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Procari Lexikon Green IT
Einkaufslexikon

Green IT

Green IT

Green IT bezeichnet die ressourcenschonende und energieeffiziente Beschaffung, Nutzung und Entsorgung von Hardware, Software und Rechenzentrumsinfrastruktur über den gesamten Lebenszyklus. Der Begriff wurde Mitte der 2000er Jahre vom US-Energieministerium und der Initiative Climate Savers Computing geprägt und ist heute im deutschen Mittelstand fester Bestandteil der ESG-Strategie. Mehrere Kennzeichen definieren die Beschaffungspraxis: EPEAT (Electronic Product Environmental Assessment Tool, betrieben vom Global Electronics Council) klassifiziert Produkte in 3 Stufen Bronze, Silber und Gold, wobei Gold mindestens 75 Prozent der optionalen Kriterien erfüllen muss.

Detaillierte Erklärung

Energy Star der US-Umweltbehörde EPA kennzeichnet besonders sparsame Geräte, die im Standby nahezu keine Leistung aufnehmen. TCO Certified Generation 9 (gültig seit Dezember 2021) der schwedischen Organisation TCO Development prüft soziale Lieferketten zusätzlich zur Energieeffizienz, der Blaue Engel des Umweltbundesamtes (DE-UZ 78 für Computer, DE-UZ 161 für Rechenzentren) gilt seit 1978 als ältestes Umweltzeichen weltweit. Seit dem 1. Januar 2024 verschärft das deutsche Energieeffizienzgesetz (EnEfG) die Vorgaben für Rechenzentren mit mehr als 500 Kilowatt nicht-redundanter elektrischer Anschlussleistung deutlich.

Diese Rechenzentren müssen Power Usage Effectiveness (PUE) jährlich an das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) melden, mindestens 50 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen (ab 2027 sogar 100 Prozent) sowie verbindliche Energiemanagementsysteme nach ISO 50001 betreiben. Der branchendurchschnittliche PUE-Wert von Bestandsanlagen liegt nach Branchendaten bei 1,9, während hyperskalierte Neubauten Werte unter 1,2 erreichen. Für Beschaffer bedeutet dies, in Cloud- und Colocation-Verträgen klare PUE-Zielwerte und Reporting-Pflichten zu vereinbaren. Im Einkaufsprozess werden Green-IT-Anforderungen typischerweise als KO-Kriterien im Lastenheft verankert (etwa: TCO Certified Generation 9 und Energy Star verpflichtend, EPEAT Gold bevorzugt) und über die Total-Cost-of-Ownership-Rechnung wirtschaftlich abgesichert, da sparsamere Geräte sich über 3 bis 5 Jahre Nutzungsdauer durch geringere Stromkosten amortisieren.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein DACH-Versicherer mit 4.200 Arbeitsplätzen erneuert sein Endgeräte-Portfolio mit einem jährlichen Beschaffungsvolumen von rund 18 Mio. Euro für Notebooks, Monitore und Drucker. Der Einkaufsleiter führt eine Ausschreibung mit drei Hardware-Lieferanten durch und definiert TCO Certified Generation 9 sowie Energy Star als KO-Kriterien, EPEAT Gold als Wertungspunkt mit 15 Prozent Gewicht in der Nutzwertanalyse. Die TCO-Berechnung über 4 Jahre Nutzungsdauer zeigt: Ein EPEAT-Gold-Notebook für 1.480 Euro Anschaffung verbraucht jährlich 28 kWh, ein Standardgerät für 1.290 Euro verbraucht 47 kWh. Bei einem Gewerbestrompreis von 0,32 Euro pro kWh ergibt sich über 4 Jahre eine Mehrausgabe von 190 Euro für die Anschaffung gegen eine Stromersparnis von 24 Euro, was den Mehrpreis nicht vollständig amortisiert. Die Entscheidung fällt dennoch zugunsten EPEAT Gold, weil der Einkauf zusätzlich die CO2-Vermeidung von 11 kg pro Gerät und Jahr (insgesamt 184 Tonnen CO2 über 4.200 Geräte und 4 Jahre) als ESG-KPI in den Konzernabschluss einrechnet. Parallel werden mit dem Colocation-Anbieter PUE-Zielwerte (maximal 1,4 ab 2026) und ein 100-Prozent-Ökostrom-Bezug ab 2027 vertraglich verankert.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der erste Fehler ist die isolierte Betrachtung von Anschaffungspreis ohne Lebenszykluskosten. EPEAT-Gold-Geräte amortisieren sich bei niedrigen Strompreisen oft erst über die ESG-Bilanz, nicht über reine Stromkosten, weshalb der CO2-Schattenpreis im internen Capital-Allocation-Modell verankert sein muss. Der zweite Fehler ist die Verwechslung von Zertifikaten: Energy Star ist eine reine Energieeffizienz-Kennzeichnung, EPEAT bewertet zusätzlich Materialien und End-of-Life, TCO Certified ergänzt soziale Kriterien in der Lieferkette, der Blaue Engel ist behördlich vergeben und besonders streng bei Schadstoffen. Eine pauschale Forderung aller vier Zertifikate ohne Differenzierung erhöht die Beschaffungskosten ohne Mehrwert. Der dritte Fehler ist die fehlende PUE-Klausel in Cloud- und Colocation-Verträgen: Wer einen großen Cloud-Provider ohne PUE-Zielwert beauftragt, kann die Scope-3-Emissionen seiner IT-Workloads nicht zuverlässig in das CSRD-Reporting einrechnen. Im Verhandlungsmandat sollten daher PUE-Reporting-Pflicht, Ökostrom-Quote und Refresh-Zyklus von Standard-Hardware in einem dreijährigen Stufenplan definiert werden.

Verwandte Begriffe

IT-Beschaffung, Hardware-Beschaffung, Total Cost of Ownership, ESG-Vertragsklauseln, ESG-Reporting Lieferanten, Sustainable Logistics, Green Lease, Cloud-Beschaffung, SaaS-Beschaffung

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