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Procari Lexikon Lieferantenkapazitätsprüfung
Einkaufslexikon

Lieferantenkapazitätsprüfung

Lieferantenkapazitätsprüfung

Die Lieferantenkapazitätsprüfung ist die systematische Überprüfung, ob ein Lieferant die geforderten Stückzahlen oder Leistungsmengen innerhalb eines definierten Zeitraums zuverlässig erbringen kann — eine Pflichtdisziplin vor Vergabe, bei Volumenerhöhungen und als laufende Steuermaßnahme.

Detaillierte Erklärung

Kapazitätsengpässe beim Lieferanten zählen zu den häufigsten Ursachen von Lieferverzögerungen im produzierenden Gewerbe. Die Lieferantenkapazitätsprüfung begegnet diesem Risiko, indem sie nicht nur die aktuelle Auslastung, sondern auch die strukturellen Kapazitätsgrenzen des Lieferanten transparent macht.

Normative Grundlagen: IATF 16949:2016, Abschnitt 8.4.2.2, schreibt für Automotive-Zulieferer eine dokumentierte Kapazitätsbestätigung vor. Der VDA-Leitfaden „Kapazitätsabgleich" beschreibt das strukturierte Vorgehen für die deutsche Zulieferindustrie. Auch außerhalb der Automobilbranche — im Maschinen- und Anlagenbau, der Medizintechnik oder der Elektronikfertigung — wird die Kapazitätsprüfung als Teil des [[kapazitaetsabgleich-lieferant]] zunehmend gefordert.

3-Schicht-Kapazitätsmodell:

  1. Regelkapazität — Produktion im regulären 1- oder 2-Schicht-Betrieb, keine Überstunden. Dies ist die zuverlässig planbare Kapazität.
  2. Zusatzschicht — Produktion mit einer dritten Schicht oder Samstagsarbeit. Kurzfristig abrufbar, aber auf 4-8 Wochen begrenzt, bevor Ermüdung und Qualitätsprobleme einsetzen.
  3. Maximalkapazität — theoretischer 24/7-Betrieb. Nur in Ausnahmesituationen über wenige Tage haltbar; für Planungszwecke ungeeignet.

Ein belastbarer Kapazitätsnachweis des Lieferanten umfasst alle drei Schichten mit Stundenangaben pro Woche und dokumentierten Annahmen (Ausschussrate, Rüstzeiten, Wartungsausfälle).

OEE-Berechnungsformel: Die Gesamtanlageneffektivität (Overall Equipment Effectiveness) ist das Standardmaß für die reale Kapazitätsausnutzung einer Anlage:

OEE = Verfügbarkeit × Leistung × Qualität

  • Verfügbarkeit = (Geplante Laufzeit − Ausfallzeit) / Geplante Laufzeit
  • Leistung = (Tatsächliche Ausbringung × Idealzykluszeit) / Betriebszeit
  • Qualität = Gutteile / Gesamtteile

Ein OEE von 85 % gilt als Weltklasse in der Serienfertigung. Viele mittelständische Lieferanten im DACH-Raum liegen bei 60-75 %. Bei einem OEE von 65 % und einer nominellen Maschinenkapazität von 10.000 Stück/Woche beträgt die reale Kapazität nur 6.500 Stück — ein Faktor, den der Einkauf bei Bedarfsplanung und Volumenanmeldungen einkalkulieren muss.

Kapazitätsprüfungsformular des BME: Das Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) stellt ein standardisiertes Formular zur Kapazitätsabfrage bereit. Es erfasst: Anlagenpark (Stückzahl, Alter, OEE), Schichtmodell, geplante Wartungsfenster, Unterauftragsvergabe an Dritte, aktuelle Gesamtauslastung in Prozent und Vorlaufzeit für Kapazitätserweiterungen.

Prüftiefe nach Lieferantenklasse: Bei [[schluessellieferant]]en empfiehlt sich eine Vor-Ort-Kapazitätsprüfung mit Begehung der Produktionslinien. Bei Standard-Lieferanten reicht eine dokumentenbasierte Selbstauskunft mit Plausibilitätsprüfung durch den Einkäufer.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Automatisierungstechnik-Hersteller aus der Schweiz (320 MA) plant die Einführung einer neuen Produktlinie und schätzt den Zusatzbedarf an Präzisionsdrehteilen auf 8.000 Stück/Monat — 60 % mehr als bisher. Der Stammlieferant ist ein Lohnfertiger aus dem Schwarzwald mit 45 Mitarbeitern.

