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Procari Lexikon Collaborative Engineering
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Collaborative Engineering

Collaborative Engineering

Collaborative Engineering bezeichnet die methodische und werkzeuggestützte Zusammenarbeit von Entwicklungsteams über Unternehmensgrenzen hinweg an gemeinsamen Konstruktionsdaten und Anforderungen, in der Regel über synchronisierte CAD- und PLM-Systeme mit feinem Rechtemanagement. Es ist die operative Ausprägung des [[simultaneous-engineering]] im erweiterten Wertschöpfungsnetzwerk und Grundlage moderner Lieferanteneinbindung.

Detaillierte Erklärung

Collaborative Engineering übersetzt das organisatorische Prinzip der parallelen, integrierten Produktentwicklung in eine konkrete technische Praxis. Statt sequenzieller Datenübergaben mit Versionschaos arbeiten Teams auf einer gemeinsamen Datenbasis, oft realisiert über Product-Lifecycle-Management-Plattformen. In der DACH-Industrie dominieren drei Werkzeugfamilien: CATIA V5 und V6 mit ENOVIA von Dassault Systèmes, vor allem in Automotive und Luftfahrt; Siemens NX mit Teamcenter, vor allem im Maschinenbau und in der Elektronik; PTC Creo mit Windchill, oft in mittelständischen Maschinenbau-Umgebungen. SolidWorks deckt zusätzlich den unteren Mittelstand ab und wird zunehmend über 3DEXPERIENCE-Plattformen kollaborativ angebunden.

Die kollaborative Praxis umfasst vier Ebenen. Auf der Datenebene werden CAD-Modelle, Stücklisten, Anforderungen und Prüfspezifikationen zentral verwaltet, mit feinkörnigem Rechtemanagement pro Lieferantenrolle. Auf der Prozessebene werden Workflows wie Änderungsmanagement und [[design-freeze]] durch das PLM-System orchestriert. Auf der Methodenebene kommen Top-down-Konstruktion, Skeleton-Modelle und parametrische Abhängigkeiten zum Einsatz, die späte Änderungen mit minimalem Aufwand erlauben. Auf der Governance-Ebene regelt ein Collaboration Agreement, wer wann auf welche Daten zugreifen darf.

Der Hauptnutzen liegt in der Vermeidung von Schleifen. Statt drei bis vier formaler Lieferantenfreigaben pro Bauteil mit Wochen Wartezeit pro Schleife arbeiten Hersteller und Lieferant auf gleicher Aktualität. Prüfmittelbau, Werkzeugauslegung und Fertigungsplanung starten schon während der Konstruktionsphase. Studien des VDMA zeigen, dass Maschinenbauer mit konsequentem Collaborative Engineering ihre Time-to-Market um 25 bis 35 Prozent verkürzen und Änderungskosten in der Spätphase um bis zu 60 Prozent reduzieren.

Die Abgrenzung zu [[joint-development]] ist wichtig: Collaborative Engineering ist die Arbeitsmethode, Joint Development ist der vertragliche Rahmen. Man kann Collaborative Engineering auch ohne Joint Development betreiben, etwa innerhalb eines klassischen Auftragsentwicklungsverhältnisses. Umgekehrt ist Joint Development ohne Collaborative Engineering möglich, aber selten effizient.

Wichtig für Einkäufer: Wer Lieferanten in Collaborative Engineering einbinden will, muss IT-Anbindung, Schulungsbedarf und Lizenzkosten berücksichtigen. Eine vollwertige CATIA-Lizenz mit ENOVIA-Anbindung kostet rund 14.000 bis 22.000 Euro pro Arbeitsplatz jährlich, eine NX-Teamcenter-Kombination 9.000 bis 18.000 Euro.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Hersteller von Verpackungsmaschinen aus Westfalen, 1.100 Mitarbeiter, Umsatz 240 Mio. Euro, entwickelt 2025 eine neue Maschinengeneration für pharmazeutische Anwendungen. Die Architektur sieht ein Servoachsenkonzept mit 38 Achsen, eine eigens entwickelte Bildverarbeitung und ein FDA-konformes Reinigungssystem vor. Statt der bisherigen Praxis, Komponenten als fertige Spezifikation an Lieferanten zu vergeben, entscheidet die Entwicklungsleitung gemeinsam mit dem Einkauf, drei Schlüsselbereiche kollaborativ zu entwickeln.

