Incoterm FOB (Frei an Bord)
Incoterm FOB (Frei an Bord)
Beim Incoterm FOB trägt der Verkäufer Transport, Ausfuhr und Verladung bis an Bord des Schiffes — danach übernimmt der Käufer Risiko und Hauptlaufkosten. Die Klausel ist seit Jahrzehnten Standard im klassischen Seeverkehr für Stückgut und Schüttgut, eignet sich jedoch nicht für Container.
Detaillierte Erklärung
FOB (Free on Board / Frei an Bord) ist eine der See- und Binnenwasser-Klauseln der von der International Chamber of Commerce (ICC) herausgegebenen Incoterms-Regeln, in der aktuellen Fassung Incoterms 2020 mit Geltung seit dem 1. Januar 2020. Der Verkäufer hat die Ware auf seine Kosten an den benannten Verschiffungshafen zu liefern, die Ausfuhr zu verzollen und an Bord des vom Käufer benannten Schiffes zu verbringen. Der Risikoübergang findet statt, sobald die Ware sicher an Bord verbracht ist — historisch wurde dies als "Überschreitung der Schiffsbordkante" formuliert (Incoterms 2000), seit Incoterms 2010 spricht der Klauseltext eindeutig von "an Bord". In der Praxis bedeutet dies: Ware sicher auf Deck oder im Laderaum abgesetzt. Ab diesem Moment trägt der Käufer Hauptlauf-Seefracht, See-Versicherung, Entladekosten im Bestimmungshafen, Einfuhrverzollung und Inland-Zustellung. Anwendbar ist FOB ausschließlich auf See- und Binnenwasserverkehr, sinnvoll vor allem für Schüttgüter (Eisenerz, Kohle, Getreide) sowie nicht-containerisiertes Stückgut, bei dem der Verkäufer direkten Zugriff auf das Schiff hat. Für containerisierte Sendungen empfiehlt die ICC ausdrücklich die Klausel FCA (Free Carrier) statt FOB: Bei FCA endet das Risiko des Verkäufers bereits bei Übergabe an den Frachtführer am Container-Terminal, was die in der Realität intransparente Phase zwischen Terminalanlieferung und tatsächlichem Verladen auf das Schiff sauber löst. Durchführungsregeln finden sich in der ICC-Publikation Nr. 723E "Incoterms 2020"; in Deutschland verweisen die DIHK und die einzelnen IHKs in Mustertexten auf diese Empfehlung.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Stahlhändler in Duisburg kauft 480 Tonnen Brammen aus Brasilien zum FOB-Preis von 612 USD/t, "FOB Vitória Incoterms 2020". Die Lieferung umfasst 8 Containerladungen, der Käufer chartert über einen Spediteur Schiffsraum auf einer Linienreederei, See-Frachtrate 78 USD/t, See-Versicherung 0,4 % auf 320.000 USD Warenwert (1.280 USD). Beim Beladen im Hafen Vitória rutscht eine Bramme aus dem Geschirr und beschädigt die nebenstehende Ladung — Schaden 9.400 USD. Da der Risikoübergang erst bei "an Bord" eintritt, haftet noch der Verkäufer. Wäre stattdessen FCA Container-Terminal Vitória vereinbart worden, hätte das Risiko bereits beim Stellplatz im Terminal beim Käufer gelegen. Die zollrechtliche Ausfuhranmeldung in Brasilien (rund 0,5 % auf den FOB-Wert) trägt der Verkäufer; der Käufer übernimmt die Einfuhrverzollung in Rotterdam mit 0 % Drittlandszoll auf Brammen unter HS 7207 und 19 % deutsche Einfuhrumsatzsteuer.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Drei Fehler treten regelmäßig auf. Erstens: FOB für Containerverkehr — die ICC weist seit 2010 explizit auf FCA hin, dennoch findet sich FOB in vielen Bestellschreiben aus Asien-Geschäften, was bei Hafenstaus zu Lastenverschiebungen führt. Zweitens: FOB ohne genauen Verschiffungshafen — "FOB China" ist unwirksam, korrekt ist "FOB Shanghai Yangshan Terminal Incoterms 2020". Drittens: FOB-Preis-Vergleiche ohne Hauptlauf-Kalkulation verzerren Total-Cost-Vergleiche, weil die See-Frachtraten 2021–2024 zwischen 1.200 und 14.000 USD je 40-ft-Container schwankten. In der Verhandlung lohnt es, FOB gegen CIF, CFR und FCA durchzurechnen — gerade bei volatilen Frachtmärkten kann die Wahl der Klausel einen Margen-Effekt von 4–8 % bedeuten.
Verwandte Begriffe
FOB gehört zur Klauselfamilie der [[incoterms]] und steht im direkten Gegensatz zum [[incoterm-exw]] mit minimaler Verkäuferpflicht. Bei der Bewertung der Gesamtbeschaffungskosten fließt die Incoterm-Wahl in das [[total-cost-of-ownership]] und in [[benchmarking]]-Analysen ein. Im internationalen Vertrag wird die Klausel typischerweise mit [[ursprungszeugnis]] und Zahlungsabsicherungen kombiniert.