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Procari Lexikon Zeichnungsteile
Einkaufslexikon

Zeichnungsteile

Zeichnungsteile

Zeichnungsteile sind Bauteile, deren Geometrie, Werkstoff, Toleranzen und Oberflächenqualität ausschließlich durch eine technische Zeichnung des Auftraggebers definiert werden. Im Gegensatz zu [[normteile|Normteilen]] existiert keine öffentliche Norm, die das Teil vollständig beschreibt — der Lieferant fertigt strikt nach Kundenvorgabe.

Detaillierte Erklärung

Zeichnungsteile entstehen überall dort, wo Standardlösungen nicht ausreichen: komplexe Gehäuse, Wellen mit Sondergeometrien, Schweißbaugruppen oder Kunststoffspritzgussteile mit produktspezifischen Konturen. Die technische Zeichnung ist das verbindliche Dokument; Änderungen daran erfordern eine neue Revisionsnummer und oft eine erneute Bemusterung.

Zeichnungsaufbau und normative Anforderungen

Eine regelkonforme Fertigungszeichnung enthält nach DIN EN ISO 128 (Darstellungsregeln) und DIN EN ISO 7200 (Schriftfeld) mindestens:

  • Geometrische Bemaßung mit Toleranzangaben nach DIN EN ISO 286 (Passmaße) oder DIN EN ISO 2768 (Allgemeintoleranzen für nicht einzeln bemaßte Merkmale)
  • Oberflächenangaben nach DIN EN ISO 1302 (Rauheit Ra, Rz)
  • Werkstoffangabe mit Werkstoffnummer nach DIN EN oder Handelsbezeichnung
  • Wärmebehandlung / Beschichtung falls gefordert
  • Schriftfeld mit Zeichnungsnummer, Revision, Maßstab, Datum und Ersteller

Allgemeintoleranzen nach DIN EN ISO 2768 sind in der DACH-Praxis weit verbreitet und werden im Schriftfeld eingetragen (z. B. "ISO 2768-m" für mittlere Toleranzklasse). Fehlt diese Angabe, ist die Zeichnung unvollständig — ein häufiger Quell­fehler beim Einkauf.

Unterschied zu Normteilen und Kaufteilen

MerkmalNormteileZeichnungsteileKaufteile
BeschreibungNorm (DIN/ISO/EN)KundenzeichnungHerstellerkatalog
Lieferanten­wahlviele Quelleneingeschränktherstellergebunden
Preistransparenzhochniedrigmittel
Werkzeugkostenkeineoft Werkzeug oder Vorrichtungkeine
Erstbemusterungseltenfast immernach Anforderung

Klassifikation in eCl@ss und SAP MM

Auch Zeichnungsteile werden in der modernen Beschaffung über [[eclass|eCl@ss]] 11 klassifiziert, um eine lieferantenübergreifende Suchanfrage zu ermöglichen. Die Segment-Schicht XX-XX-XX-XX beschreibt die Funktion (z. B. "Welle", "Gehäuse"), während die individuelle Geometrie weiterhin in der Zeichnung liegt. In SAP MM werden Zeichnungsteile typischerweise als Materialart "ROH" oder "HALB" mit Verweis auf die Zeichnungsnummer im langen Text oder in einem Klassifizierungsmerkmal angelegt.

Vergabe und Lieferantenqualifizierung

Die [[lieferantenqualifizierung|Lieferantenqualifizierung]] für Zeichnungsteile ist aufwändiger als für Normteile, weil der Lieferant die Zeichnung interpretieren, ggf. Werkzeuge beschaffen und Fertigungsverfahren auswählen muss. In der DACH-Praxis sind folgende Stufen üblich:

