Kunststoffgranulat
Kunststoffgranulat
Kunststoffgranulat ist die handelsübliche Lieferform von thermoplastischen Kunststoffen — kleine Pellets aus Polyethylen (PE), Polypropylen (PP), Polystyrol (PS), ABS, PET oder technischen Kunststoffen wie Polyamid (PA) oder Polycarbonat (PC) —, die als Eingangsrohstoff für Spritzguss, Extrusion und Blasformverfahren eingesetzt werden. Für DACH-Einkäufer ist Kunststoffgranulat einer der volumenstärksten Polymereinkaufspositionen mit direkter Ölpreisabhängigkeit.
Detaillierte Erklärung
Kunststoffgranulate entstehen in der Regel aus petrochemischen Crackerprodukten (Ethylen, Propylen, Styrol) oder aus Recyclingströmen. Die Wertschöpfungskette reicht von Ölraffinerie über Crackeranlagen (BASF, LyondellBasell, Sabic, INEOS) zu Compoundeuren, die dem Basispolymer Additive (Stabilisatoren, Flammschutzmittel, Füllstoffe) beimischen, bis zum Verarbeiter. Einkäufer im Mittelstand beziehen Granulate entweder direkt von Polymerherstellern (Kontraktmengen ab ca. 200 t/Jahr sinnvoll) oder über Händler (flexible Mengen, kürzere Vorlaufzeiten).
Polymersorten und ihre Einkaufscharakteristika
Die wichtigsten Polymersorten und ihre Besonderheiten im Einkauf:
- Polyethylen (PE-LD, PE-HD, PE-LLD): Massenpolymer, hohe Liquidität, Preisbindung an Ethylen-Spot (EUR/t). Saisonale Schwankungen durch Sommerstillstand von Crackern.
- Polypropylen (PP): Zweithäufigstes Polymer weltweit, Preisreferenz Propylen-Spot. Starke Korrelation mit Naphtha-Preis.
- Polystyrol (PS/HIPS/EPS): Styrene-gekoppelt; volatiler als PE/PP durch kleineren Markt und Einzel-Monomer-Abhängigkeit.
- ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol): Technischer Kunststoff; Preisbildung aus drei Monomeren, daher komplexer zu prognostizieren.
- Polyamid (PA6, PA66): Hochpreisige Konstruktionskunststoffe, Engpässe in PA66 aufgrund Adipinsäure-Konzentration bei wenigen Produzenten. 2018 führten Explosionen in Adipinsäure-Anlagen zu globalen PA66-Engpässen — ein Lehrstück für Single-Source-Risiko.
- Polycarbonat (PC): BPA-basiert, REACH-Relevanz durch Bisphenol A (SVHC-Liste). Beschaffung erfordert Konformitätsdokumentation für Lebensmittel- und Medizinkontakt.
Preisindizes und Marktstruktur
Kunststoffgranulat hat keinen einheitlichen Börsenpreis. Branchenüblich sind:
- ICIS (Independent Chemical Information Service): Marktführer für europäische Polymerpreise; wöchentliche Spotmarkt- und Kontraktpreise in EUR/t.
- Platts/S&P Global Commodity Insights: Alternativreferenz, vor allem für Petrochemie-upstream.
- VCI (Verband der Chemischen Industrie): Monatliche Preisindizes für Deutschland.
Kontraktpreise werden in der Regel monatlich angepasst, Spotpreise wöchentlich. Einkäufer ohne ICIS-Abonnement verhandeln faktisch ohne Marktinformation — ein struktureller Nachteil.
REACH-Pflichten beim Kunststoffgranulat-Einkauf
Die REACH-Verordnung (EG) 1907/2006 betrifft Kunststoffgranulat-Einkäufer in mehreren Dimensionen:
- SVHC-Kommunikationspflicht: Granulate, die Substances of Very High Concern (SVHC, z. B. bestimmte Flammschutzmittel, Weichmacher) in Konzentrationen über 0,1 Massenprozent enthalten, müssen dem gewerblichen Abnehmer aktiv mitgeteilt werden.
- Konformitätsdokumentation für Artikeleinstufung: Fertigteile aus Kunststoffgranulat gelten unter REACH als Artikel. Für Teile mit SVHC-Gehalt gelten Informationspflichten entlang der Lieferkette.
