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Procari Lexikon Indirektes Material
Einkaufslexikon

Indirektes Material

Indirektes Material

Indirektes Material umfasst alle Beschaffungsobjekte, die nicht physisch in ein Endprodukt eingehen und daher nicht in der Stückliste erscheinen. In DACH-Fertigungsbetrieben sind das typischerweise Betriebsmittel, Bürobedarf, IT-Hardware, Wartungsleistungen und [[hilfs-und-betriebsstoffe]] — kategorisch unverzichtbar, aber oft unterschätzt im Einkaufsmanagement.

Detaillierte Erklärung

Der Begriff "Indirektes Material" ist eine funktionale, keine gesetzliche Kategorie. Er beschreibt die Gesamtheit aller Einsatzstoffe, Verbrauchsgüter und Dienstleistungen, die den Betrieb aufrechterhalten, ohne Teil des verkauften Produkts zu werden. Abgrenzungskriterium ist die Stückliste (Bill of Materials, BOM): Was nicht in der BOM erscheint, ist indirektes Material.

Handelsrechtliche Einordnung: Indirektes Material taucht in der Bilanz nach HGB § 247 vorwiegend als Aufwand der Periode auf (Materialaufwand: Aufwendungen für Hilfs- und Betriebsstoffe, HGB § 275 Abs. 2 Nr. 5b). Soweit es lagerhaltig ist (z. B. Schmierstoffvorrat, Reinigungsmittelbestand), ist eine Aktivierung als Vorratsvermögen nach HGB § 266 Abs. 2 B.I möglich, in der Praxis aber bei geringen Werten über wesentlichkeitsorientierte Vereinfachungen oft direkt als Aufwand gebucht (GoBD-konform, sofern dokumentiert).

SAP MM: Indirektes Material wird in SAP typischerweise ohne Bezug zum MRP-Lauf beschafft. Gebräuchliche Wege sind:

  • Rahmenverträge (Kontrakt/Lieferplan) mit manuellen Abrufaufträgen
  • Bestellanforderungen (BANF) direkt durch den Bedarfsträger (dezentrale Beschaffung)
  • Katalogbestellungen über SAP SRM / Ariba / andere P2P-Systeme (Punchout-Kataloge)
  • Kreditkarten-basierte Beschaffung für Kleinstbeträge ([[c-teile-management]])

Die Kontierung erfolgt auf Kostenstelle oder Innenauftrag statt auf Fertigungsauftrag — ein wesentlicher Unterschied zur direkten Beschaffung, der die Kostenstellenzuordnung und damit das Controlling beeinflusst.

eCl@ss/UNSPSC-Klassifikation: Indirektes Material findet sich im eCl@ss-Standard (Version 12.0) in breiten Segmenten: 36 (Elektrotechnik/Automatisierung), 37 (Beleuchtung), 44 (Bürotechnik), sowie bei MRO-Artikeln in 27 (Instandhaltung/Reinigung) und 31 (Handwerkzeug). Eine saubere Klassifikation ist Grundlage jeder [[spend-analyse]] — ohne sie ist der Anteil indirekter Ausgaben am Gesamtspend kaum ermittelbar.

Typische Kategorien im DACH-Fertigungsbetrieb:

  • MRO (Maintenance, Repair, Operations): Ersatzteile, Schmier- und Reinigungsmittel, Werkzeuge
  • IT und Telekommunikation: Hardware, Software-Lizenzen, Cloud-Services
  • Facility Management: Gebäudeinstandhaltung, Reinigung, Sicherheitsdienste
  • Reise und Fuhrpark: Geschäftsreisen, Dienstfahrzeuge
  • Marketing und Werbung: Druckerzeugnisse, Messeausstattung, Digitalagenturleistungen
  • Bürobedarf und Verbrauchsmaterial: Papier, Toner, Büromöbel
  • Beratungs- und Fremdleistungen: Zeitarbeit, externe Berater, Prüfingenieure

Spend-Anteil: In DACH-Industrieunternehmen entfallen typischerweise 20–35 % des Gesamtspends auf indirektes Material, verteilt auf eine deutlich größere Lieferantenbasis als das direkte Material. Die Kombination aus hoher Lieferantenanzahl, geringen Einzelbestellwerten und dezentralen Bestellprozessen führt zu [[tail-spend]]-Problematik und erhöhtem Maverick-Buying-Risiko.

