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Procari Lexikon Factoring
Einkaufslexikon

Factoring

Factoring

Factoring ist der Verkauf offener Forderungen an einen Finanzdienstleister (Factor), der dem Verkäufer sofortige Liquidität verschafft — anstatt auf den Zahlungseingang des Kunden zu warten. Für Einkäufer ist Factoring auf zwei Wegen relevant: als Instrument, das Lieferanten nutzen, um Zahlungsziele zu überbrücken, und als Hebel in Verhandlungen über Zahlungskonditionen und [[skonto]]-Sätze.

Detaillierte Erklärung

Rechtliche Einordnung

In Deutschland gilt Factoring als Finanzdienstleistung im Sinne von § 1 Abs. 1a Satz 2 Nr. 9 KWG (Kreditwesengesetz). Factoring-Gesellschaften benötigen eine BaFin-Erlaubnis. Der Forderungskauf selbst ist zivilrechtlich ein Abtretungsvertrag (§§ 398 ff. BGB). Steuerlich: Bei echtem Factoring (mit Ausfallrisiko-Übernahme durch den Factor) ist die Factoring-Gebühr als Betriebsausgabe abzugsfähig. Die umsatzsteuerliche Behandlung richtet sich nach § 13b UStG, wenn ausländische Factors beteiligt sind.

Arten des Factoring

Echtes Factoring (ohne Regress)
Der Factor übernimmt das Ausfallrisiko vollständig. Fällt der Abnehmer aus, trägt der Factor den Verlust. Der Verkäufer erhält sofort 80–90 % des Forderungsbetrags; den Rest (abzüglich Gebühren) nach Abschluss des Falles. Vorteil für den Lieferanten: Bilanzverkürzung, da Forderungen abgehen. Nachteil: höhere Factoring-Gebühr wegen übernommenem Kreditrisiko.

Unechtes Factoring (mit Regress)
Das Ausfallrisiko verbleibt beim Verkäufer. Der Factor übernimmt nur die Vorfinanzierung und das Inkasso. Bei Ausfall des Abnehmers fordert der Factor die Vorauszahlung zurück. Günstigere Konditionen, aber kein bilanzieller Risikotransfer.

Stilles Factoring
Der Abnehmer (= der Einkäufer) weiß nicht, dass sein Lieferant Forderungen abgetreten hat. Zahlung erfolgt weiter auf das Lieferantenkonto, das intern an den Factor weitergeleitet wird. Häufig bei Lieferanten, die gegenüber Kunden keine Abtretung offenbaren wollen.

Offenes Factoring
Die Forderungsabtretung wird dem Abnehmer angezeigt. Zahlung direkt an den Factor. Für Einkäufer mit zentralem Zahllauf relevant: ändert sich die Bankverbindung, muss die Kreditorenbuchhaltung aktualisiert werden.

Reverse Factoring ([[reverse-factoring]])
Hier initiiert der Abnehmer (= Einkäufer) das Verfahren. Der Factor zahlt den Lieferanten frühzeitig, der Einkäufer begleicht die Schuld zum vereinbarten — oft verlängerten — [[zahlungsziel]]. Instrument zur Working-Capital-Optimierung beim Einkäufer.

Kosten und Kalkulation

Factoring-Kosten setzen sich zusammen aus:

  • Factoring-Gebühr: 0,5–2,5 % des Forderungsbetrags (abhängig von Bonität, Branche, Volumen)
  • Zinsen auf Vorfinanzierung: EURIBOR + Marge (Stand 2025: typisch 4–6 % p.a.)
  • Servicegebühren: Inkasso, Bonitätsprüfung, Verwaltung

Ein Lieferant mit 30-Tage-Zahlungsziel und 1,2 % Factoring-Gebühr entspricht effektiv einem Jahreszins von ca. 14,6 % — teurer als ein Kontokorrentkredit, aber ohne Kreditlinie belastet und sofort verfügbar.

