AQL (Acceptable Quality Level)
AQL (Acceptable Quality Level)
Eine Charge mit 5.000 Schrauben annehmen oder zurückschicken — und die Entscheidung trifft eine Stichprobe von 200 Stück. Genau das regelt der AQL-Wert. Wer ihn im Vertrag offenlässt, überlässt den Streit um den nächsten Reklamationsfall der Auslegung.
Detaillierte Erklärung
Der AQL (Acceptable Quality Level, auf Deutsch häufig "erlaubte Ausschussquote") ist eine zwischen Lieferant und Kunde vereinbarte Prozentzahl, bis zu der eine Lieferung trotz fehlerhafter Einzelteile als annahmefähig gilt. Die methodische Grundlage liefert die ISO 2859-1:1999 mit Stichprobenplänen, die nach Losumfang und Prüfschärfe (normal, verschärft, reduziert) gestaffelt sind. Die Norm ist Nachfolger der US-amerikanischen MIL-STD-105E von 1989, die formell zurückgezogen, aber konzeptionell in ISO 2859-1, ANSI/ASQ Z1.4 und mehrere internationale Standards überführt wurde.
Typische AQL-Werte staffeln sich nach Fehlerkritikalität: AQL 0,65 oder strenger für sicherheitsrelevante Merkmale (kritische Fehler), AQL 1,0 bis 2,5 für hauptfunktionale Merkmale (Hauptfehler) und AQL 4,0 oder lockerer für rein kosmetische Abweichungen (Nebenfehler). Die ISO-Tabellen ordnen jedem AQL-Wert in Kombination mit dem Losumfang eine konkrete Stichprobengröße und eine Annahmezahl (Ac) sowie eine Rückweisezahl (Re) zu — bis Ac annehmen, ab Re zurückweisen.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Einkäufer eines Elektronikherstellers in Bayern bestellt 12.000 Steckergehäuse aus Polen. Die Wareneingangsprüfung erfolgt nach ISO 2859-1 mit AQL 1,5 für Hauptfehler bei normaler Prüfschärfe, Stichprobengröße Code-Buchstabe L. Aus dem Losumfang ergibt sich eine Stichprobe von 200 Stück; die Annahmezahl liegt bei 7, die Rückweisezahl bei 8. Der Wareneingang findet bei der ersten Lieferung 5 fehlerhafte Gehäuse — Annahme. Bei der zweiten Lieferung sind es 11 Fehler. Die Charge wird zurückgewiesen, der Lieferant trägt nach AGB die Rücksendekosten und liefert eine Ersatzcharge unter verschärfter Prüfung (AQL bleibt 1,5, aber Stichprobenumfang wächst). Ohne den AQL-Wert im Liefervertrag wäre die Rückweisung juristisch angreifbar gewesen, denn der Lieferant hätte argumentieren können, eine Fehlerquote von 5,5 Prozent sei branchenüblich.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Drei Stolperstellen begegnen uns am häufigsten. Erstens wird der AQL-Wert mit der tatsächlichen Fehlerrate verwechselt. Der AQL ist ein Annahmegrenzwert, kein Lieferantenversprechen — ein AQL 1,5 bedeutet nicht, dass der Lieferant 98,5 Prozent gute Teile garantiert, sondern dass das Stichprobenverfahren bei einer wahren Fehlerrate von 1,5 Prozent das Los mit hoher Wahrscheinlichkeit annimmt. Zweitens wird AQL ohne Bezug zur Fehlerklassifikation vereinbart. Ein einziger AQL für "alle Fehler" ist juristisch dehnbar; sauber sind drei AQL-Stufen für kritisch, Haupt-, und Nebenfehler. Drittens wird die Prüfschärfe übersehen — nach mehreren angenommenen Losen wechselt die Norm in "reduzierte Prüfung" mit kleinerer Stichprobe; nach zwei zurückgewiesenen Losen in "verschärfte Prüfung" mit höherer Annahmehürde.
In der Verhandlung mit Asien-Lieferanten lohnt sich AQL 1,0 für Hauptfehler, da die Frachtkosten bei Rückweisung erheblich sind und 100-Prozent-Sortierprüfungen bei größeren Losen unwirtschaftlich werden. Bei DACH-Lieferanten mit geringerer Logistikspanne reicht oft AQL 1,5 oder 2,5. In jedem Fall gehört der AQL-Wert in den Rahmenvertrag — nicht in die mündliche Bestätigung.
Verwandte Begriffe
Der AQL operationalisiert die [[lieferantenbewertung]] im Wareneingang und ist regelmäßig Bestandteil der [[aeb-allgemeine-einkaufsbedingungen]] sowie des [[rahmenvertrag]]. Methodisch ergänzt er [[spc-statistische-prozesskontrolle]] und den [[cpk-wert]] — beide messen Prozessleistung beim Lieferanten, der AQL bestimmt die Annahmeentscheidung im eigenen Wareneingang. Bei Reklamationen folgt die Eskalation typischerweise über den [[8d-report]].