- Polymerausnahme: Polymere selbst sind von der REACH-Registrierungspflicht ausgenommen — aber enthaltene Monomere und Additive können registrierungspflichtig sein. Lieferanten müssen Sicherheitsdatenblätter (SDB) nach REACH Anhang II für Compounds bereitstellen.
Einkäufer sollten beim Granulat-Kauf grundsätzlich ein aktuelles SDB (Ausstellungsdatum nicht älter als 3 Jahre) und eine SVHC-Deklaration einfordern, insbesondere bei technischen Compounds mit unbekannter Additivierung.
Rezyklat und Sekundärgranulat
Der Einsatz von Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) und Post-Industrial-Rezyklaten (PIR) nimmt durch die EU-Kunststoffstrategie und Verpackungsverordnung (PPWR) zu. Ab 2030 gelten Mindestrezyklat-Quoten für bestimmte Verpackungsanwendungen. Einkäufer sollten unterscheiden:
- PIR (Post-Industrial-Rezyklat): Sauberere Qualität, von Verarbeitern direkt zurückgeführt, oft rezertifizierbar.
- PCR (Post-Consumer-Rezyklat): Qualitätsschwankungen durch gemischte Sammelquellen; Farbe und mechanische Eigenschaften variieren.
Rezyklat-Granulate sind je nach Marktsituation 10–40 % günstiger als Neuware, erfordern aber Qualifizierungsaufwand und dürfen nicht ohne Freigabe des Konstrukteurs eingewechselt werden.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein Spritzgussbetrieb in Thüringen verarbeitet jährlich rund 800 t PP-Copolymer für Automobilinterieur-Teile. Der Einkauf läuft über einen einzigen Händler zu monatlichen Kontraktpreisen ohne Indexanbindung. Im ersten Quartal 2022 steigen die Kontraktpreise des Händlers um 35 %, ohne dass eine plausible Marktbegründung geliefert wird.
Der Einkaufsleiter abonniert erstmals ICIS-Spotpreisdaten für PP-Copolymer und stellt fest, dass der Händlerpreis konsistent 8–12 % über dem ICIS-Marktpreis lag. In der folgenden Vertragsverhandlung wird eine ICIS-Indexklausel (Kontraktpreis = ICIS-Referenzwert + vereinbarte Prämie in EUR/t) durchgesetzt. Gleichzeitig wird ein zweiter Lieferant — ein Direktlieferant des Polymerherstellers — mit einer Mindestquote von 30 % qualifiziert. Die Kosteneinsparung im ersten Jahr beträgt rund 60.000 EUR.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Fehler 1 — Keine Marktpreisreferenz in Verträgen: Fixpreisverträge oder Kontraktpreise ohne ICIS-/VCI-Indexanbindung bei einem börsennah gehandelten Rohstoff sind ein struktureller Nachteil. Der Einkäufer hat keine neutrale Grundlage für Preisverhandlungen.
Fehler 2 — Technische Spezifikation überkomplex: Zu enge Spezifikationen (Farbe, MFI, Dichte) schließen viele Anbieter aus, ohne technischen Mehrwert zu bieten. Eine Spezifikationsanalyse mit der Konstruktionsabteilung kann den qualifizierten Lieferantenpool erhöhen.
Fehler 3 — Rezyklat ohne Qualifizierung einsetzen: Rezyklat auf Wunsch eines Kunden einzusetzen, ohne die Freigabe des Konstrukteurs und eine Qualifikations-Nullserie einzuholen, führt zu Ausschuss und Regressrisiken.
Fehler 4 — SVHC-Dokumentation nicht archiviert: Bei Produkthaftungsansprüchen muss der Einkäufer nachweisen, dass zum Zeitpunkt des Kaufs keine bekannte SVHC-Kontamination vorlag. Fehlende SDB-Archive erhöhen das Haftungsrisiko.
Verhandlungskontext: Polymerhersteller bevorzugen Jahreskontraktabnehmer über Spotbesteller. Wer Volumen bündelt und Abnahmezeiträume verlängert (12–24 Monate), erhält bessere Konditionen. In Überkapazitätsphasen (2023/2024 PE/PP) sind Prämienreduktionen von 20–30 EUR/t gegenüber Listenkontraktpreisen verhandelbar.
Verwandte Begriffe
- [[rohstoff]]
- [[versorgungssicherheit]]
- [[risikodiversifikation]]
- [[second-source]]
- [[lieferantenrisiko]]
- [[engpassrohstoffe]]
- [[industriemetalle]]