Wirkung auf Einkaufsverhandlungen

Wenn ein Lieferant Factoring nutzt, ist seine Liquiditätssituation stabiler — er ist weniger auf sofortige Zahlung angewiesen. Das verschlechtert die Verhandlungsposition des Einkäufers für Skonto-Angebote (der Lieferant braucht keine Skonto-Frühzahlung mehr). Gleichzeitig kann ein Einkäufer bei einem Lieferanten mit bekanntem Factoring-Einsatz ein [[reverse-factoring]]-Angebot machen, das für beide Seiten vorteilhaft ist: günstigerer Zinssatz als beim externen Factor für den Lieferanten, verlängertes Zahlungsziel für den Einkäufer.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein mittelständischer Verpackungshersteller in Hessen bezieht Kartonage von einem Lieferanten auf 45-Tage-Zahlungsziel. Der Lieferant nutzt stilles echtes Factoring: Er verkauft Forderungen sofort nach Rechnungsstellung an einen Factor und erhält 85 % des Rechnungsbetrags. Die Factoring-Gebühr beträgt 1,5 % des Bruttowerts.

Der Einkäufer verhandelt im Jahresgespräch 3 % [[skonto]] bei 10-Tage-Zahlung. Der Lieferant lehnt ab — aus seiner Sicht ist er durch das Factoring bereits liquiditätsneutral. Der Einkäufer wechselt die Taktik und bietet stattdessen an, die Forderung direkt über ein bankseitiges Reverse-Factoring-Programm zu finanzieren. Der Lieferant spart 0,4 % Factoring-Gebühr; der Einkäufer verlängert das Zahlungsziel auf 90 Tage. Das entspricht für den Einkäufer bei 2 Mio. EUR Jahresvolumen einem zusätzlichen [[working-capital]]-Effekt von ca. 330.000 EUR.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Abtretungsverbote nicht geprüft: Viele AGB enthalten Klauseln, die die Abtretung von Forderungen ohne Zustimmung verbieten. Seit der Schuldrechtsreform (§ 354a HGB) sind Abtretungsverbote zwischen Kaufleuten im Handelsverkehr weitgehend unwirksam — für den Einkauf bedeutet das: Ein Lieferant kann auch gegen AGB-Klausel abtreten; der Einkäufer kann trotzdem befreiend an den Factor zahlen.

Stilles Factoring übersehen: Wenn ein Lieferant plötzlich eine neue Bankverbindung mitteilt oder eine unbekannte Gesellschaft Zahlung einfordert, kann das auf stilles oder offenes Factoring hindeuten. Kreditorenabteilungen sollten Bankverbindungsänderungen grundsätzlich verifizieren — Betrugsrisiko (CEO-Fraud, Fake-Factor) ist real.

Factoring = Liquiditätsproblem gleichgesetzt: Factoring ist ein normales Working-Capital-Instrument, kein Krisensignal. Viele gesunde Lieferanten nutzen es aus Wachstumsgründen. Einkäufer, die Factoring pauschal als Negativmerkmal werten, riskieren ungerechtfertigte Lieferantenbewertungen.

Verhandlungskontext: Die Kenntnis, ob ein Lieferant Factoring nutzt, ist ein Informationsvorteil. Wer weiß, dass der Lieferant durch Factoring keine kurzfristige Liquiditätsnot hat, kann Skonto-Forderungen als leeren Verhandlungsanker identifizieren — und stattdessen auf Volumen, Lieferbedingungen oder technische Leistungsmerkmale umschwenken.

Verwandte Begriffe

  • [[reverse-factoring]] — Abnehmer-initiiertes Finanzierungsmodell, Gegenmodell zum klassischen Factoring
  • [[supply-chain-finance]] — Oberbegriff für alle Finanzierungsinstrumente entlang der Lieferkette
  • [[zahlungsziel]] — Verhandlungsgröße, die durch Factoring und Reverse Factoring direkt beeinflusst wird
  • [[skonto]] — Frühzahlungsrabatt, der durch Factoring seine Attraktivität verlieren kann
  • [[working-capital]] — Kennzahl, die Factoring direkt verbessert (Debitorenbestand sinkt)

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