Audit-Score Lieferant
Audit-Score Lieferant
Der Audit-Score Lieferant ist die quantitative Gesamtbewertung eines Lieferantenaudits, ausgedrückt als Prozentwert und übersetzt in eine A/B/C-Klassifikation. Er entsteht aus der gewichteten Aggregation aller Einzelbewertungen der Auditcheckliste und ist die zentrale Größe für Freigabeentscheidungen, Maßnahmenpflicht und die Verknüpfung mit der Lieferantenscorecard.
Detaillierte Erklärung
Der Audit-Score folgt im DACH-Mittelstand überwiegend dem VDA-6.3-Bewertungsschema, weil es auch außerhalb der Automobilindustrie als Quasi-Standard gilt. Die Mechanik: Jede Einzelfrage wird mit 0, 4, 6, 8 oder 10 Punkten bewertet. 10 = voll erfüllt, 8 = überwiegend erfüllt, 6 = teilweise erfüllt mit Risiken, 4 = unzureichend, 0 = nicht erfüllt oder kein Nachweis. Aus den Einzelpunkten wird pro Element (P1 bis P7 bei Prozessaudit) ein Elementpunktewert (EP) berechnet, gewichtet nach Anzahl Fragen. Aus den Elementen ergibt sich der Gesamtpunktewert (GP) als gewichteter Durchschnitt.
Die Klassifikation: A-Lieferant ≥ 90 % (volle Freigabe, kein Maßnahmenzwang), B-Lieferant 80-89 % (bedingte Freigabe mit Maßnahmenpflicht, Re-Audit nach 6-12 Monaten), C-Lieferant < 80 % (keine Freigabe oder Stop-Shipment, Major-Maßnahmenplan, Re-Audit nach 90 Tagen). Wichtig: Ein einzelnes Major-Finding mit 0 Punkten in einem sicherheitsrelevanten Element kann die Klassifikation überschreiben und einen rechnerischen A-Lieferanten auf B oder C herabstufen.
Der Audit-Score ist keine isolierte Zahl. Er muss verknüpft sein mit der Lieferantenscorecard, in der Audit, Liefertreue, Reklamationsquote und kommerzielle Performance konsolidiert werden. Praxisgewichtung in der Scorecard 2026: Audit-Score 25-35 %, Liefertreue (OTIF) 25-30 %, Qualität (ppm-Defect-Rate, Reklamationsquote) 25-30 %, Kommerziell/Service 10-15 %. Wer den Audit-Score isoliert betrachtet, übersieht den Performance-Realitätscheck im Tagesgeschäft.
Bei IATF 16949 ist der Audit-Score Pflichtbestandteil der Lieferantenbewertung. Die Klausel 8.4.2.4 verlangt die Überwachung der Leistung externer Anbieter, der Audit-Score ist dabei einer der vier Pflicht-Indikatoren neben Lieferperformance, Qualitätsperformance und Beanstandungen. Bei sicherheitsrelevanten Teilen (Klausel 8.4.1.2) muss der Audit-Score zusätzlich dokumentierte OEM-Anforderungen berücksichtigen.
Eine moderne Praxis ist die Trendkurve. Ein A-Lieferant mit fallendem Score (von 94 % auf 91 % auf 87 %) ist ein Frühwarnindikator und löst proaktive Trigger-Audits aus, lange bevor die Klassifikation kippt.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein bayerischer Tier-1-Zulieferer für Antriebstechnik (430 Mitarbeitende, 87 Mio. EUR Umsatz) führt im März 2026 ein VDA-6.3-Prozessaudit bei einem tschechischen Stanz- und Umformbetrieb durch. Auditgegenstand: Sicherheitsrelevante Halteklammern für Hochvolt-Batteriemodule, Jahresvolumen 1,9 Mio. EUR, geplanter Hochlauf auf 3,4 Mio. EUR ab Q4/2026.
Audit-Ergebnis nach 1,5 Tagen Vor-Ort: 174 Einzelfragen bewertet. Element-Bewertung: P1 (Potenzialanalyse) 94 %, P2 (Projektmanagement) 88 %, P3 (Planung Produktentwicklung) 86 %, P4 (Realisierung Produktentwicklung) 90 %, P5 (Lieferantenmanagement) 78 %, P6 (Prozessanalyse Produktion) 82 %, P7 (Kundenbetreuung) 92 %. Gesamtpunktewert: 87,1 %. Rechnerisch B-Lieferant.
