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Procari Lexikon Eigenfertigungstiefe
Einkaufslexikon

Eigenfertigungstiefe

Eigenfertigungstiefe

Eigenfertigungstiefe bezeichnet den Anteil der internen Wertschöpfung an den Herstellkosten eines Produkts, gemessen als Quotient aus eigener Fertigungsleistung und Gesamtherstellkosten. Sie ist die zentrale Steuerungsgröße für Make-or-Buy-Entscheidungen, Resilienz und Investitionsplanung. Eine hohe Eigenfertigungstiefe (>60 %) bedeutet Kontrolle und Fixkostenbelastung; eine niedrige (<30 %) bringt Variabilität und Tier-N-Abhängigkeit.

Detaillierte Erklärung

Berechnet wird die Eigenfertigungstiefe üblicherweise nach drei Methoden. Erstens wertbasiert: (Eigene Fertigungsstunden x interner Stundensatz + interne Materialveredelung) geteilt durch die Gesamtherstellkosten. Zweitens stückzahlbasiert: Anteil intern gefertigter Komponenten an der Gesamtstückliste. Drittens wertschöpfungsbasiert: (Umsatz – Vorleistungen) geteilt durch Umsatz, also der klassische Wertschöpfungsanteil aus der Volkswirtschaftslehre. Für den Einkauf ist die wertbasierte Methode am aussagekräftigsten, weil sie direkt Make-or-Buy-Entscheidungen unterstützt.

In der DACH-Praxis liegen Branchenmediane bei: Automotive-OEM 22-28 % (historisch fallend, seit 2022 wieder leicht steigend wegen Elektrifizierung und Halbleiter-Insourcing), Maschinenbau 38-52 %, Medizintechnik 45-65 % (regulatorisch getrieben, IATF-äquivalent ISO 13485 erschwert Auslagerung), Elektronik-OEM 8-18 % (EMS-dominiert), Aerospace 28-42 %. Eine niedrige Eigenfertigungstiefe ist nicht per se schlecht — sie kann auf gezielte Fokussierung auf Differenzierungskerne hinweisen.

Strategisch arbeiten Einkaufsleiter mit dem Konzept der "kritischen Eigenfertigungstiefe": welche Prozessschritte müssen intern bleiben, um Technologiekompetenz, IP-Kontrolle und Anlauffähigkeit zu sichern? Klassische Beispiele in der DACH-Industrie: Präzisionsschleifen bei Werkzeugmaschinenherstellern, Vergießen sicherheitsrelevanter Bauteile in der Elektromobilität, sterile Endabfüllung in der Medizintechnik. Die Auslagerung dieser Schritte wird als kritische Make-or-Buy-Entscheidung dokumentiert, mit Vorstandsvotum.

Die Bewertung der Eigenfertigungstiefe potenzieller Lieferanten ist Teil jeder Lieferantenpipeline. Ein Werkzeugbauer mit 75 % Eigenfertigungstiefe (eigene Fräserei, Erodieranlagen, Härterei) bietet weniger Sub-Tier-Risiko als ein Werkzeugbauer mit 25 % (vor allem Konstruktion und Endmontage, Rest extern vergeben). Die Differenz zeigt sich im Hochlauf: Lieferanten mit hoher Eigenfertigungstiefe halten Termine besser, sind aber teurer in der Stückkostenkurve. Datenmoat-Quellen wie BME-Studien und VDMA-Branchenbenchmarks veröffentlichen Mediane jährlich, einzelne Datenpunkte sind aber meist nur durch Lieferantenaudits zu ermitteln.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauunternehmen aus Nordrhein-Westfalen mit 620 Mitarbeitern und 145 Mio. EUR Umsatz analysiert im März 2026 seine Eigenfertigungstiefe nach einer strategischen Einkaufsklausur. Der Ist-Stand: 41 % Eigenfertigungstiefe über alle Produktlinien, mit großen Unterschieden zwischen Standardmaschinen (28 %, hoher Zukaufanteil) und Sondermaschinen (62 %, hohe interne Wertschöpfung).

Die Analyse identifiziert zwei Handlungsfelder. Erstens: bei Standardmaschinen liegt die Eigenfertigungstiefe unter dem Branchenmedian von 38-42 %, was zwar Stückkostenvorteile bringt, aber im Halbleitermangel 2022-2023 zu sechsmonatigen Lieferstaus geführt hat. Der Vorstand entscheidet, die Steuerungsbaugruppen (Jahresvolumen 1.800 Stück, Stückwert 2.200 EUR) bis Ende 2027 zu re-internalisieren. Investition: 1,8 Mio. EUR für SMD-Linie, 14 Monate Aufbauphase, Ziel-Eigenfertigungstiefe in dieser Linie 58 %.

