Co-Development
Co-Development
Co-Development ist die strukturierte Einbindung eines Lieferanten in die Produktentwicklung eines Kunden, beginnend in der Konzept- oder Designphase, lange vor Serienfreigabe. Der englische Fachbegriff Early Supplier Involvement (ESI) ist deckungsgleich. Im DACH-Maschinen- und Fahrzeugbau ist Co-Development der zentrale Hebel, um Entwicklungszeit, Stückkosten und Risikoaufteilung gleichzeitig zu optimieren.
Detaillierte Erklärung
Den Begriff prägten Steven Wheelwright und Kim Clark 1992 in ihrem Buch "Revolutionizing Product Development" (The Free Press, New York). Auf Basis ihrer Studien zur japanischen Automobilindustrie zeigten sie, dass Toyota, Nissan und Honda Lieferanten im Schnitt 4 bis 6 Monate früher in den Entwicklungsprozess einbanden als westliche Hersteller, was Entwicklungszyklen um bis zu 30 Prozent verkürzte. Der International Motor Vehicle Program der MIT-Studie 1990 belegte einen ähnlichen Performance-Gap.
Methodisch unterscheidet die Literatur drei Stufen der Einbindung. Stufe 1, "Black Box", überlässt dem Lieferanten Konzept und Design innerhalb einer Lastenheft-Spezifikation. Stufe 2, "Grey Box", ist gemeinsame Entwicklung mit geteilten Verantwortungsbereichen. Stufe 3, "White Box", bedeutet reine Fertigung nach Kunden-Zeichnung ohne Entwicklungsbeitrag. Co-Development bezeichnet die Stufen 1 und 2, ist also explizit Konstruktionsbeitrag des Lieferanten.
Vertraglich erfordert Co-Development drei Bausteine. Erstens eine Geheimhaltungsvereinbarung mit beidseitigem Schutzbereich, weil Spezifikationen und Lieferanten-Knowhow gleichzeitig fließen. Zweitens eine Regelung der Schutzrechte (IP-Klauseln), typisch nach drei Modellen: Customer-owns-all, Joint-Ownership oder Background-Licensed. Drittens eine Kompensationsregel für die Vor-Investition des Lieferanten in Engineering-Stunden, die im DACH-Mittelstand häufig über Stückzahl-Kommitments mit Mindestabnahme oder Tooling-Fee abgegolten wird. ISO 9001:2015 Klausel 8.3 (Entwicklung) verlangt zudem dokumentierte Steuerung extern bereitgestellter Entwicklungsleistungen, IATF 16949:2016 verschärft das in Klausel 8.3.2.3 für Embedded-Software.
Auf Anwendungsseite koordinieren Verband der Automobilindustrie (VDA) und Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) Best Practices. Toyotas Suppliers Club (Kyohokai) gilt seit 1939 als Gründungsvorbild, in Deutschland trifft sich der BME-Forums-Kreis "Frühe Lieferanten-Einbindung" zu vergleichbarem Austausch.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein süddeutscher Hersteller von Spezialgetrieben mit 410 Mitarbeitern entwickelt 2025 eine neue Antriebsbaureihe für Elektronutzfahrzeuge. Auftragsvolumen über 7 Jahre Laufzeit: 38 Millionen Euro. Der Einkauf bindet drei Schlüssellieferanten in der Konzeptphase ein: einen Anbieter für gesinterte Zahnräder (Stufe 2 Grey Box), einen Wälzlagerhersteller (Stufe 1 Black Box) und einen Dichtungsspezialisten (Stufe 1).
Die drei Lieferanten investieren in Summe 1.840 Engineering-Stunden in die Konzeptphase, abgegolten über eine Tooling-Fee von 240.000 Euro plus Mindestabnahme von 60 Prozent des prognostizierten Volumens. Das Ergebnis nach 14 Monaten: 18 Prozent Gewichtsreduktion gegenüber der Vorgängerbaureihe, Stückkosten 11,4 Prozent unter Zielwert, Time-to-SoP von geplant 22 auf 19 Monate verkürzt. Der Wälzlagerhersteller liefert zusätzlich eine Patentanmeldung gemeinsam mit dem Kunden ein, IP-Anteil 40 zu 60 Prozent zugunsten des Kunden, 5-jährige exklusive Nutzung im Antriebssegment.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Der erste Fehler ist die zu späte Einbindung. Wer den Lieferanten erst nach Design-Freeze einbindet, zahlt für die "Co-Development"-Etikette ohne den Effekt. Studien aus dem Maschinenbau zeigen, dass 70 bis 80 Prozent der späteren Stückkosten in der Konzeptphase festgelegt werden. Wer in der Konzeptphase einbindet, hat den Hebel; wer nach Prototyp einsteigt, kauft nur noch Fertigung.
Der zweite Fehler ist die unklare IP-Regelung. Eine fehlende oder schwammige Schutzrechtsklausel führt im Streitfall zu blockierten Patenten und einer Lieferanten-Beziehung, die danach nicht mehr trägt. Vor jedem Co-Development-Projekt gehört der schriftliche IP-Anhang in den Rahmenvertrag, mit drei Punkten: Eigentum am Entwicklungsergebnis, Lizenzbedingungen für Background-IP, Cross-Licensing für Folgeprojekte.
Der dritte Fehler ist die Ignoranz gegenüber der Kompensation der Vor-Investition. Lieferanten, die Engineering-Stunden ohne Gegenleistung einbringen, kalkulieren diese Investition implizit in den Stückpreis ein, oft mit 2 bis 5 Prozent Aufschlag. Eine offene Tooling-Fee oder ein verbindliches Volumen-Kommitment ist transparenter und meist günstiger als die versteckte Quersubvention.
Verwandte Begriffe
Co-Development ist die operative Anwendung von [[strategic-sourcing]] in Schlüssel-Warengruppen und der typische Modus für [[single-sourcing]] mit [[innovationspartner]]-Charakter. Vertraglich gestützt durch [[nda-geheimhaltungsvereinbarung]] und [[rahmenvertrag]] mit IP-Anhang, methodisch verwandt mit [[target-costing]] und [[value-engineering]].