Organisatorische Verantwortung: Indirektes Material liegt in vielen Unternehmen außerhalb der Kernkompetenz des strategischen Einkaufs. Fachabteilungen bestellen am Einkauf vorbei (Maverick Buying), Preisvergleiche unterbleiben, Rahmenvertragskonditionen werden nicht genutzt. Eine konsequente Zentralisierung und Katalogisierung ist der wichtigste Effizienzansatz.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Maschinenbauunternehmen in Sachsen (ca. 200 Mitarbeiter) analysiert seinen Gesamtspend erstmals strukturiert und stellt fest: Von 8,2 Mio. EUR Einkaufsvolumen entfallen 2,1 Mio. EUR (26 %) auf indirektes Material — verteilt auf 312 aktive Lieferanten. Davon haben 270 Lieferanten ein Jahresvolumen unter 5.000 EUR. Drei Maßnahmen führen zu messbaren Einsparungen innerhalb von 12 Monaten:

  1. Konsolidierung MRO auf einen C-Teile-Systemlieferanten (Würth oder Hoffmann Group als typische DACH-Anbieter) mit Konsignationslager und VMI — senkt Bestellaufwand und Lagerkapital.
  2. Einführung eines P2P-Katalogsystems für Bürobedarf und IT-Zubehör — reduziert Maverick-Buying-Quote von geschätzten 40 % auf unter 10 %.
  3. Konsolidierung der Reisekostenabrechnungen über ein Travel-Management-System — ermöglicht erstmals valide Auswertung der Reisekosten nach Kostenstelle.

Ergebnis: 312 Lieferanten werden auf 180 reduziert, Zahlungsziele standardisiert, Vorsteuerabzug (UStG § 15) vollständig gesichert durch lückenlose Rechnungsarchivierung nach GoBD.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Kein Spend-Überblick: Ohne strukturierte [[spend-analyse]] bleibt indirektes Material eine Blackbox. Abteilungsleiter bestellen eigenständig, Lieferantenbasis wächst unkontrolliert, Konditionen werden nicht nachverhandelt. Der erste Schritt ist immer: alle Rechnungsdaten aus dem ERP exportieren, nach Lieferant und eCl@ss-Klasse aggregieren.

Fehler 2 — Maverick Buying bei IT und Beratung: Softwarelizenzen und externe Berater werden häufig direkt durch Fachabteilungen beauftragt, ohne Einkaufsbeteiligung. Das führt zu Doppelverträgen, ungenutzten Lizenzen und fehlenden Skaleneffekten. Eine klare Beschaffungsrichtlinie mit Wertgrenzen (z. B. Einkaufsbeteiligung ab 500 EUR Auftragswert) schafft Abhilfe.

Fehler 3 — Falsche Prioritätensetzung: Indirektes Material wird als "nicht strategisch" eingestuft und mit minimalem Aufwand bearbeitet. Tatsächlich summieren sich ungenutzte Einsparpotenziale — typisch 10–20 % durch Lieferantenkonsolidierung und Rahmenvertragsverhandlungen — in Unternehmen dieser Größe auf sechsstellige EUR-Beträge jährlich.

Verhandlungskontext: Verhandlungsführung bei indirektem Material unterscheidet sich fundamental von direktem Einkauf. Da keine Stücklisten-Anbindung existiert, fehlen harte Mengenprognosen. Der Hebel liegt in der Bündelung (Volumenaggregation über Kategorien und Standorte), Standardisierung (weniger Varianten = höhere Losgrößen) und Prozessoptimierung (elektronische Kataloge reduzieren Transaktionskosten). Qualitative Faktoren — Liefertreue, Katalogqualität, technischer Support — sind oft wichtiger als der reine Preis.

Verwandte Begriffe

  • [[direktes-material]] — Gegenbegriff: stücklisten-relevante Einsatzstoffe
  • [[hilfs-und-betriebsstoffe]] — wichtigste Untergruppe des indirekten Materials
  • [[nicht-produktionsmaterial]] — synonymer Begriff, stärker in UNSPSC-Klassifikation verwendet
  • [[c-teile-management]] — spezialisierter Ansatz für Kleinstteile im indirekten Bereich
  • [[tail-spend]] — Phänomen der vielen kleinen Lieferanten im indirekten Spend
  • [[spend-analyse]] — Methode zur Strukturierung des indirekten Einkaufs
  • [[indirekter-einkauf]] — organisatorische Einheit für indirektes Material

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