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Procari Lexikon Lead-Time-Variance
Einkaufslexikon

Lead-Time-Variance

Lead-Time-Variance

Lead-Time-Variance misst die Streuung der tatsächlichen Wiederbeschaffungszeit gegenüber dem vom Lieferanten zugesagten Lead-Time-Mittelwert. Sie wird üblicherweise als Standardabweichung in Tagen oder als Variationskoeffizient (Standardabweichung dividiert durch Mittelwert) ausgedrückt. Die Kennzahl ist der Schlüsselparameter für Sicherheitsbestandsdimensionierung und Planungsstabilität in der DACH-Beschaffung.

Detaillierte Erklärung

Während der nominale Lead-Time die durchschnittliche Wiederbeschaffungszeit angibt (etwa "21 Werktage ab Bestelleingang"), beschreibt die Lead-Time-Variance, wie verlässlich dieser Wert ist. Ein Lieferant mit 21 Tagen Mittelwert und 1 Tag Standardabweichung ist planungstechnisch hochwertig; ein Lieferant mit 21 Tagen Mittelwert und 6 Tagen Standardabweichung erzwingt einen deutlich höheren Sicherheitsbestand und damit gebundenes Kapital.

Die klassische Sicherheitsbestandsformel nach ASCM lautet: Safety Stock = z-Score × Standardabweichung-Lead-Time × durchschnittlicher Tagesbedarf. Bei einem Servicelevel von 95 Prozent (z = 1,65) und 4 Tagen Lead-Time-Variance bei 50 Stück Tagesbedarf ergeben sich 330 Stück Sicherheitsbestand. Bei 1 Tag Variance reduziert sich der Bedarf auf 83 Stück, also rund ein Viertel des Kapitals. Genau diese Hebelwirkung macht Lead-Time-Variance zu einer der wichtigsten Beschaffungskennzahlen.

Die Datengrundlage stammt aus der Bestellhistorie. Pro Bestellung wird die Differenz zwischen Wareneingangsdatum und Bestelldatum (oder Bestellbestätigungsdatum) berechnet, und über ein gleitendes 90- bis 180-Tage-Fenster werden Mittelwert und Standardabweichung gebildet. Wichtig ist die Bereinigung um Ausreißer: Eine einmalige Verzögerung wegen Hochwasser an der Donau im Sommer 2024 sollte die Variance nicht dauerhaft verzerren. Die VDA empfiehlt eine 3-Sigma-Bereinigung oder den Median Absolute Deviation als alternative Streumaße.

Es gibt zwei methodische Schulen. Die populationsbasierte Variante rechnet alle Bestellungen einer Materialnummer/Lieferant-Kombination, die situationsspezifische Variante differenziert nach Bestellgröße, Saison und Distanz. Im Maschinenbau mit kleinen Losgrößen ist die situationsspezifische Variante meist aussagekräftiger.

In SAP wird Lead-Time-Variance selten standardmäßig ausgewiesen; viele Unternehmen exportieren EKBE und MKPF nach BI-Tools wie Power BI oder spezialisierte Beschaffungsanalytiken (Allocation, Mercanis, Tacto, JAGGAER Analytics). Im IATF-16949-Umfeld ist die Lead-Time-Variance Bestandteil des Capacity-Verifications-Prozesses, der die Lieferantenfähigkeit für Volumenhochläufe prüft.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Tier-2-Automobilzulieferer aus Niederösterreich mit 380 Mitarbeitern und 92 Mio. EUR Umsatz fertigt Kunststoff-Spritzgussteile für Airbag-Module. Beschafft werden Glasfaserverstärktes Polyamid 6.6 von zwei Herstellern: Lieferant A in Deutschland (zugesagter Lead-Time 14 Werktage), Lieferant B in Frankreich (zugesagter Lead-Time 18 Werktage). Der Tagesbedarf liegt bei 2,2 Tonnen, der Materialwert bei 5,40 EUR pro kg, also 11.880 EUR Tagesbedarf.

Die Disponentin wertet im Oktober 2025 die Bestellhistorie 2024-2025 aus (jeweils 86 Bestellungen pro Lieferant). Lieferant A liefert tatsächlich im Mittel in 14,3 Tagen mit einer Standardabweichung von 1,1 Tagen. Lieferant B liefert in 19,8 Tagen mit einer Standardabweichung von 4,2 Tagen, weil ein Hafenstreik in Le Havre im April 2025 und Lkw-Mautstaus auf der A4 die Streuung erhöht haben.

