Clean-Sheet-Kalkulation
Clean-Sheet-Kalkulation
Eine Clean-Sheet-Kalkulation ist eine Bottom-up-Should-Cost-Methode, bei der die Herstellkosten eines Bauteils auf einem leeren Blatt von Grund auf neu berechnet werden, ohne Rückgriff auf Lieferantenangebote oder historische Einkaufspreise. McKinsey hat die Methode 2012 im White-Paper Cleansheet Target Costing Part I als systematischen Ansatz beschrieben und 2016 mit der Veröffentlichung Should-Cost Modeling for Everyone in der Breite etabliert.
Detaillierte Erklärung
Das Verfahren startet mit dem optimalen Fertigungsszenario unter Annahmen einer voll ausgelasteten Best-in-Class-Fabrik und akkumuliert Kosten Schritt für Schritt entlang des Wertstroms. Verwandte Methoden sind das Should-Cost-Modell, Cost Engineering und Target Costing. Die Berechnung folgt einem fixen Sieben-Schritt-Pfad: Rohmaterial nach Norm und Stückliste (BOM nach DIN 6789), Materialausnutzung mit Verschnittfaktor (typisch 5 bis 25 Prozent je Verfahren), Maschinenstundensatz (DACH-Standard 65 bis 110 EUR für CNC-Zerspanung, 35 bis 70 EUR für Montage), Stückzeit ab Stundenleistung der jeweiligen Maschine, Lohnsatz nach Land und Tarif, Gemeinkostenzuschläge und schließlich Gewinn und Logistik.
McKinseys Cleansheet-Plattform greift auf eine kuratierte Datenbank mit über 50.000 Datenpunkten zu Material, Lohn, Energie und Overheads in 70 Ländern zu. Die Beratungen Roland Berger und POLARIXPARTNER bieten vergleichbare Methodiken unter Bezeichnungen wie Bottom-up-Costing oder Should-Cost-Engineering an. Wichtig ist, dass die Clean-Sheet bewusst keinen Lieferantenpreis als Anker nimmt, sondern aus Engineering-Daten und Marktpreisen (Argus, MEPS, LME) eine unabhängige Zielgröße aufbaut. Die Genauigkeit liegt laut McKinsey-Studie 2023 in der Praxis bei plus minus 10 bis 15 Prozent gegenüber realen Werkskosten. Studien von h&z und POLARIXPARTNER aus 2023 und 2024 zeigen Einsparungen von 8 bis 22 Prozent bei systematischer Anwendung auf A-Teile.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Hersteller von Pumpenkomponenten aus Niedersachsen mit 380 Mitarbeitenden bezieht 24.000 Edelstahl-Spaltgehäuse jährlich von einem strategischen Lieferanten zum Stückpreis von 18,50 EUR (Volumen 444.000 EUR). Der Cost-Engineer baut eine Clean-Sheet-Kalkulation: Rohmaterial 1.4301-Rundstange 78 mm Durchmesser, Stückgewicht 1,82 kg, MEPS-Index Q1 2026 für Edelstahl 1.4301 bei 3.380 EUR pro Tonne, Materialkosten 6,15 EUR; Verschnittfaktor 18 Prozent durch CNC-Drehen, Bruttomaterial 7,26 EUR. Maschinenkosten: 16,5 Minuten Drehen bei 95 EUR pro Stunde plus 4 Minuten Bohren bei 88 EUR pro Stunde, Summe 26,12 EUR Stunde-äquivalent, Stückzeitkosten 4,32 EUR. Lohn (Tschechien-Werk des Lieferanten, 18 EUR pro Stunde inklusive Lohnnebenkosten) für 0,8 Minuten Bediener-Anteil pro Stück: 0,24 EUR. Gemeinkosten 35 Prozent auf Material plus Fertigung: 4,13 EUR. Gewinn 9 Prozent: 1,44 EUR. Clean-Sheet-Wert: 14,20 EUR pro Stück. Differenz zum aktuellen Lieferantenpreis: 4,30 EUR pro Stück bzw. 23 Prozent. In der Verhandlung erzielt der Einkäufer 16,90 EUR (8,7 Prozent Reduktion), Jahreseinsparung 38.400 EUR.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist die Übernahme von Lieferantenangaben zu Stückzeit und Maschinenstundensatz ohne Validierung. Wer den Lieferanten nach seinen Werten fragt und diese unkritisch ins Cleansheet überträgt, ankert sich an dessen Sicht. Validieren Sie über REFA-Studien beim Lieferanten oder über aPriori-/Costimator-Datenbanken.
Der zweite Fehler ist die fehlende Sensitivitätsanalyse. Eine Clean-Sheet liefert einen Punktwert; entscheidend für die Verhandlung sind die Treiber, deren 10-Prozent-Veränderung den Stückpreis um mehr als 2 Prozent verschiebt. Visualisieren Sie pro Teil 5 bis 7 Top-Treiber mit Tornado-Diagramm.
Der dritte Verhandlungsfehler ist die Konfrontation mit dem Clean-Sheet-Wert ohne Brückenangebot. Wer 14,20 EUR berechnet und den Lieferanten zwingt, von 18,50 EUR auf 14,20 EUR zu springen, riskiert Vertragsbruch oder Qualitätsverlust. Verhandeln Sie schrittweise über 6 bis 12 Monate mit klar definierten Hebeln und Mengenanreizen.
Verwandte Begriffe
Die Clean-Sheet-Kalkulation ist Werkzeug des [[cost-engineering]], liefert Datenpunkte in den [[total-cost-tree]] und stellt das Spiegelbild zur [[open-book-kalkulation]] dar.