Fertigungsfreigabe
Fertigungsfreigabe
Die Fertigungsfreigabe ist die formale Genehmigung, mit der Serienfertigung eines Bauteils zu beginnen — und damit der vorletzte Kontrollpunkt vor dem Start of Production. Im Einkauf trennt sie das Anlaufrisiko sauber von der Serienverantwortung; wer Fertigungs- und Serienfreigabe in einen Akt verschmelzen lässt, verliert das wichtigste Steuerungsinstrument der Anlaufphase und kann bei Werkzeugbruch oder Materialwechsel nicht mehr nachverhandeln.
Detaillierte Erklärung
Die Fertigungsfreigabe, im englischen Sprachraum als Production Release bezeichnet, ist die formale Genehmigung eines Auftraggebers gegenüber dem Lieferanten, mit der Serienproduktion eines Bauteils zu beginnen. Sie folgt dem Erstmusterprüfbericht und geht der Serienfreigabe in der Regel voraus oder fällt bei einfachen Bauteilen mit ihr zusammen. In der Automobilindustrie regelt die IATF 16949:2016 in Klausel 8.4.1.2 die Auswahl von Lieferanten und in Klausel 8.4.2.3.1 die Anforderungen an softwarebasierte Produkte, wobei der Auftraggeber explizit die Pflicht hat, Fertigungsprozesse vor Serienstart freizugeben. Im DACH-Raum konkretisiert die VDA-Schrift VDA 2 (Sicherung der Qualität von Lieferungen, Ausgabe 6, 2020) den Produktionsprozess- und Produktfreigabeprozess (PPF) mit den Vorlagestufen 0 bis 3, wobei Stufe 3 die volle Dokumentation mit Erstmuster, Prüfberichten, FMEA, Kontrollplan und Prozessfähigkeitsnachweis vorsieht. Im nordamerikanischen Pendant fordert das AIAG-Regelwerk PPAP (Production Part Approval Process, 4. Ausgabe 2006) bis zu 18 Einzeldokumente, darunter Design Records, Engineering Change Documents, Process Flow Diagrams und Initial Process Studies. Die Fertigungsfreigabe ist juristisch ein konstitutives Element der Werkvertragsabnahme nach 640 BGB und löst gewährleistungsrechtliche Fristen aus.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Tier-1-Zulieferer in Sachsen vergibt eine Aluminium-Druckgussbaugruppe für ein Elektromotorengehäuse mit einer Jahresmenge von 84.000 Stück und einem Auftragsvolumen von 6,3 Millionen Euro über 4 Jahre an einen tschechischen Gießer. Der Einkäufer setzt nach VDA 2 die Vorlagestufe 3 als Bedingung der Fertigungsfreigabe und definiert 11 Freigabekriterien: vollständiger Erstmusterprüfbericht, Prozessfähigkeitsnachweis Cpk größer 1,67 für 6 kritische Maße, vollständiger Kontrollplan, Materialzeugnis 3.1, Schmelzprotokolle, Werkzeugfreigabe, Logistikkonzept inklusive Verpackungsmuster, Notfallplan bei Werkzeugbruch, Vorkommenskonzept für Reklamationen, Mitarbeiterqualifikationsnachweis und Auditbericht des Lieferanten nach VDA 6.3. Die Fertigungsfreigabe erfolgt nach 14 Wochen Anlauf und 3 Iterationen am Erstmuster. Im Anlauf werden 1.200 Stück produziert, geprüft und freigegeben, bevor die Serienfreigabe ausgesprochen wird. Die Anlaufkosten von rund 240.000 Euro werden über die ersten 18 Monate auf den Stückpreis verteilt.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster typischer Fehler ist die unklare Trennung zwischen Fertigungsfreigabe und Serienfreigabe: Wer beide Schritte zu einer einzigen Freigabe verschmilzt, verliert den Kontrollpunkt für den Anlauf und überträgt das Anlaufrisiko ungewollt auf den Auftraggeber. Zweiter Fehler ist die fehlende Definition messbarer Freigabekriterien. Eine Formulierung wie qualitätsgerechte Fertigung ist nicht justiziabel, während ein Cpk-Wert größer 1,33 für definierte Hauptmaße nach DIN ISO 22514 vor Gericht überprüfbar bleibt. Drittens unterschätzen Einkäufer die Verzögerungswirkung verspäteter Fertigungsfreigaben: Bei einem Tagessatz Stillstand von 12.000 bis 28.000 Euro in der Linienfertigung summieren sich 5 Tage Freigabeverzug schnell auf 60.000 bis 140.000 Euro Schaden. Verhandlungstaktisch lohnt sich die Verankerung eines Eskalationsmechanismus mit definierten Reaktionszeiten von 48 Stunden bei Freigabeproblemen sowie eine pönalisierte Anlaufverpflichtung. Im internationalen Kontext ist zu beachten, dass nordamerikanische OEMs PPAP-Sprache bevorzugen, während VW-Konzerngesellschaften mit der Formel Q-Reihe arbeiten und Daimler eigene MBN-Werknormen vorgibt.
Verwandte Begriffe
Die Fertigungsfreigabe ist Vorstufe der [[serienfreigabe]] und Pflichtbestandteil der [[ppap-production-part-approval-process]] sowie der Anforderungen aus [[iatf-16949]] und [[vda-6-3]]. Operativ verbunden mit [[fmea]], [[cpk-wert]], [[kontrollplan]] und [[spc-statistische-prozesskontrolle]].