Cycle Time PO-Receipt
Cycle Time PO-Receipt
Cycle Time PO-Receipt misst die Anzahl Kalendertage zwischen dem Versand einer Bestellung an den Lieferanten und der ersten verbuchten Wareneingangsbuchung im eigenen ERP. Die Kennzahl ist die operative Hauptdimension der Lieferzuverlässigkeit aus Sicht des Bestellers, deutlich präziser als die vom Lieferanten zugesagte Lieferzeit, weil sie reale Verzögerungen, Teilllieferungen und Wareneingangsstaus mitschneidet. Branchenabhängig variiert die Kennzahl zwischen 2 und 90 Tagen.
Detaillierte Erklärung
Die Berechnung erfolgt als Differenz in Kalendertagen zwischen dem PO-Versanddatum und dem Datum der ersten Wareneingangsbuchung gegen die Bestellung. Bei Teilllieferungen ist methodisch die Buchung der ersten Position maßgeblich, ergänzt durch eine separate Kennzahl "PO-Full-Receipt" für die Schlussbuchung der gesamten Bestellung. APQC führt die Kennzahl unter "Cycle time from purchase order to delivery" und differenziert sie nach Direct-Material und Indirect-Spend, weil die Streuung sonst die Aussage verwässert. WBResearch dokumentiert in der ProcureCon Supply Chain 2025 Studie typische Werte je Branche, die in der DACH-Industrie als Orientierungsrahmen dienen.
Branchenwerte folgen klar dem Beschaffungsobjekt: Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Lieferungen in der Automobilindustrie nach VDA-Empfehlung 5006 erreichen 2 bis 4 Wochen vom Lieferabruf bis zur Andocke, im engsten JIS-Korridor unter 4 Stunden. MRO-Bedarfe (Maintenance, Repair, Operations) liegen typisch zwischen 2 und 7 Tagen für lagerhaltige Standardartikel und 14 bis 30 Tagen für Hersteller-spezifische Ersatzteile. Apparel- und Konsumgüter-Importe aus Asien per Seefracht liegen bei 45 bis 90 Tagen vom PO bis zur Distributionscenter-Verfügbarkeit. Pharma-APIs erreichen mit regulatorischen GMP-Freigaben nach EU-GMP Annex 16 typische 8 bis 12 Wochen, weil jede Charge eine Qualified-Person-Freigabe durchlaufen muss. Investitionsgüter und Sondermaschinen gehen regelmäßig über 6 bis 18 Monate, was sie aus jeder operativen PO-Receipt-Statistik ausschließt und in eine separate Project-Lead-Time-Kennzahl gehört.
Treiber der Kennzahl sind vier Schichten: erstens die Lieferantenstrategie zwischen Lagerhaltung und Auftragsfertigung, zweitens die geographische Distanz und der Transportmodus zwischen Luftfracht (1-3 Tage), See (35-50 Tage) und LKW innerhalb Europa (1-5 Tage), drittens die interne Wareneingangsorganisation mit Annahme, Prüfung, Qualifikation und Verbuchung, die regelmäßig 0,5 bis 3 Tage zur reinen Lieferzeit hinzu addiert, und viertens die Genauigkeit der Lieferterminvereinbarung, die bei sauberer Avis-Kommunikation (ASN nach EDIFACT-DESADV) bessere Wareneingangsplanung erlaubt. Eine schwankende Cycle Time PO-Receipt mit hoher Standardabweichung ist gefährlicher als ein hoher Mittelwert, weil sie Sicherheitsbestände nach EOQ-Andler oder Wagner-Whitin-Algorithmus zwingend erhöht.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Tier-1-Automotive-Zulieferer aus Baden-Württemberg mit 2.100 Mitarbeitern und 380 Mio. EUR Beschaffungsvolumen analysiert seine Cycle Time PO-Receipt über 47.300 Bestellungen aus 4 Quartalen. Die Differenzierung nach Warengruppe zeigt: JIS-Sequenzteile 0,4 Tage, JIT-Lagerteile 5,2 Tage, Standardelektronik aus Asien 41 Tage, MRO und Werkzeug 8,7 Tage, Investitionsgüter im Sondermaschinenbau 187 Tage und damit aus der Auswertung herausgenommen. Die Standardabweichung der Asien-Elektronik beträgt 14,2 Tage und treibt einen Sicherheitsbestand von 28 Tagen, der nach EOQ-Optimierung eigentlich bei 9 Tagen liegen müsste. Der Einkaufsleiter implementiert ein zweistufiges Programm: erstens werden 12 Asien-Lieferanten mit hoher Streuung auf wöchentliche ASN-Pflicht und Track-and-Trace-Datenfeed umgestellt, was die mittlere Streuung auf 4,1 Tage senkt, zweitens wird für 5 kritische Bauteile eine Dual-Sourcing-Strategie mit einem osteuropäischen Tier-2 etabliert, der bei 14 Tagen PO-Receipt liefert. Nach 9 Monaten sinkt der Sicherheitsbestand für die betroffenen Positionen von 28 auf 11 Tage, der freigesetzte Working-Capital-Effekt beträgt 4,3 Mio. EUR.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster Fehler: Cycle Time PO-Receipt nur als Mittelwert reporten. Eine Kennzahl von 18 Tagen Mittelwert mit Standardabweichung 14 Tage ist operativ unbrauchbar, weil die Volatilität die eigentliche Steuerungsgröße ist. Sauberes Reporting nutzt mindestens Median, P90 und Standardabweichung gemeinsam.
Zweiter Fehler: Vermischung mit zugesagter Lieferzeit. Die zugesagte Lieferzeit ist eine Lieferantenkennzahl, die Cycle Time PO-Receipt eine Bestellerkennzahl. Beide divergieren regelmäßig um 15 bis 30 Prozent, und die Differenz ist der eigentliche Steuerungshebel im Lieferantenmanagement, nicht der absolute Wert.
Dritter Fehler: Wareneingangs-Wartezeit ignorieren. Wenn die Ware in 12 Tagen ankommt, aber 2 weitere Tage am Wareneingang ohne QS-Prüfung steht, ist das nicht der Lieferant, sondern die eigene Organisation. Eine separate Kennzahl "Dock-to-Stock" deckt diese Wartezeit auf und verhindert, dass interne Probleme als Lieferantenversagen kommuniziert werden.
Verwandte Begriffe
Cycle Time PO-Receipt ist die operative Schwester von [[lieferzeit]] aus Bestellersicht und steht in engem Zusammenhang mit [[wareneingangspruefung]] sowie [[liefertreue]] und [[otif-on-time-in-full]] als Bewertungsdimensionen. Bestandsseitig ist die Kennzahl Treiber für [[sicherheitsbestand]], [[eoq-andler-formel]] und [[wagner-whitin-algorithmus]]. Im Lieferantenmanagement verzahnt sie sich mit [[lieferantenscorecard]] und [[performance-review-prozess-lieferant]] und im Logistikkontext mit [[just-in-time]], [[just-in-sequence-jis]] und [[lieferavis-asn]].