Delivery Performance
Delivery Performance
Die Delivery Performance ist die übergreifende Kennzahl für die Liefertreue eines Lieferanten, gemessen als Anteil der Lieferungen, die rechtzeitig, vollständig und spezifikationsgemäß ankommen. Sie ist im OEM-Umfeld der primäre operative Steuerungs-KPI und löst direkt Statuswechsel zwischen Green, Yellow, Red und Black aus. Best-in-Class-Werte liegen 2026 bei 95-99 %.
Detaillierte Erklärung
Delivery Performance ist nicht identisch mit OTD (On-Time Delivery). OTD misst nur das Zeitfenster – wurde rechtzeitig geliefert, ja oder nein. Delivery Performance ist die strengere Schwester: Eine Lieferung zählt nur dann positiv, wenn sie drei Kriterien gleichzeitig erfüllt – rechtzeitig (innerhalb des vereinbarten Zeitfensters), vollständig (alle bestellten Mengen) und spezifikationsgemäß (Qualität, Verpackung, Dokumentation, Etiketten). Verpasst die Lieferung auch nur eines dieser drei Kriterien, zählt sie als nicht performant.
Die Standardformel: Delivery Performance = (rechtzeitige + vollständige + spezifikationsgemäße Lieferungen) / Gesamtanzahl Lieferungen × 100 %. Im operativen Reporting wird oft pro Position, nicht pro Auftragskopf, gerechnet – ein Auftrag mit fünf Positionen kann vier performante und eine nicht performante Position haben. Die Position-basierte Rechnung ist strenger und für komplexe Lieferungen die richtige Wahl.
OEM-Praxis 2026: Audi, BMW, VW, Daimler messen Delivery Performance auf Tagesbasis und veröffentlichen Lieferantenrankings monatlich. Die Schwellen sind branchenüblich: Green ≥ 97 %, Yellow 94-96,9 %, Red 90-93,9 %, Black < 90 %. Bei sicherheitsrelevanten Bauteilen verschärft sich das Schema: Green ≥ 98,5 %, Red bereits ab < 95 %. Statuswechsel haben harte Konsequenzen – Yellow blockiert Neugeschäft, Red erzwingt 8D-Bericht und Eskalationsmeeting, Black bedeutet Source-out-Risk innerhalb 12 Monaten.
Im DACH-Mittelstand sind die Schwellen oft weicher (Green ab 95 %), aber die Logik identisch. Wichtig: Delivery Performance ist eine Pflicht-KPI nach IATF 16949 Klausel 8.4.2.4. Sie muss im monatlichen Lieferantenbericht erscheinen und in die Lieferantenscorecard einfließen, typische Gewichtung 25-35 %.
Die Detail-Komponenten sind separat zu tracken. OTD (Zeitfenster), Fill Rate (Mengenvollständigkeit), Reklamationsquote (Spezifikation) – jede Komponente liefert eigene Diagnosesignale. Wer nur den Gesamtwert reported, sieht Symptome aber keine Ursachen.
Frühwarn-Logik: Ein A-Lieferant mit Delivery Performance 97,8 % im Q1, 96,4 % im Q2 und 95,1 % im Q3 ist noch Green, zeigt aber einen Trend-Drift. Trendanalyse über drei Monate ist Pflicht in jeder seriösen Lieferantensteuerung.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein nordrhein-westfälischer Tier-1-Zulieferer für Sitzkomponenten (1.450 Mitarbeitende, 384 Mio. EUR Umsatz, OEM-Kunden VW, Audi, Stellantis) führt einen Delivery-Performance-Review für sein Top-15-Lieferantenportfolio durch. Bewertungszeitraum: Januar bis April 2026, Lieferungsbasis 12.840 Einzellieferungen.
Lieferant A (Schaumstoffpolster, 18,7 Mio. EUR p.a., Single-Source): 2.140 Lieferungen, davon 2.087 voll performant. Delivery Performance: 97,52 %. Komponenten-Split: OTD 98,4 %, Fill Rate 99,1 %, Spezifikation 99,8 %. Status: Green, kein Handlungsbedarf, monatliches Reporting weiter.