Zweitens: bei Sondermaschinen wird die hohe Eigenfertigungstiefe bei mechanischen Standardteilen hinterfragt. Ein internes Should-Cost-Modell zeigt, dass Drehteile und Frästeile mit über 480 EUR/Stück intern gefertigt werden, während qualifizierte Lohnfertiger in Polen und Tschechien bei 290-340 EUR/Stück liegen — bei vergleichbarer Qualität (Toleranz IT7, Oberflächengüte Ra 1,6). Die Sondermaschinen-Fertigungstiefe wird gezielt auf 54 % gesenkt, durch Auslagerung von 22 Drehteilfamilien an zwei qualifizierte Lohnfertiger. Erwartete Einsparung: 680.000 EUR/Jahr ab Q4/2026, abzüglich 95.000 EUR Qualifizierungsaufwand und 38.000 EUR Werkzeugkosten für Spannmittel.

Die Eigenfertigungstiefen-Steuerung wird in den Quartalsbericht des CPO aufgenommen, mit Zielkorridoren je Produktlinie, Resilienz-Score (Anzahl Single-Source-Komponenten) und Investitionsplan. Bis 2028 soll die Gesamteigenfertigungstiefe bei 44 % liegen, mit reduziertem Tier-N-Klumpenrisiko und gleichzeitig 3-4 % Stückkostenvorteil gegenüber dem Status quo.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der häufigste Fehler ist der Fokus auf einen einzigen Eigenfertigungstiefen-Wert für das ganze Unternehmen. Eine aggregierte Kennzahl von 35 % verbirgt, dass kritische Sicherheitsbauteile zu 90 % extern gefertigt werden, während Standardteile zu 80 % intern laufen — also genau das umgekehrte Profil zur strategischen Logik. Lösung: Eigenfertigungstiefe je Produktlinie, je Modul und je Wertschöpfungsstufe ausweisen.

Zweiter Klassiker: kurzfristige Optimierung ohne Resilienzbetrachtung. Wer die Eigenfertigungstiefe von 45 % auf 25 % senkt, um 4 % Stückkosten zu sparen, riskiert im nächsten Halbleiter- oder Energieengpass dreistellige Margenverluste. Die VDA-Empfehlungen 2024-2025 fordern explizit eine Resilienzkennzahl als Gegengewicht: Anzahl Single-Source-Komponenten, mittlere Wiederbeschaffungszeit, Pufferbestand-Reichweite.

Dritter Fehler: Should-Cost-Vergleich ohne Vollkostenbetrachtung. Externe Stückkosten von 290 EUR sehen besser aus als interne 480 EUR — bis man Logistik, Qualifizierung, Prüfkosten, Rückabwicklung von Reklamationen und Werkzeuginvestitionen mitrechnet. Ein vollständiges Total-Cost-Modell zeigt die echte Vorteilhaftigkeit, oft mit nur 10-20 % Differenz statt der vermeintlichen 40 %.

Vierter Punkt: politische Eigenfertigungstiefe. In manchen DACH-Konzernen wird Eigenfertigungstiefe zur Rechtfertigung interner Werke gehalten, ohne wirtschaftliche Grundlage. Ein neutraler Should-Cost-Vergleich mit zwei externen Benchmarks (Lohnfertiger Polen, Tschechien) deckt diese Fälle auf. Die Verhandlungstaktik gegen interne Werkleiter folgt dem Open-Book-Prinzip: alle Kostenblätter offen, Cost-Engineering moderiert die Diskussion.

Verhandlungsseitig gegenüber Lieferanten ist die Eigenfertigungstiefe ein zentraler Prüfpunkt im Lieferantenaudit. Ein Lieferant mit hoher Eigenfertigungstiefe verlangt einen Preisaufschlag von 4-9 % gegenüber einem Pure-Play-Montagebetrieb — aber liefert im Hochlauf zuverlässiger und ist bei Änderungen flexibler. Im Q-Vertrag und in der Lieferantenscorecard sollte die Eigenfertigungstiefe als Audit-Punkt verankert sein.

Verwandte Begriffe

  • [[make-or-buy-analyse]] — Entscheidungsrahmen, bei dem die Eigenfertigungstiefe das zentrale Ergebnis ist
  • [[wertschoepfungskette]] — übergeordnetes Konzept, in das die Eigenfertigungstiefe einzelner Stufen einsortiert wird
  • [[insourcing]] — gezielte Erhöhung der Eigenfertigungstiefe durch Re-Internalisierung
  • [[outsourcing]] — gezielte Senkung der Eigenfertigungstiefe durch externe Vergabe
  • [[lohnfertigung]] — typische Form der Auslagerung, die die Eigenfertigungstiefe reduziert

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