Allerdings: In Element P5 ein 0-Punkte-Finding bei der Sub-Tier-Auditpflicht. Der Lieferant hat seinen Tier-2-Stahllieferanten seit 2,5 Jahren nicht auditiert, obwohl der Q-Vertrag eine Zwei-Jahres-Pflicht vorsieht. Major-Finding bei sicherheitsrelevantem Teil. Klassifikation wird auf C gesenkt trotz GP 87,1 %.
Konsequenz: Bedingte Freigabe für laufenden Bedarf, Stop für Hochlauf-Volumen Q4. Maßnahmenplan: Tier-2-Audit binnen 60 Tagen, Sub-Tier-Auditprogramm dokumentiert binnen 90 Tagen, Re-Audit P5 in 120 Tagen. Der Audit-Score fließt in die Scorecard ein, kombiniert mit OTIF 96,2 % und Reklamationsquote 380 ppm. Gesamt-Scorecard Q1/2026 trotzdem 84 % – der Audit-Score zieht die Bewertung nach unten, hält den Lieferanten aber im aktiven Portfolio. Der Audit-Score und die Maßnahmen werden im Q-Review mit dem Lieferanten besprochen und mit dem Vertrieb dort als Eskalationspunkt vereinbart.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Häufigster Fehler: Audit-Score als rein rechnerische Größe behandeln. Wer einen 87-%-Lieferanten automatisch als B-klassifiziert, ohne Major-Findings zu prüfen, übersieht Risiken. Zweiter Fehler: Score-Mittelung über mehrere Audits. Ein guter alter Score kompensiert keinen schlechten neuen – relevant ist immer das aktuellste Audit plus Trend. Dritter Fehler: Score ohne Bindung an Konsequenzen. Wenn ein C-Score keine Lieferstopp- oder Maßnahmenfolge hat, ist die Bewertung dekorativ.
Verhandlungstaktik beim Auditgespräch: Lieferanten versuchen, im Schlussgespräch Findings nach unten zu verhandeln. Disziplin: Bewertungen werden auf Basis dokumentierter Nachweise vergeben, nicht aufgrund von Zusagen. Eine Korrektur ist nur möglich, wenn der Auditee zusätzliche Nachweise vor Auditabschluss vorlegt – mündliche Zusagen über künftige Verbesserungen sind keine Nachweise.
Im Lieferantengespräch ist der Audit-Score ein machtvolles Werkzeug. Er ist objektiviert, normbasiert und vergleichbar – schwer angreifbar. Aber er muss eingebettet sein in den OEM-typischen Yellow/Red/Black-Status: Score < 80 % über zwei Folgeaudits = Yellow, Score < 70 % oder Major-Finding sicherheitsrelevant = Red, anhaltend Red = Black (kein Neugeschäft).
Mittelstand-Realität: Der Score wird oft als Druckmittel in Preisverhandlungen genutzt, ist aber dafür nicht gedacht. Wer Q-Audits und Commercial-Verhandlung vermischt, beschädigt beide Disziplinen.
Ein häufig übersehener Punkt ist die Score-Vergleichbarkeit über mehrere Lieferanten. Wenn zwei Lieferanten von unterschiedlichen Auditoren auditiert wurden, ist ein direkter Score-Vergleich nur belastbar, wenn beide Auditoren nach demselben Schema und mit derselben Kalibrierung bewertet haben. Die VDA-6.3-Auditor-Zertifizierung soll genau diese Kalibrierung sicherstellen, in der Praxis gibt es aber Auditoren-Spread von 5-8 Prozentpunkten bei identischer Auditsituation. Wer Audit-Scores benchmarken will, muss diese Streuung kennen und im Zweifel auf Cross-Audits oder Doppelauditoren setzen.
Letzte Praxisregel: Der Audit-Score ist ein Zeitpunktwert, kein Dauerstatus. Ein Score von 92 % aus dem Audit Mai 2025 ist im Mai 2026 nicht mehr aussagekräftig. Spätestens nach 18 Monaten muss neu auditiert werden, sonst verliert die Klassifikation ihre Gültigkeit und der Lieferant rutscht in den Status "nicht aktuell bewertet" – was im OEM-Kaskaden-Audit zu Major-Findings führt.
Verwandte Begriffe
- [[lieferantenaudit]]
- [[lieferanten-scorecard]]
- [[vda-6-3]]
- [[lieferantenfreigabe]]
- [[lieferantenperformance]]