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Procari Lexikon Kostenanalyse
Einkaufslexikon

Kostenanalyse

Kostenanalyse

Die Kostenanalyse im Einkauf ist die systematische Zerlegung und Bewertung aller Kostentreiber entlang der Beschaffungskette — von Rohstoffen über Fertigungsprozesse bis zu Gemeinkosten — mit dem Ziel, Einsparpotenziale zu identifizieren, Angebotspreise sachlich zu bewerten und Verhandlungen auf einer belastbaren Datenbasis zu führen.

Detaillierte Erklärung

Die Kostenanalyse ist das methodische Fundament für [[cost-breakdown]], [[should-cost-analyse]] und [[target-costing]]. Während diese drei Instrumente spezifische Anwendungsformen sind, stellt die Kostenanalyse den übergeordneten Prozess dar: Wer Kosten systematisch analysiert, kann Angebote bewerten, Lieferanten entwickeln und Einsparmaßnahmen priorisieren.

Methoden der Kostenanalyse

Das VDMA-Kostenanalyse-Leitfaden Maschinenbau (aktuelle Ausgabe) unterscheidet vier etablierte Verfahren:

Vergleichsverfahren — Angebotspreise werden mit historischen Preisen, Marktdaten oder Benchmark-Werten verglichen. Einfach durchzuführen, aber oberflächlich: Es zeigt das "Was", nicht das "Warum" einer Preisabweichung. Geeignet für A-Teile mit ausreichend Marktdaten.

Äquivalenzziffernverfahren — Teile werden über eine Bezugsgröße (z. B. Gewicht, Bearbeitungszeit, Fläche) normiert und miteinander verglichen. Ein Einkäufer, der Drehdurchmesser-Normierung anwendet, kann den Preis je Bearbeitungsminute über verschiedene Lieferanten vergleichen, auch wenn die Teile geometrisch unterschiedlich sind.

Zuschlagsverfahren / Vollkostenrechnung — Direktkosten werden um Gemeinkostenzuschläge ergänzt. Klassisches Modell in SAP (CO-PC: Produktkalkulation): Materialkosten + Fertigungslohn + FGK-Zuschlag + VwGK-Zuschlag + Gewinnaufschlag = Herstellungskosten. Der Einkäufer kann dieses Modell spiegeln, wenn er die Zuschlagsätze des Lieferanten kennt oder schätzt.

Prozesskostenrechnung (PKR) — Statt pauschaler Gemeinkosten­zuschläge werden Kostentreiber auf Aktivitätsebene gemessen. Wie viele Minuten benötigt eine Oberflächen­behandlung? Welche Maschinenrüstzeiten entstehen bei Losgröße 50 vs. Losgröße 200? Die PKR ist aufwändiger, liefert aber weit präzisere Ergebnisse für komplexe Fertigungsteile. Sie ist der methodische Kern moderner [[should-cost-analyse]]-Modelle.

Bottleneck-Analyse

Eine Sonderform der Kostenanalyse ist die Bottleneck-Analyse (Engpassanalyse): Welcher Prozessschritt beim Lieferanten dominiert die Kosten unverhältnismäßig? Häufige Bottlenecks in der DACH-Industrie:

  • Thermische Behandlungen (Härten, Anlassen) mit langen Durchlaufzeiten
  • Oberflächenbeschichtungen mit hohem Ausschussrisiko
  • Montageoperationen mit hohem Handarbeitsanteil

Die Bottleneck-Analyse richtet Verhandlungen und Kostensenkungsmaßnahmen auf den Hebel mit dem höchsten Wirkungsgrad.

ABC-Kostenstruktur

Kombiniert mit der [[spend-analyse]] ergibt sich eine ABC-Bewertung: A-Kostenblöcke (>70 % der Gesamtkosten) werden intensiv analysiert, B-Blöcke stichprobenartig geprüft, C-Blöcke pauschal bewertet. Dieser Fokus verhindert, dass Analyseaufwand auf unwichtige Positionen entfällt.

SAP-Reports für Kostenanalyse

In SAP-Umgebungen liefern zwei Module die relevantesten Datenquellen:

  • CO-PA (Profitabilitätsanalyse): zeigt Deckungsbeiträge je Produkt­gruppe oder Lieferant und macht Margenverschiebungen im Zeitverlauf sichtbar
  • CO-PC (Produktkalkulation): kalkuliert Herstellungskosten je Material auf Basis von Arbeitsplänen und Stücklisten; Vergleich Plankalkulation vs. Istkalkulation zeigt Kostenabweichungen

Einkäufer, die Zugang zu diesen Reports haben, können Angebotspreise gegen interne Herstellkostenmodelle spiegeln — ein erheblicher Informationsvorteil in Verhandlungen.

