Eigenfertigung
Eigenfertigung
Eigenfertigung bezeichnet die unternehmensinterne Herstellung von Teilen, Baugruppen oder Dienstleistungen, die alternativ auch am Markt beschafft werden konnten. Die Entscheidung fur oder gegen Eigenfertigung ist eine der strategisch folgenreichsten im industriellen Einkauf — sie bestimmt Kapazitatsrisiko, Fixkostendegression und Know-how-Schutz zugleich.
Detaillierte Erklarung
Eigenfertigung (auch: Make-Option, vertikale Integration) bedeutet, dass ein Unternehmen benotigtes Material, Komponenten oder Zwischenprodukte mit eigenen Maschinen, eigenem Personal und eigenen Prozessen produziert — anstatt sie extern zu beschaffen (vgl. [[fremdbezug]]). Der Begriff ist eng verknupft mit der [[make-or-buy-analyse]], die die systematische Entscheidungsgrundlage zwischen beiden Optionen liefert.
Die betriebswirtschaftliche Grundlogik: Eigenfertigung bindet Kapital in Anlagen und Personal, schafft aber Fixkostenblocks, die bei hoher Auslastung zu niedrigeren Stuckkosten fuhren als Fremdbezug. Bei niedriger Auslastung dreht sich das Verhaltnis um — ein zentrales Risiko in volatilen Markten.
Strategische Dimensionen der Entscheidung
1. Kernkompetenz-Argument: Komponenten, die zum Alleinstellungsmerkmal des Unternehmens beitragen, werden typischerweise selbst gefertigt. Ein DACH-OEM mit proprietarer Getriebetechnologie wird diese Komponente kaum auslagern — das Know-how ist der Wettbewerbsvorteil. Fur Standardteile ohne Differenzierungspotenzial gilt das umgekehrte Argument.
2. Kapazitats- und Auslastungssteuerung: Eigenfertigung mit 80-90 % Auslastung ist effizient. Unter 70 % entstehen Leerkosten, die den Vollkostenvergleich gegenuber dem Marktpreis schnell kippen lassen. IATF-16949-zertifizierte Betriebe fuhren daher Kapazitatsplanung und OEE (Overall Equipment Effectiveness) als KPI.
3. Lieferkettensicherheit: Geopolitische Verwerfungen (Post-COVID-Chip-Krise, Ukraine-Konflikt ab 2022) haben das Pendel bei vielen Mittelstandlern Richtung Eigenfertigung bewegt — insbesondere fur sicherheitskritische Teile mit langen Wiederbeschaffungszeiten. Diese Tendenz wird in BME-Jahresberichten 2023 und 2024 als "Re-Insourcing-Welle" dokumentiert.
4. Qualitats- und IP-Kontrolle: Eigenfertigung erlaubt vollstandige Prozesskontrolle und schutzt Konstruktionszeichnungen vor unbeabsichtigter Weitergabe. Relevant insbesondere im Maschinenbau und bei Spezialkomponenten.
5. Compliance nach LkSG: Seit dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG § 3 ff., in Kraft seit 2023) kann Eigenfertigung ein Instrument der Risikominimierung sein — eigene Produktion unterliegt der direkten Kontrolle und erfordert keine externe Sorgfaltspflichtenprufung.
Kostenstruktur der Eigenfertigung
Die Vollkostenrechnung der Eigenfertigung umfasst:
| Kostenblock | Beschreibung |
|---|---|
| Materialdirektkosten | Roh-, Hilfs-, Betriebsstoffe |
| Fertigungslohnkosten | Direkte Arbeitsstunden + Nebenkosten |
| Maschinenkosten | AfA, Energie, Wartung (§ 255 HGB fur Wertansatz) |
| Fertigungsgemeinkosten | Instandhaltung, Qualitat, Logistik intern |
| Entwicklungs- und Anlaufkosten | Prototypen, Werkzeuge, Anlaufverluste |
| Opportunitatskosten | Entgangener Ertrag durch gebundenes Kapital |
Haufig unterschatzt werden Opportunitatskosten und Anlaufkosten. Eine [[should-cost-analyse]] fur die Eigenfertigungsoption hilft, die Vollkostenwahrheit herzustellen — unabhangig von internen Verrechnungspreisen, die Subventionen verschleiern konnen.
