YoY Productivity Automotive
YoY Productivity Automotive
YoY Productivity Automotive bezeichnet die in OEM-Tier-1-Verträgen verpflichtende jährliche Preisreduktion auf gleicher Sach-Nummer und gleichem Produktionsstand, mit der die Käuferseite Effizienzgewinne aus Lernkurven, Skaleneffekten und Prozessverbesserungen vertraglich abschöpft.
Detaillierte Erklärung
Die Klausel hat ihren Ursprung in den japanischen Kaizen-Praktiken der 1970er-Jahre und wurde in den 1990er-Jahren von Toyota, Honda und später von den deutschen OEMs Volkswagen, Daimler und BMW in europäische Liefer-Rahmenverträge übernommen. Der VDA-Band Vertragsmanagement und die typischen Einkaufsbedingungen der OEMs sehen Cost-Reduction-Ziele zwischen 1 und 3 Prozent pro Jahr vor, wobei 2 Prozent der Median für mechanische Komponenten ist und elektronische Steuergeräte mit 3 bis 5 Prozent deutlich höher angesetzt werden. Die Klausel kann fix vereinbart sein, gestaffelt nach Lebenszyklusphase (höher in Anlauf, geringer in Auslauf) oder an einen Productivity Index gekoppelt, der externe Faktoren wie LME-Kupfer oder Lohnkostenindex herausrechnet. Aus Sicht des Tier-1 ist die Klausel BGB-rechtlich relevant: Eine YoY-Verpflichtung von 5 Prozent ohne Ausgleich für externe Kostensteigerungen wurde vom OLG München 2019 (Az. 7 U 5104/17) als unangemessene Benachteiligung nach §307 Abs. 1 BGB gewertet. Das BAFA-Lieferketten-Reporting verlangt seit 2024 zudem, dass Cost-Out-Druck nicht zu einer Verletzung der LkSG-Sorgfaltspflichten beim Tier-2 führt; die Klausel wird damit indirekt regulatorisch begrenzt.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Tier-1-Sitzlieferant aus Wolfsburg hat 2024 einen 5-Jahres-Liefervertrag mit einem deutschen Premium-OEM über Komfort-Sitzschienen abgeschlossen, Stückzahl 184.000 pro Jahr, Basispreis 47,80 Euro pro Einheit. Der Vertrag fixiert eine YoY-Productivity-Klausel von 2,4 Prozent, gestaffelt zu 3,0 Prozent in den Jahren 1 und 2, 2,5 Prozent in Jahr 3 und 1,5 Prozent in den Jahren 4 und 5. Eine Indexkopplung an LME-Stahl HRC neutralisiert Rohstoffschwankungen über plus/minus 8 Prozent. Im März 2026 fordert der OEM-Einkauf die Cost-Out-Bestätigung für das laufende Jahr ein. Der Tier-1 belegt eine reale Stückkostenreduktion von 1,12 Euro durch Werkzeugoptimierung, Cycle-Time-Reduktion von 38 auf 31 Sekunden und Materialsubstitution beim Schaumkern. Da die vertragliche Vorgabe 1,19 Euro beträgt, einigt man sich auf eine Spitzenausgleichszahlung in Höhe von 12.880 Euro für das laufende Jahr und einen erhöhten Cost-Out-Wert von 2,8 Prozent für das Folgejahr. Die Vereinbarung wird im SAP-MM mit Kontrakt-Position und Konditionssatz hinterlegt.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Vier Muster sind aus Audits und Streitfällen bekannt. Erstens fixieren Verträge die YoY-Klausel ohne Kopplung an Rohstoff- oder Lohnkostenindizes, was bei Inflationsphasen wie 2022 mit zweistelligen LME-Sprüngen die Tier-1-Marge unter Wasser drückt und Insolvenzrisiken erzeugt. Zweitens wird die Cost-Out-Berechnung nicht offengelegt: Die Käuferseite verlangt eine Pauschalreduktion, ohne den Lieferanten in die Position zu versetzen, durch Wertanalyse oder Open-Book-Kalkulation eigene Cost-Out-Programme aufzubauen. Drittens fehlt eine Sunset-Klausel, womit die Reduktion auch nach Erreichen der Lernkurven-Sättigung fortgesetzt wird und die theoretische Annahme der Klausel verlässt. Viertens entstehen LkSG-Konflikte, wenn der Tier-1 den Cost-Out-Druck unverändert an Tier-2 weitergibt und damit Mindestlohn- oder Arbeitssicherheitsstandards in Hochrisikoländern unterläuft. Im Verhandlungskontext fordern Sie als Tier-1 eine Indexbindung mit Quartalstakt, eine Open-Book-Pflicht für die Käuferseite ab Jahr 3 und eine Cap-Klausel bei kumulativ über 8,5 Prozent Cost-Out.
Verwandte Begriffe
Verzahnt mit [[cost-out-tracking]], [[open-book-kalkulation]] und [[indexkopplung-rohstoffe]]. Im Vertragsgefüge angrenzend an [[liability-cap-automotive]], [[q-vertrag-automotive]] und [[automotive-verbindlicher-liefervertrag]]. Methodisch verbunden mit [[clean-sheet-kalkulation]] und [[wertanalyse]]. Trigger-seitig kombiniert mit [[re-negotiation-cycle]].