Lieferant B (Bezugsstoffe Textil, 22,3 Mio. EUR p.a., Dual-Source): 1.876 Lieferungen, 1.748 performant. Delivery Performance: 93,18 %. Komponenten-Split: OTD 94,2 %, Fill Rate 96,7 %, Spezifikation 98,9 %. Status: Red. Hauptursache: Schedule-Adherence-Probleme nach Wechsel des Speditionspartners im März. Konsequenz: Eskalationsmeeting auf Geschäftsführungsebene innerhalb 14 Tagen, 8D-Bericht pflichtgemäß, kein Neugeschäft bis Status mindestens Yellow.
Lieferant C (Metallrahmen, 31,5 Mio. EUR p.a., 70 % Mengenanteil von zwei Lieferanten): 3.612 Lieferungen, 3.501 performant. Delivery Performance: 96,93 %. Status: Yellow, knapp unter Green-Schwelle. Komponenten-Split zeigt Fill Rate 95,8 % als Engpass. Ursache: Materialknappheit bei Stahllieferanten Tier-2, Lieferant C kann nicht voll mengentreu liefern.
Die Konsequenzkette: Lieferant B löst Source-Out-Vorbereitung aus, Dual-Source-Aktivierung mit Lieferant B2 wird beschleunigt. Lieferant C bekommt 90-Tage-Plan zur Tier-2-Stabilisierung. Lieferant A wird als Benchmark im Lieferantengespräch zitiert. Alle drei Auswertungen fließen in die Q2-Scorecard und in den OEM-Quartalsbericht an VW und Audi.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Häufigster Fehler: Delivery Performance gleichsetzen mit OTD. Das ignoriert Mengen- und Qualitätsabweichungen und beschönigt die Realität. Zweiter Fehler: Auftragskopf statt Auftragsposition messen. Bei mehrzeiligen Aufträgen verbirgt die Auftragskopf-Rechnung viele Defekte. Dritter Fehler: Toleranzen falsch gesetzt. Ein 24-Stunden-Spät-Fenster ist im OEM-Umfeld unrealistisch, marktüblich sind 0 Stunden früh und 0 Stunden spät bei JIT, 2-4 Stunden bei Standardabruf.
Vierter Fehler: Keine Differenzierung nach Lieferantenkritikalität. Eine 95-%-Schwelle bei Tail-Lieferanten ist sinnvoll, bei sicherheitsrelevanten Single-Source-Lieferanten viel zu mild. Die Schwellen müssen kritikalitätsabgestuft sein.
Verhandlungskontext: Lieferanten argumentieren bei schlechter Delivery Performance gerne mit externen Ursachen – Spediteur, Tier-2, Force-Majeure. Disziplin: Die Verantwortung liegt beim Lieferanten gegenüber dem Auftraggeber, externe Verursacher sind interne Lieferantenangelegenheit. Wer das aufweicht, untergräbt die KPI.
Bei OEM-Status-Diskussionen ist Delivery Performance ein nicht verhandelbares Faktum. Ein Yellow-Status ist nicht durch Beziehungspflege auflösbar, sondern nur durch eine wieder grüne 3-Monats-Bilanz. Das macht die KPI im Lieferantengespräch zu einem objektiven Steuerungsinstrument – sie ist nicht weginterpretierbar.
Best Practice 2026: Wöchentliches Delivery-Performance-Tracking statt monatlich. Frühwarnung wirkt nur, wenn der Datenpuls schnell genug ist. In modernen ERP/SRM-Setups ist Wochentakt Standard, in Mittelstandsetups oft noch Monatstakt – dort ist Nachholbedarf.
Eine weitere Falle ist die Vermischung von kommerzieller und operativer Performance. Delivery Performance misst die Lieferdisziplin, nicht den Preis und nicht das Beziehungsklima. Wer in Eskalationsmeetings beides vermischt, verwässert die KPI und macht sie politisch angreifbar. Die KPI muss als reines Tagesgeschäft-Signal behandelt werden, kommerzielle Themen laufen separat im Sourcing-Review. Diese Trennung ist im DACH-Mittelstand 2026 noch nicht überall etabliert, sie ist aber Voraussetzung für eine belastbare Lieferantensteuerung.
Verwandte Begriffe
- [[otif-on-time-in-full]]
- [[otd-on-time-delivery]]
- [[liefertreue]]
- [[perfect-order-rate]]
- [[lieferantenperformance]]