Rechtliche Rahmenbedingungen
Die Bilanzierung von selbsterstellten Anlagen und Vorratten richtet sich nach §§ 255, 240 HGB. Aktivierungspflichtige Herstellungskosten umfassen Fertigungsmaterial und -lohn sowie anteilige Gemeinkosten; Vertrieb und Verwaltung durfen nicht einbezogen werden. Fur internationale Konzernmutter gelten IFRS/IAS-2-Regeln, die in Details abweichen.
Praxisbeispiel
Ein schwabischer Sondermaschinenbauer (350 Mitarbeiter) fertigt Hydraulikzylinder bislang selbst. Die Auslastung der Zylinderfertigungslinie liegt bei 68 %, da ein Grosskunde weggefallen ist. Die Vollkosten je Zylinder betragen intern 210 EUR; ein qualifizierter DACH-Lieferant bietet 155 EUR bei IATF-Zertifizierung und 98 % Liefertreue.
Die [[make-or-buy-analyse]] ergibt: Bei aktueller Auslastung ist [[fremdbezug]] um ca. 26 % kostengunstiger. Allerdings: Die Zylindergeometrie ist proprietar und wurde vom Unternehmen patentiert (DE-Patent). Externe Vergabe wurde das Fertigungs-Know-how offenlegen.
Ergebnis: Teilauslagerung der Standardzylinder (60 % des Volumens) an den Lieferanten, Eigenfertigung der Spezialvarianten mit engeren Toleranzen. Durch das Teiloutsourcing sinkt die Fixkostenlast; die verbleibende Linie erreicht 85 % Auslastung.
Dieses "hybride Make/Buy" ist laut Hackett Group 2024 das meistgenutzten Muster im DACH-Maschinenbaumittelstand — vollstandige Eigenfertigung oder vollstandiger Fremdbezug sind Ausnahmen.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Fehler 1 — Kostenvergleich auf Teilkostenbasis: Viele Unternehmen vergleichen nur variable Kosten der Eigenfertigung mit dem Marktpreis. Fixkostenanteil (Maschinenabschreibung, Flache) bleibt ausgeklammert — was die Eigenfertigung kunstlich verbilligt. Korrekt ist immer der Vollkostenvergleich.
Fehler 2 — Keine strategische Ruckfalloption: Wer eine Fertigungslinie auflost oder Personal abbaut, verliert das Know-how innerhalb von 12-18 Monaten. Eine spatere Ruckkehr zur Eigenfertigung ist oft nicht mehr moglich. Die Entscheidung ist asymmetrisch-irreversibel und sollte daher mit hoherer Sorgfalt getroffen werden als eine kurzfristige Preisentscheidung.
Fehler 3 — LkSG-Entlastungsillusion: Eigenfertigung eliminiert nur Tier-1-Lieferantenrisiken. Vorgelagerte Rohstofflieferanten (Tier-2/3) bleiben sorgfaltspflichtig nach LkSG § 5 — auch bei Eigenfertigung.
Verhandlungskontext: Wer glaubhaft Eigenfertigung als Alternative darstellen kann, hat im Lieferantengesprach eine deutlich starkere Verhandlungsposition. Selbst wenn Eigenfertigung aktuell nicht wirtschaftlich ware, kann der Hinweis auf vorhandene Maschinenkapazitat ("Wir haben die Zerspanungsanlage noch") Preiszugestandnisse eines Lieferanten erleichtern. Die Drohung muss allerdings glaubwurdig und rechtlich einwandfrei kommuniziert werden — § 138 BGB (Sittenwidrigkeit) und Kartellrecht setzen Grenzen bei koordiniertem Verhalten.
Verwandte Begriffe
- [[fremdbezug]] — Die Gegenstrategie: externe Beschaffung statt interner Herstellung
- [[make-or-buy-analyse]] — Systematischer Entscheidungsrahmen zwischen Eigenfertigung und Fremdbezug
- [[insourcing]] — Ruckverlagerung bisher extern vergebener Leistungen in die eigene Fertigung
- [[outsourcing]] — Verlagerung interner Leistungen an externe Anbieter
- [[should-cost-analyse]] — Berechnung des Fair-Value-Preises fur die Eigenfertigungsoption
- [[kostentreiberanalyse]] — Identifikation der wesentlichen Kostenhebel in der Fertigungskostenkurve