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Procari Lexikon Wertstromanalyse
Einkaufslexikon

Wertstromanalyse

Wertstromanalyse

Wertstromanalyse, im Englischen Value Stream Mapping, ist eine Lean-Methode zur visuellen Erfassung und Analyse aller Material- und Informationsflüsse, die nötig sind, um ein Produkt oder eine Dienstleistung vom Rohstoff bis zum Kunden zu liefern. Sie führt physische Bewegungen und Steuerungssignale in einer einzigen Darstellung zusammen.

Detaillierte Erklärung

Die Methode wurde im Toyota-Produktionssystem durch Taiichi Ohno und seine Schüler entwickelt und 1998 durch Mike Rother und John Shook im Lehrbuch "Learning to See", veröffentlicht durch das Lean Enterprise Institute (LEI) in Brookline, Massachusetts, einer breiten westlichen Industrieleserschaft zugänglich gemacht. Das Werk erhielt 1999 den Shingo Research Award und gilt seither als kanonische Referenz. Die Methode unterscheidet sich von klassischen Prozesslandkarten dadurch, dass sie [[materialfluss]] und [[informationsfluss]] in einer einzigen Darstellung zusammenführt und die sieben Verschwendungsarten nach Ohno (Überproduktion, Wartezeit, Transport, Überbearbeitung, Bestand, Bewegung, Ausschuss) sichtbar macht. Methodisch gliedert sich die Anwendung in drei Phasen: Aufnahme des Ist-Zustands (Current State Map), Entwurf des Soll-Zustands (Future State Map) und Umsetzungsplanung. Erfasst werden Bearbeitungszeiten, Rüstzeiten, Bestände zwischen den Prozessschritten, Schichtmodelle und Steuerungsinformationen. Aus dem Verhältnis zwischen wertschöpfender Zeit und Gesamtdurchlaufzeit ergibt sich die Flow-Efficiency-Kennzahl, die in vielen Industriebetrieben unter 5 Prozent liegt. Praxisberichte des LEI sowie deutscher Anwender wie Bosch und der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Produktionstechnik (WGP) dokumentieren typische Durchlaufzeitreduktionen zwischen 30 und 50 Prozent nach konsequenter Soll-Zustand-Umsetzung. Der Verein Deutscher Ingenieure führt die Methode in der VDI-Richtlinie 2870 zu ganzheitlichen Produktionssystemen als zentrales Werkzeug.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein mittelständischer Hersteller von Hydraulikzylindern in Nordrhein-Westfalen mit 340 Mitarbeitern und 62 Mio. Euro Jahresumsatz führte 2024 eine Wertstromanalyse für seine Kolbenstangenfertigung durch. Die Ist-Aufnahme ergab eine Gesamtdurchlaufzeit von 23 Werktagen bei einer reinen Bearbeitungszeit von 4,2 Stunden, also eine Flow-Efficiency von rund 2,3 Prozent. Zwischenbestände lagen vor dem Drehen bei 11 Tagen, vor dem Schleifen bei 6 Tagen. Im Soll-Zustand wurden zwei Pufferläger durch eine FIFO-Bahn ersetzt und die Losgröße beim Vorlieferanten für Stangenmaterial von 14-tägigen Sammelbestellungen auf wöchentliche Abrufe umgestellt; flankiert von einem [[kanban]]-Regelkreis zwischen Drehen und Schleifen. Die Durchlaufzeit sank innerhalb von neun Monaten auf 11 Werktage, der durchschnittliche Bestandswert in der Kette um 870.000 Euro. Eine begleitende [[bottleneck-analyse]] zeigte, dass der Engpass nach der Umstellung von der Drehmaschine zur Wareneingangsprüfung wanderte.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Ein verbreiteter Fehler ist die isolierte Betrachtung des eigenen Werks ohne Einbezug der vorgelagerten Lieferantenstufe, obwohl 60 bis 80 Prozent der Durchlaufzeit häufig im Wareneingang und in der externen Wiederbeschaffung liegen. Wer die Lieferantenseite ausspart, optimiert ein Symptom statt der Ursache. Im Verhandlungskontext liefert die fertige Soll-Karte ein faktenbasiertes Argument für kürzere Lieferfrequenzen, kleinere Losgrößen und Konsignationsmodelle: Der gewünschte Soll-Zustand ist mit aktuellen Lieferkonditionen schlicht nicht erreichbar, was Lieferanten zur Mitwirkung an Rüstzeitreduktion oder Sicherheitsbeständen vor Ort bewegen kann — etwa über [[just-in-time]]-Anlieferung. Wer die Karte ohne Quantifizierung der Bestands- und Liquiditätseffekte vorlegt, verliert hingegen die finanzielle Schlagkraft des Arguments. Die Kombination mit einer parallelen [[wertanalyse]] der teuren Hauptbaugruppen erhöht den Hebel deutlich.

Verwandte Begriffe

Die Wertstromanalyse verbindet sich mit [[materialfluss]], [[informationsfluss]], [[bottleneck-analyse]], [[just-in-time]], [[kanban]], [[wertanalyse]], [[wertschoepfungskette]] und [[six-sigma]] zur durchgängigen Diagnose und Verbesserung von Wertschöpfungsketten.

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