Bei einem Ziel-Servicelevel von 98 Prozent (z = 2,05) errechnet sich der Sicherheitsbestand: für Lieferant A 2,05 × 1,1 × 2,2 t = 4,96 Tonnen (Wert 26.784 EUR), für Lieferant B 2,05 × 4,2 × 2,2 t = 18,94 Tonnen (Wert 102.276 EUR). Trotz 4 Tage längerem Mittelwert kostet Lieferant B fast den vierfachen Sicherheitsbestand allein wegen der Variance.

Die Einkaufsleiterin verhandelt am 11. November 2025 mit Lieferant B über eine Konsignationsbestand-Vereinbarung mit 14 Tagen Bestand vor Ort, die der Lieferant finanziert (Eigentumsübergang erst bei Verbrauch). Die Lead-Time-Variance des effektiven Verbrauchsabrufs sinkt damit auf 0,4 Tage. Der Sicherheitsbestand-Bedarf des Tier-2 sinkt von 102.276 EUR auf 3.870 EUR, was bei 8,2 Prozent Kapitalkostensatz rund 8.067 EUR jährliche Einsparung freisetzt. Im Gegenzug akzeptiert der Tier-2 einen Aufschlag von 0,11 EUR pro kg, was bei 538 Tonnen Jahresvolumen 59.180 EUR Mehrkosten ergibt. Die Vereinbarung wird verworfen, stattdessen wird der Anteil von Lieferant A schrittweise auf 70 Prozent erhöht.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Erster Fehler: Lead-Time-Variance wird mit dem Mittelwert verwechselt. Eine Lieferantenbewertung, die nur den Mittelwert ausweist, verschleiert die Planungskosten der Streuung. Wer Mittelwert und Standardabweichung gemeinsam berichtet, schafft Transparenz für Disposition und strategischen Einkauf gleichermaßen.

Zweiter Fehler: Mischung von zugesagter und tatsächlicher Lead-Time. Manche Lieferanten liefern verlässlich genau zum bestätigten Datum, schieben dieses bei Engpässen aber nach hinten. Der Mittelwert "tatsächlich gegen Auftragsbestätigung" ist dann perfekt, gegen ursprüngliches Wunschdatum aber katastrophal. Saubere Auswertung misst gegen das vom Einkauf gewünschte Bedarfsdatum, nicht gegen die Bestätigung des Lieferanten.

Dritter Fehler: Saisonalität und Volumeneffekte werden nicht herausgerechnet. Im August und Dezember ist die DACH-Logistik traditionell langsamer (Werksferien, Weihnachtsverkehr). Eine ungeglättete 12-Monats-Variance schreibt diese Effekte dem Lieferanten zu. Empfehlung: gleitende 90-Tage-Variance plus saisonale Referenzkurve.

Im Verhandlungskontext ist Lead-Time-Variance eine starke Karte für Lieferantengespräche, weil die Sicherheitsbestand-Kosten quantifiziert werden können. Eine Reduktion der Variance von 4 auf 2 Tagen ist oft 50.000 bis 200.000 EUR Kapitalbindung wert, je nach Materialwert und Tagesbedarf. Diese Zahl macht Investitionen in EDI-Anbindung, VMI-Modelle oder Konsignation belastbar.

Verwandte Begriffe

  • [[lead-time]] — der Mittelwert der Wiederbeschaffungszeit; Variance beschreibt die Streuung um diesen Wert.
  • [[liefertreue]] — Termintreue als prozentuale Quote pünktlicher Lieferungen; korreliert eng mit niedriger Variance.
  • [[perfect-order-rate]] — übergeordnete Logistikkennzahl, deren On-time-Komponente direkt von der Lead-Time-Variance bestimmt wird.
  • [[fill-rate-einkauf]] — Mengenkomplettheit; bei hoher Variance erzwingt sie höhere Sicherheitsbestände.
  • [[kpi-dashboard-einkauf]] — Standardplattform, auf der Lead-Time-Variance neben anderen Beschaffungskennzahlen visualisiert wird.

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