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Procari Lexikon Cost-to-Win
Einkaufslexikon

Cost-to-Win

Cost-to-Win

Cost-to-Win ist ein analytisches Pricing-Verfahren, mit dem Tier-1-Lieferanten in Ausschreibungs- und Bid-Situationen den Angebotspreis bestimmen, bei dem die Wahrscheinlichkeit eines Zuschlags maximal ist, ohne die Profitabilität unnötig aufzugeben. Anders als beim klassischen Cost-Plus-Pricing oder Value-Based-Pricing kombiniert Cost-to-Win interne Kostendaten mit Wettbewerbsintelligenz und Kundenpräferenzen aus historischen RFP-Auswertungen.

Detaillierte Erklärung

Loopio berichtet in der RFP-Statistik 2024, dass Preis seit 2021 der Hauptgrund für Bid-Verluste ist (55 Prozent), und Bid Solutions weist die durchschnittliche Win-Rate über alle Industrien mit 45 Prozent aus, wobei Bestandslieferanten 60 bis 90 Prozent erreichen, Neueinsteiger nur 15 Prozent. Die Methode arbeitet mit vier Bausteinen: erstens einer internen Untergrenze aus Clean-Sheet-Kalkulation plus Mindestmarge (typisch 6 bis 12 Prozent EBIT bei OEM-Aufträgen), zweitens einer Wettbewerbskurve aus historischen Bids und Marktpreisindex (etwa MEPS für Stahl, Argus für Aluminium), drittens einer Win-Probability-Funktion, die Preisniveau zu Gewinnwahrscheinlichkeit modelliert (oft logistische Regression auf 50 bis 200 historischen Bids), viertens einer Erwartungswert-Optimierung (Expected Margin = Win-Probability mal Margin).

McKinsey beschreibt das Vorgehen in seinem Pricing-Insights-Artikel von 2023 als Sweet-Spot-Analyse, in der typischerweise 8 bis 15 Prozent Win-Rate-Steigerung realisiert werden, wenn Bids systematisch statt nach Bauchgefühl kalibriert werden. Tools wie PROS Smart CPQ, Vendavo und Zilliant bieten dafür parametrische Bid-Optimization-Module. Der Aufwand pro RFP-Antwort liegt laut NPPGov-Studie 2024 zwischen 5.000 und 50.000 EUR, weshalb selektives Bidding mit hoher Win-Probability wirtschaftlich entscheidend ist. Bain & Company berichtet in einer Studie zur Pricing-Excellence 2024 von 1 bis 3 Prozentpunkten zusätzlicher EBIT-Marge bei systematischer Cost-to-Win-Anwendung.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Automobilzulieferer aus Sachsen mit 1.620 Mitarbeitenden tritt als Tier-1-Lieferant für Spritzgussbaugruppen auf und bewirbt sich auf einen OEM-RFP mit 3,8 Mio EUR Jahresvolumen über 5 Jahre. Die Vertriebsleiterin baut zusammen mit dem Cost-Engineer ein Cost-to-Win-Modell: Clean-Sheet liefert 4,80 EUR Stückkosten plus 8 Prozent Mindest-EBIT-Marge gleich 5,18 EUR Untergrenze. Wettbewerbsanalyse aus 14 historischen Bids des gleichen OEMs zeigt: Bei 5,80 EUR pro Stück Win-Probability 72 Prozent, bei 5,40 EUR 88 Prozent, bei 5,10 EUR 96 Prozent. Erwartungswert-Optimierung: Bei 5,40 EUR Marge 0,22 EUR mal Win 88 Prozent gleich 0,194 EUR Expected Margin pro Stück; bei 5,10 EUR Marge gleich Null mit 96 Prozent Win gleich 0 EUR Expected Margin. Bid-Empfehlung: 5,40 EUR. Tatsächlicher Bid: 5,42 EUR mit Lieferzeit-Premium-Argument; Zuschlag erhalten, kumulierte Marge über Vertragslaufzeit: 836.000 EUR. Aus Einkaufssicht des OEMs ist das Beispiel die Spiegelseite: Wer Cost-to-Win versteht, kann gezielt über Reverse Auction und Best-and-Final-Offer die Win-Probability-Kurve verschieben.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die Mindestmarge zu niedrig anzusetzen. Wer im Eifer des Bid-Gewinns auf 3 oder 4 Prozent EBIT-Marge geht, finanziert Preisrisiken (Materialkostenanstieg, Tariflohnsteigerung) im Folgejahr aus eigener Substanz. Mindestmarge im OEM-Geschäft sollte 6 bis 8 Prozent EBIT plus Risikoaufschlag bei langen Vertragslaufzeiten betragen.

Der zweite Fehler ist die fehlende Pflege der Win-Probability-Funktion. Wer die Funktion einmal kalibriert und drei Jahre nicht aktualisiert, modelliert auf veralteten Daten. Quartalsweises Update mit jeder neuen Bid-Datenpunkt-Zeile ist Pflicht; bei strukturellen Marktwechseln (Energiepreis-Schock, neuer Wettbewerber) zusätzlich anlassbezogene Re-Kalibrierung.

Der dritte Verhandlungsfehler ist die isolierte Sicht auf den einzelnen Bid. Cost-to-Win optimiert pro Vergabe, aber strategisch zählt der Auftragsbestand. Wer drei Bids in Folge mit minimaler Marge gewinnt, hat keinen Spielraum für Spotbedarfe und Eskalationen; modellieren Sie das Bid-Portfolio mit Margenmix.

Verwandte Begriffe

Cost-to-Win nutzt die Untergrenze aus [[clean-sheet-kalkulation]], speist sich datentechnisch aus [[cost-engineering]] und steht im Spiegelbild zur [[reverse-auction]] aus Einkäuferperspektive.

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