Selbstauskunft: Der Einkäufer sendet das BME-Kapazitätsprüfungsformular. Der Lieferant gibt an: drei CNC-Drehmaschinen, OEE 71 %, aktuell 78 % ausgelastet, ein 2-Schicht-Betrieb. Die rechnerische Regelkapazität liegt bei ca. 9.200 Stück/Monat für alle Kunden zusammen. Der aktuelle Abruf des Schweizer Unternehmens beträgt 5.000 Stück — eine Aufstockung auf 8.000 würde bedeuten, dass dieser eine Kunde 87 % der Gesamtkapazität belegt.

Risikoanalyse: Ein derart hoher [[supplier-concentration-risk]] ist für den Lieferanten selbst kritisch — er würde in eine Abhängigkeit geraten, die bei einem Kundenwechsel existenzbedrohend wäre. Der Einkäufer erkennt zudem: Die Zusatzkapazität ist nur über Samstagsarbeit darstellbar, nicht dauerhaft.

Lösung: In Abstimmung mit dem [[capacity-planning]]-Team wird entschieden, den Zusatzbedarf von 3.000 Stück/Monat bei einem Zweitlieferanten in Tschechien zu platzieren ([[dual-sourcing]]). Der Stammlieferant erhält eine verbindliche Volumengarantie von 5.000 Stück/Monat für drei Jahre — ausreichend, um eine Investition in eine vierte Maschine zu rechtfertigen. Die Kapazitätsprüfung wird in 12 Monaten wiederholt.

Ergebnis: Das [[kapazitaetsrisiko-lieferant]] ist durch strukturelle Maßnahmen (Dual Sourcing + Investitionsförderung) nachhaltig reduziert. Die geplante Volumenerhöhung ist lieferkettensicher abgebildet.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Fehler 1 — Kapazität nur einmalig vor Vergabe prüfen: Viele Einkaufsabteilungen führen eine Kapazitätsprüfung nur bei der Lieferantenqualifizierung durch. Danach verändert sich die Auslastung des Lieferanten durch andere Kunden erheblich — ohne dass der Einkäufer es merkt. Abhilfe: Jährliche Kapazitätsabfrage als Standard in den [[lieferantenjahresgespraech]]-Prozess integrieren.

Fehler 2 — Nominelle statt reale Kapazität verwenden: Der Lieferant nennt die Maschinenkapazität bei 100 % Verfügbarkeit. Der Einkäufer übernimmt diese Zahl, ohne OEE-Faktoren einzurechnen. In der Praxis führt dies zu Unterlieferungen, weil die reale Kapazität 20-35 % darunter liegt.

Fehler 3 — Unterauftragsvergabe ignorieren: Der Lieferant meldet ausreichend Kapazität — verschweigt aber, dass 40 % der Produktion bei einem Sub-Lieferanten gefertigt werden. Abhilfe: Das BME-Formular fragt explizit nach Unterauftragsvergabe. Diese Information muss ins [[lieferantenaudit]] einbezogen werden.

Verhandlungskontext: Die Kapazitätsprüfung gibt dem Einkäufer wichtige Verhandlungshebel. Wer frühzeitig Kapazitätsbedarfe signalisiert und dem Lieferanten Planungssicherheit bietet — z. B. durch Rahmenverträge mit Abrufmengen — kann im Gegenzug Preiszugeständnisse und Priorität gegenüber anderen Kunden verhandeln. Wer dagegen kurzfristig Mengen erhöht, ohne Kapazitätspuffer geprüft zu haben, zahlt Expressaufschläge oder riskiert Lieferverzug.

Verwandte Begriffe

  • [[kapazitaetsabgleich-lieferant]]
  • [[kapazitaetsrisiko-lieferant]]
  • [[capacity-planning]]
  • [[lieferantenaudit]]
  • [[dual-sourcing]]

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