Eingebunden werden ein Antriebslieferant aus Sachsen, ein Sensorikspezialist aus Baden-Württemberg und ein Edelstahl-Konstrukteur aus Bayern. Alle drei erhalten Zugriff auf einen dedizierten Teamcenter-Workspace am Hauptstandort. Vorbereitung: jeder Lieferant entsendet zwei Konstrukteure für eine zweiwöchige Methodenschulung, danach erfolgt die VPN-Anbindung. Lizenzkosten pro Lieferant rund 26.000 Euro für zwei NX-Arbeitsplätze, geteilt nach Vereinbarung 70 zu 30.

Das Projekt startet im März 2026 mit einem Concept-Modell als Skeleton. Wöchentlich tagt ein Cross-Company Engineering Board mit zehn Personen, drei davon vom Hersteller, je zwei pro Lieferant, plus zwei aus Fertigung und Versuch. Im Mai wird der erste [[freeze-fence]] erreicht: Außenhülle und Antriebsachsen werden eingefroren, weitere Änderungen erfordern Change-Request mit Aufwandsschätzung. Im August schließt der zweite Freeze die Sensorik-Topologie ab.

Ergebnis nach zwölf Monaten: Die Maschinenvariante geht im März 2027 in Serie, vier Monate früher als bei der Vorgängergeneration. Änderungen in der Pilotphase liegen bei 23 dokumentierten Fällen, gegenüber 68 bei der Vorgängermaschine. Materialkosten pro Maschine sinken um 6,4 Prozent, vor allem durch Bauteilreduktion und integrierte Funktionen. Die Lieferanten erhalten über den Rahmenvertrag eine Volumengarantie über sechs Jahre, plus 2 Prozent Innovationsprämie auf den nachgewiesenen Kostenvorteil.

Typische Fehler und Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist die unterschätzte Datenhoheitsfrage. Wenn ein Lieferant Vollzugriff auf das PLM-System bekommt, kann er prinzipiell auch Daten außerhalb seines Bauteilbereichs einsehen. Ohne rollenbasierte Berechtigungskonzepte und Audit-Logs verletzt das Geheimhaltungspflichten gegenüber anderen Lieferanten. Best Practice ist ein Berechtigungskonzept mit drei Stufen: Read-only auf Schnittstellenmodelle, Read-Write nur auf eigene Baugruppen, Volltransparenz nur für den Programmleiter beim Lieferanten.

Ein zweiter Fehler ist die Mehrwertillusion durch Tool-Einführung allein. Wer ein PLM-System einführt, ohne Prozesse und Verantwortlichkeiten zu klären, vergrößert nur das Versionschaos. Erfolgreiche Implementierungen starten mit einer Methoden- und Prozess-Definition, das Tool kommt danach. Daraus folgt: Die Investition liegt zu rund 30 Prozent in Software, zu 70 Prozent in Schulung und Prozess-Definition.

Drittens unterschätzen viele Einkäufer den Lock-in-Effekt. Wer einen Lieferanten über zwei Jahre tief in das eigene PLM integriert hat, kann ihn nicht in drei Monaten austauschen. Wechselkosten liegen typischerweise bei 80.000 bis 200.000 Euro pro betroffenem Bauteilset, Zeitverlust drei bis sechs Monate. Im Verhandlungskontext sollte das vorab in Form einer Wechselklausel adressiert werden, die etwa eine Mindesthaltedauer und Übergabepflichten für Konstruktionsdaten regelt.

Bei der Lieferantenauswahl gehört die Bewertung der CAD- und PLM-Kompetenz heute in jeden RFI für Entwicklungspartner, gleichrangig mit klassischer [[lieferantenbewertung]]. Praktikable Prüfkriterien sind die im Hause genutzten CAD-Versionen, die Erfahrung mit dem PLM-System des Auftraggebers, die Anzahl der über 24 Monate erfolgreich abgewickelten Cross-Company-Engineering-Projekte sowie die personelle Tiefe im Entwicklungsteam des Lieferanten.

Verwandte Begriffe

  • [[simultaneous-engineering]]
  • [[joint-development]]
  • [[design-freeze]]
  • [[design-sprint]]
  • [[innovationspartner]]

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