Bestellpunktverfahren
Bestellpunktverfahren
Bestellpunktverfahren (engl. Reorder Point Policy, ROP) ist eine bestandsorientierte Bestellpolitik, bei der eine neue Beschaffung ausgelöst wird, sobald der disponible Lagerbestand einen vorher definierten Meldebestand unterschreitet. Es ist die meistgenutzte Lagerhaltungspolitik im DACH-Mittelstand und der direkte Gegenpart zum zeitgetakteten Bestellrhythmusverfahren.
Detaillierte Erklärung
Die zentrale Formel lautet ROP = SS + d × L, wobei SS den Sicherheitsbestand, d den durchschnittlichen Tagesverbrauch und L die Wiederbeschaffungszeit in Tagen bezeichnet. Der Sicherheitsbestand wird üblicherweise als SS = z × σ × √L kalkuliert, mit z als Servicegrad-Faktor (z = 1,65 für 95 Prozent, z = 2,33 für 99 Prozent) und σ als Standardabweichung des Tagesverbrauchs. Methodengeschichtlich steht das Bestellpunktverfahren in direkter Linie zur Andler-Formel, die der deutsche Ingenieur Kurt Andler 1929 im deutschsprachigen Raum bekannt machte und die im englischen Sprachraum als Economic Order Quantity (EOQ) firmiert. Die Andler-Formel beantwortet die Frage nach der optimalen Bestellmenge bei konstanter Nachfrage und liefert damit das q in der Politik (s,q). Harvey M. Wagner und Thomson M. Whitin veröffentlichten 1958 mit dem Wagner-Whitin-Algorithmus ein exaktes Verfahren für dynamische Nachfrageverläufe und gelten damit als Vorläufer moderner heuristischer Losgrößenverfahren. In SAP MM ist das Verfahren über die Dispomerkmale VB (manueller Meldebestand), VM (automatisch ermittelt) sowie V1 und V2 (mit oder ohne externe Bedarfsberücksichtigung) abgebildet. Die Bundesvereinigung Logistik (BVL) zählt das Verfahren zu den Standard-Lagerhaltungspolitiken im DACH-Mittelstand und der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) führt es als Pflichtthema in seiner Operativen-Einkauf-Akademie.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein hessischer Zulieferer für Sanitärarmaturen mit 145 Mitarbeitern dispositioniert 1.870 Schraubenarten über das Bestellpunktverfahren mit Dispomerkmal V1 im Rahmen seiner [[materialdisposition]]. Für eine Edelstahlschraube M6 × 25 beträgt der Tagesverbrauch d = 240 Stück bei einer Wiederbeschaffungszeit von L = 12 Werktagen und einer Standardabweichung von σ = 38 Stück pro Tag. Bei einem Servicegrad-Ziel von 97 Prozent (z = 1,88) ergibt sich ein Sicherheitsbestand von SS = 1,88 × 38 × √12 = 247 Stück und ein Meldebestand von ROP = 247 + 240 × 12 = 3.127 Stück. Die optimale Bestellmenge nach Andler liegt bei 6.400 Stück und entspricht damit einer Reichweite von rund 27 Werktagen. Nach Einführung der Formelroutine, gekoppelt an den [[abc-xyz-klassifizierungszyklus]] mit quartalsweiser Aktualisierung der Verbrauchsstatistik, sank der durchschnittliche Bestandswert um 21 Prozent.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der häufigste Fehler ist ein statischer Meldebestand, der über mehrere Jahre nicht aktualisiert wird, obwohl sich Verbrauchsmuster, Lieferzeiten oder Servicegrad-Ziele geändert haben. Die Wiederbeschaffungszeit muss mindestens jährlich gegen die tatsächliche Lieferperformance des Lieferanten gemessen werden, idealerweise im rollierenden [[plan-ist-vergleich-bestand]]. Im Verhandlungskontext liefert das Bestellpunktverfahren einen klaren Hebel: Eine vertraglich zugesagte Verkürzung der Wiederbeschaffungszeit von 14 auf 7 Tage halbiert den zyklusbedingten Bestandsanteil und erlaubt eine Reduktion des Sicherheitsbestands um den Faktor √2. Wer in Verhandlungen die L-Zeit ohne Bezug zur ROP-Formel diskutiert, lässt einen quantifizierbaren Bestandsvorteil ungenutzt liegen. Eine valide [[nachfrageprognose]] mit dokumentierter MAPE ist die zweite zentrale Eingangsgröße — schwankt σ um Faktor 1,5, schwankt der Sicherheitsbestand mit.
Verwandte Begriffe
Das Bestellpunktverfahren ergänzt das [[bestellrhythmusverfahren]] und ist Standardverfahren der [[materialdisposition]]; es nutzt Eingangsgrößen aus [[nachfrageprognose]] und [[demand-sensing]] und liefert Output für [[slow-mover-analyse]], [[plan-ist-vergleich-bestand]] sowie den [[abc-xyz-klassifizierungszyklus]].