varianten auf:

100 % Vorkasse ist die rigideste Form. Der Lieferant erhaelt den Vollbetrag vor jeglicher Leistungserbringung. Sie ist typisch fuer Neulieferanten ohne Kreditlinie, fuer individuelle Sonderanfertigungen mit hohem Materialvorschuss oder fuer Lieferanten in Laendern mit eingeschraenktem Rechtssystem.

Teilvorauszahlung (Anzahlung) teilt das Risiko auf: Ein Anteil — haeufig 20 % bis 50 % — wird bei Auftragserteilung gezahlt, der Rest bei Lieferung oder Abnahme. Sie deckt die Materialbeschaffungskosten des Lieferanten, ohne dem Kaeufer das volle Obligo aufzubuerden.

Milestone-basierte Vorauszahlung kommt bei Projekten und langen Fertigungszeiten zum Einsatz: Zahlungen sind an definierte Fertigungsmeilensteine (z. B. Materialeingang, abgeschlossene Montage, FAT — Factory Acceptance Test) gekoppelt. Die Kombination mit Bankbuergschaften oder Leistungsgaran-tien (Performance Bond) ist hier Marktstandard.

Rechtlich relevante Instrumente zum Schutz des Kaeufervermoegens bei Vorkasse:

  • Akkreditiv (Letter of Credit): Nur bei Erguell der dokumentaeren Bedingungen zahlt die Bank aus. Schuetzt beide Seiten — Lieferant erhaelt Zahlungsgarantie, Kaeufer die dokumentare Kontrolle. Siehe [[akkreditiv-letter-of-credit]].
  • Avalkreditiv / Standby LC: Gesicherte Anzahlung; Lieferant stellt eine Bankbuergschaft ueber den vorauszuzahlenden Betrag.
  • Anzahlungsbuergschaft (Advance Payment Bond): Gaengige Absicherung im Maschinen- und Anlagenbau; der Buerge erstattet die Vorauszahlung im Leistungsausfall.

Vorkasse ist im [[internationaler-einkauf]] besonders verbreitet, wenn das Laenderrisiko hoch, die Lieferantenbeziehung neu oder der Auftragswert gering genug ist, um Akkreditivgebuhren zu vermeiden.

Steuerlich ist zu beachten: Die Umsatzsteuerpflicht entsteht bereits bei Vereinnahmung der Vorauszahlung (§ 13 Abs. 1 Nr. 1a UStG). Fuer den Kaeufer ergibt sich der Vorsteuerabzug erst mit Erhalt der ordnungsgemaessen Rechnung mit Umsatzsteuerausweis — nicht bereits bei Zahlung.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauer in Bayern bezieht kundenspezifische Hydraulikzylinder von einem neuen tuerkischen Lieferanten. Das Auftragsvolumen betraegt EUR 42.000. Der Lieferant besteht auf 100 % Vorkasse, da er die Rohstoffe (Edelstahlrohre, Dichtungspakete) vorab einkaufen muss und keine Kreditlinie fuer internationale Abnehmer hat.

Der Einkaufsleiter verhandelt folgende Loesung: 40 % Anzahlung (EUR 16.800) bei Auftragserteilung gegen Anzahlungsbuergschaft einer tuerkischen Grossbank, 30 % nach Vorlage des Fertigungsfortschrittsfotos (FAT-Stufe 1), 30 % gegen Verladedokumente (Bill of Lading + Packliste) per Dokumenten-Inkasso.

Ergebnis: Der Lieferant erhaelt seine Materialfinanzierung. Der Kaeufer reduziert sein Obligo von EUR 42.000 auf EUR 16.800 im ungesicherten Risikofenster und behaelt Hebelwirkung bei der Schlusspruefung.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Vorkasse ohne Sicherungsmittel akzeptieren: Der haeufigste und teuerste Fehler. Einige Einkaufsabteilungen akzeptieren 100 % Vorkasse ohne Buergschaft, weil der Einzelauftragswert "zu klein" fuer ein Akkreditiv erscheint. Die Summe mehrerer solcher Auftraege kann jedoch rasch in fuenfstellige Betraege steigen.

Fehler 2 — Vorkasse als unveraenderliche Lieferantenbedingung hinnehmen: Vorkasse ist eine Verhandlungsposition, keine gesetzliche Pflicht. Gegenargumente: Referenzen anderer Kunden, Mengengarantie fuer die naechsten 12 Monate, gemeinsame Rahmenvertraege. In vielen Faellen reicht ein strukturierter Meilensteinplan, um den Lieferanten auf Teilzahlungen umzustellen.

Fehler 3 — Zahlungszeitpunkt und Eigentumsuebergang nicht synchronisieren: Bei Vorkasse und [[incoterms]] EXW oder FCA liegt das Eigentumsrisiko ab Uebergabe beim Kaeufer. Wurde jedoch vollstaendig vorauszezahlt, aber noch kein Eigentumsuebergang dokumentiert, ist die Rechtsposition im Insolvenzfall des Lieferanten schwach. Eigentumsvorbehaltsklauseln wirken hier umgekehrt: Ohne explizite Vereinbarung geht Eigentum mit Zahlung ueber — auch ohne physische Uebergabe, je nach nationalem Recht.

Fehler 4 — Vorsteuerzeitpunkt falsch erfassen: In ATLAS-gestueltzten ERP-Systemen wird der Vorsteuerabzug gelegentlich bereits bei Buchung der Vorauszahlung verbucht. Korrekt ist der Zeitpunkt des Rechnungseingangs mit Umsatzsteuerausweis. Ein internes Audit sollte Vorauszahlungskonten (SKR04: 1780) regelmaessig pruefen.

Verhandlungskontext: Vorkasse verstaerkt die Machtasymmetrie zugunsten des Lieferanten. Der Einkauf verliert Druckmittel, die bei Lieferung oder Abnahme noch vorhanden waeren (Maengelruege, Retentionsrecht). Ein guter Verhandlungskompromiss ist die Umstrukturierung auf milestone-basierte Zahlung kombiniert mit einer Performance Bond — das gibt dem Lieferanten Planbarkeit und dem Kaeufer Hebel.

Verwandte Begriffe

  • [[akkreditiv-letter-of-credit]] — dokumentaeres Sicherungsinstrument fuer internationale Zahlungen
  • [[incoterms]] — Lieferbedingungen, die den Risikouebergang definieren und mit Vorkasse-Klauseln interagieren
  • [[internationaler-einkauf]] — uebergeordneter Kontext fuer Zahlungsrisiken und Sicherungsinstrumente
  • [[zollwert]] — bei Vorkasse kann der Zahlungsbeleg als Transaktionswertnachweis gegenueber dem Zoll dienen

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