Interviewtechnik beim Lieferanten

Kostenanalyse endet nicht am Schreibtisch. Lieferantenbesuche mit strukturierter Interviewtechnik liefern Einblicke, die keine Kalkulation offenbart: Wie hoch ist der Ausschuss bei kritischen Prozessschritten? Welche Kapazitätsauslastung herrscht aktuell? Wie werden Rüstzeiten intern berechnet? Diese Informationen fließen direkt in [[should-cost-analyse]] und [[cost-breakdown]]-Bewertungen ein.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Einkäufer bei einem Antriebstechnik-Hersteller aus Nordrhein-Westfalen (950 Mitarbeiter) soll die Beschaffungskosten für eine Flanschbaugruppe um 12 % senken. Aktueller Jahrespreis: EUR 87,40/Stück, Volumen: 18.000 Stück/Jahr, Jahresspend: EUR 1,57 Mio.

Schritt 1 — Vergleichsverfahren: Drei Wettbewerbsangebote zeigen eine Bandbreite von EUR 79,00 bis EUR 92,00. Das aktuelle Angebot liegt im oberen Drittel. Alarmsignal: Klärungsbedarf.

Schritt 2 — Zuschlagsverfahren (CO-PC-Spiegel): Der Einkäufer zieht die interne SAP-CO-PC-Kalkulation für eine ähnliche Baugruppe aus der Eigenfertigung. Maschinenstundensatz Drehen: EUR 58,00/h, Fräsen: EUR 62,00/h. Der Lieferant benötigt laut Fertigungsplan ca. 32 Minuten Drehen + 18 Minuten Fräsen = Fertigungskosten ca. EUR 49,40. Materialbasis (Stahl C45, aktuelle Preisliste): EUR 14,20. Gemeinkostenzuschlag 35 %: EUR 14,08. Gewinn 7 %: EUR 5,44. Modell-Sollwert: ca. EUR 83,12.

Schritt 3 — Lieferantenbesuch (Bottleneck-Analyse): Vor Ort stellt der Einkäufer fest, dass der Lieferant eine manuelle Entgratungsoperation mit durchschnittlich 8 Minuten/Stück durchführt — in der internen Kalkulation nicht erfasst. Dieser Schritt kostet EUR 7,20/Stück. Mit Automatisierung ließe sich dieser Wert auf EUR 1,80 senken.

Schritt 4 — Verhandlung: Der Einkäufer präsentiert seine Analyse. Gemeinsam wird eine Investition in eine automatische Entgratungsanlage vereinbart (Kostenteilung 50:50, Amortisation 14 Monate). Neuer Preis nach Maßnahme: EUR 78,50 — Einsparung EUR 8,90/Stück, d. h. EUR 160.200/Jahr.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Kostenanalyse nur bei neuen Vergaben starten. Bestehende Lieferantenpreise werden selten systematisch analysiert. Dabei liegen gerade dort die größten Einsparreserven: Kosten­strukturen veralten, Prozesse verbessern sich, Marktpreise sinken — der Einkauf weiß es nicht.

Fehler 2 — Gemeinkostenzuschläge als Blackbox akzeptieren. Pauschalzuschläge von 40–60 % auf Direktkosten sind in der Praxis weit verbreitet. Hinterfragen Sie, welche Aktivitäten dahinterstecken. Ein Zuschlag von 55 % bei einem Lieferanten mit moderner Fertigung und hoher Auslastung ist überhöht.

Fehler 3 — SAP-Daten nicht nutzen. Viele Einkäufer haben Zugang zu CO-PA und CO-PC, nutzen diese Reports aber nicht systematisch für externe Preisbewertungen. Die interne Kalkulation ist der beste verfügbare Benchmark.

Fehler 4 — Interviewdaten nicht dokumentieren. Erkenntnisse aus Lieferantenbesuchen werden selten strukturiert festgehalten und gehen verloren. Ein einfaches Interview-Protokoll mit Kostentreiberfragen reicht aus.

Die Kostenanalyse ist der analytische Unterbau für [[preisabweichung-bestellung]] und die Planung von [[kostenreduzierungsprogramm]]-Maßnahmen. Sie schafft die Datenbasis, auf der alle weiteren Einsparstrategien aufbauen.

Verwandte Begriffe

  • [[kostenstrukturanalyse]]
  • [[cost-breakdown]]
  • [[should-cost-analyse]]
  • [[spend-analyse]]
  • [[preisabweichung-bestellung]]

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