  1. Angebotsphase: Lieferant erhält NDA + Zeichnung und gibt Preis/Termin an
  2. Erstbemusterung (PPAP / VDA 8D-Report): [[erstbemusterung|Erstbemusterungsbericht]] nach VDA 4902 oder PPAP Level 1–5 (je nach Branche)
  3. Serienfreigabe: Erst nach positivem Bemusterungsergebnis
  4. Änderungsmanagement: Jede Zeichnungsrevision wiederholt den Prozess (mindestens Maßbericht)

Urheberrecht und Know-how-Schutz

Die technische Zeichnung ist in Deutschland urheberrechtlich und als Geschäftsgeheimnis nach GeschGehG geschützt. Lieferanten dürfen die Zeichnung nicht an Dritte weitergeben oder für andere Aufträge verwenden. Einkäufer sollten im Lieferantenvertrag explizit eine Vertraulichkeitsklausel für Zeichnungen aufnehmen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Sondermaschinenbauer in der Schweiz benötigt ein gefrästes Aluminiumgehäuse (AlSi10Mg, eloxiert) für eine neue Baureihe. Die Konstruktion liefert eine Zeichnung Rev. A mit ISO 2768-f (feine Toleranzklasse) und Ra 1,6 für alle Funktionsflächen.

Der Einkäufer schreibt drei CNC-Lohnfertiger an. Nach Angebotseingang stellt er fest, dass zwei Bieter unterschiedliche Aluminiumlegierungen kalkuliert haben (AlMgSi statt AlSi10Mg), weil die Zeichnung die Legierung nur als "Aluminium" angibt. Nach Rückfrage und Zeichnungskorrektur auf Rev. B mit expliziter Werkstoffnorm (EN AW-6082 T6) sind die Angebote vergleichbar.

Die Erstbemusterung nach VDA 4902 zeigt eine Abweichung an einer Passfläche außerhalb ISO 2768-f. Der Lieferant justiert die CNC-Spannvorrichtung, liefert einen korrigierten Muster­bericht — danach erfolgt die Serienfreigabe. Der gesamte Vorlauf beträgt sechs Wochen.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1: Unvollständige Zeichnung anfragen
Fehlen Allgemeintoleranzen, Oberflächenangaben oder die Werkstoffnorm, kalkulieren Lieferanten mit eigenen Annahmen. Die Angebote sind nicht vergleichbar, und im Serienanlauf entstehen Qualitätsprobleme.

Fehler 2: Revisionsstatus nicht kontrollieren
Wird die Zeichnung nach Angebotsabgabe geändert (Rev. B, C …), müssen alle Lieferanten die neue Version erhalten und ggf. nachkalkulieren. Fehlende Versionskontrolle ist einer der häufigsten Ursachen für Fertigungs­reklamationen.

Fehler 3: Werkzeugkosten nicht verhandeln
Viele Lieferanten amortisieren Spritzguss-Werkzeuge, Schweißlehren oder Fräsvorrichtungen im Stückpreis. Bei größeren Serien ist es oft günstiger, das Werkzeug einmalig zu kaufen und beim nächsten Ausschreibungszyklus eigentumsrechtlich zu halten.

Verhandlungskontext
Zeichnungsteile bieten weniger Preistransparenz als Normteile. Verhandlungshebel sind:

  • Zeichnungsoptimierung (Toleranzen lockern, Oberflächenqualität reduzieren, wo technisch möglich)
  • Losgröße und Abrufflexibilität (feste Jahresmengen senken Fixkostenanteile)
  • Materialbereitstellung (Beistellmaterial senkt Margenanteil des Lieferanten auf Werkstoff)
  • [[erstbemusterung|Erstbemusterungskosten]] als Einmalposition separat ausweisen

Verwandte Begriffe

  • [[normteile|Normteile]]
  • [[zulieferteile|Zulieferteile]]
  • [[erstbemusterung|Erstbemusterung]]
  • [[zeichnungspruefung|Zeichnungsprüfung]]
  • [[lieferantenqualifizierung|Lieferantenqualifizierung]]
  • [[eclass|eCl@ss]]

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