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Procari Lexikon Wiederbeschaffungszeit
Einkaufslexikon

Wiederbeschaffungszeit

Wiederbeschaffungszeit

Wiederbeschaffungszeit (RBZ) ist die Zeitspanne, die vom Auslösen eines Beschaffungsvorgangs bis zur dispositiven Verfügbarkeit des Materials im eigenen Lager vergeht. Sie umfasst Bestellabwicklung, Plan-Lieferzeit beim Lieferanten, Transport sowie Wareneingangsbearbeitung und Qualitätsprüfung. In SAP MM wird sie im Materialstamm aus den Feldern Bearbeitungszeit Einkauf, Plan-Lieferzeit (MARC-PLIFZ) und Wareneingangsbearbeitungszeit (MARC-WEBAZ) zusammengesetzt; bei Eigenfertigung tritt die Eigenfertigungszeit (MARC-DZEIT) an die Stelle der Plan-Lieferzeit.

Detaillierte Erklärung

Die Wiederbeschaffungszeit ist die zentrale Zeitgröße der Materialdisposition und bestimmt direkt Sicherheitsbestand, Meldebestand und Verfügbarkeitsprüfung. Methodischer Anker ist die SAP-Standarddokumentation zur Replenishment Lead Time (Wiederbeschaffungszeit), die seit Release R/3 4.6 bis SAP S/4HANA 2023 die RBZ als Summe aus Einkaufs-Bearbeitungszeit, Plan-Lieferzeit und Wareneingangsbearbeitungszeit definiert. In der Disposition unterscheidet man drei Varianten: Beschaffungs-RBZ (extern, Plan-Lieferzeit dominiert), Eigenfertigungs-RBZ (intern, Durchlaufzeit dominiert) und Total-RBZ (kumuliert über alle Stücklistenstufen, in SAP MARC-WZEIT als manuell gepflegtes Feld). Die DIN 8580 (Fertigungsverfahren) und die VDI-Richtlinie VDI 5200 Blatt 1 (Fabrikplanung, 2011) ordnen die Eigenfertigungs-RBZ in die fünf Zeitbausteine Auftragsfreigabe, Rüsten, Bearbeitung, Liegen, Transport ein. In der DACH-Industrie liegen typische Beschaffungs-RBZ laut BME-Spend-Survey 2024 für Standard-C-Teile zwischen 5 und 15 Arbeitstagen, für Spezialgussteile zwischen 35 und 90 Arbeitstagen, für Halbleiter der Automotive-Klasse temporär bei über 180 Arbeitstagen (2022/2023-Allokationskrise). Die Bundesvereinigung Logistik (BVL) und der VDMA berichten in Mitgliederbefragungen, dass eine RBZ-Reduktion um 20 Prozent den artikelbezogenen Sicherheitsbestand um ungefähr 10 bis 13 Prozent senkt, weil die Streuung σ_LT überproportional eingeht (siehe Sicherheitsbestand-Formel mit √-Term). Bei Eigenfertigung ist die RBZ über Reihenfolgeplanung und Rüstzeitoptimierung (SMED-Methode nach Shigeo Shingo, 1985) verkürzbar; bei externer Beschaffung sind Rahmenverträge, Konsignationslager und Frachtkonsolidierung die wirksamsten Hebel. Die [[eoq-andler-formel]] und die [[wagner-whitin-algorithmus]]-Logik gehen von einer fixen RBZ aus — variable RBZ erfordern stochastische Erweiterungen über z-Faktor und σ_LT.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Anlagenbauer aus Oberbayern beschafft Spezialventile aus Norditalien. Die Stammdaten im SAP-MM-Materialstamm zeigen: Bearbeitungszeit Einkauf 2 Tage, Plan-Lieferzeit 18 Tage, Wareneingangsbearbeitung 3 Tage — Summe-Beschaffungs-RBZ also 23 Arbeitstage. Bei einem Tagesbedarf von 12 Stück und Stückwert 240 Euro ergibt sich ein RBZ-gebundener Materialfluss von 12 × 23 × 240 = 66.240 Euro. 2025 ersetzt der Einkauf den See-Plus-LKW-Transport durch direkten Werks-Werks-LKW-Transport (Plan-Lieferzeit von 18 auf 11 Tage), gleichzeitig wird die Wareneingangsbearbeitung durch Lieferantenfreigabe-AVL auf 1 Tag reduziert. Neue RBZ: 2 + 11 + 1 = 14 Arbeitstage, eine Reduktion um 39 Prozent. Der RBZ-gebundene Materialfluss sinkt auf 12 × 14 × 240 = 40.320 Euro, der Sicherheitsbestand bei gleichem Servicegrad 97 Prozent um rund 22 Prozent. Bei einem Lagerkostensatz von 16 Prozent entspricht das einer jährlichen Ersparnis von rund 4.140 Euro Bestandsführungskosten pro Artikelposition; hochgerechnet auf 80 vergleichbare Materialstämme im Werk eine Working-Capital-Entlastung von rund 330.000 Euro.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Erster Fehler: Plan-Lieferzeit aus dem Lieferanten-Angebot übernehmen, ohne Wareneingangsbearbeitung und interne Bestellabwicklung einzurechnen — der Materialdisponent rechnet mit 14 Tagen, real liegt die RBZ bei 19 Tagen, der Meldebestand zündet zu spät. Zweiter Fehler: Eigenfertigungs-RBZ und Beschaffungs-RBZ vermischen — bei einer Halbfabrikat-Stückliste mit fremdgefertigtem Vormaterial muss die kumulierte RBZ über alle Stücklistenstufen laufen (SAP-Feld GesWiederbeschZeit MARC-WZEIT), sonst wird die Verfügbarkeitsprüfung systematisch zu optimistisch. Dritter Fehler: RBZ-Wert seit Werks-Eröffnung im Stammdatensatz unverändert lassen — Lieferanten und Speditionen ändern Routen und Kapazitäten laufend, ein jährlicher Stammdaten-Review (im Sinne der DIN ISO 9001:2015 Klausel 8.4) ist Pflicht. Im Verhandlungskontext ist die Plan-Lieferzeit der härteste Hebel: ein Rahmenvertrag mit verbindlicher Lieferzeit-Zusage senkt nicht nur die Mittelwert-RBZ, sondern vor allem σ_LT und damit den Sicherheitsbestand-Aufschlag überproportional. Eine [[bedarfsbuendelung]] über Zentraleinkauf erlaubt zudem Sammelfrachten mit kürzerer Transportzeit als bei Einzelbestellungen.

Verwandte Begriffe

Die Wiederbeschaffungszeit ist Eingangsgröße für [[sicherheitsbestand]], [[meldebestand]] und [[mindestbestand]], wird in der internationalen Praxis als [[lead-time]] geführt, geht in die [[eoq-andler-formel]] und die [[wagner-whitin-algorithmus]]-Logik ein und korrespondiert in der Verfügbarkeitsprüfung mit dem [[just-in-time]]-Konzept.

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