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Procari Lexikon Ökobilanz (Life Cycle Assessment / LCA)
Einkaufslexikon

Ökobilanz (Life Cycle Assessment / LCA)

Ökobilanz (Life Cycle Assessment / LCA)

Die Ökobilanz ist die Mutter aller Carbon Footprints, und sie geht weit über CO2 hinaus. Wenn ein Großkunde nach Versauerungspotenzial, Eutrophierung oder Wasserverbrauch fragt, reicht die reine PCF-Zahl nicht aus, dann braucht der Einkauf eine vollständige LCA, und die kostet ein Vielfaches.

Detaillierte Erklärung

Die Ökobilanz, im Englischen Life Cycle Assessment, ist die systematische Erfassung und Bewertung der Umweltwirkungen eines Produktes oder Prozesses über seinen gesamten Lebenszyklus. Die methodische Grundlage bilden die internationalen Normen ISO 14040:2006 mit den Grundsätzen und ISO 14044:2006 mit den detaillierten Anforderungen, beide harmonisiert mit dem European Platform on LCA der Europäischen Kommission.

Eine LCA durchläuft vier Phasen. In der ersten Phase, Goal and Scope Definition, werden Zielsetzung, funktionelle Einheit, Systemgrenzen und Allokationsregeln festgelegt. In der zweiten Phase, Life Cycle Inventory, werden alle Stoff- und Energieströme entlang der Wertschöpfungskette erfasst. In der dritten Phase, Life Cycle Impact Assessment, werden diese Inventardaten in Wirkungskategorien umgerechnet, häufig mit Methoden wie CML 2001 vom Centrum voor Milieukunde Leiden oder ReCiPe 2016 vom RIVM, oder mit der Environmental Footprint Methode der EU. In der vierten Phase, Interpretation, werden Sensitivitäten geprüft und Schlussfolgerungen formuliert. Übliche Wirkungskategorien sind Klimawandel, Versauerung, Eutrophierung, Ozonabbau und Ressourcenverbrauch. Die marktführende Software ist GaBi von Sphera und SimaPro von PRé Sustainability, beide mit Anbindung an ecoinvent, eine Datenbank mit über 18.000 Hintergrundprozessen.

Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)

Ein Verpackungsmittelhersteller aus Niedersachsen mit 320 Mitarbeitern erhält von einem Lebensmittelkonzern die Anfrage, eine vergleichende LCA für drei Verpackungsvarianten einer Joghurtschale durchzuführen. Variante A ist Polypropylen mit 4,2 Gramm Gewicht, Variante B ist PLA-Biokunststoff mit 5,1 Gramm und Variante C ist Karton mit Innenbeschichtung und 6,8 Gramm. Eine externe LCA nach ISO 14044 mit kritischer Begutachtung kostet 42.000 Euro und dauert 16 Wochen. Das Ergebnis zeigt, dass Variante C im Klimawandel um 18 Prozent besser abschneidet, aber im Eutrophierungspotenzial um den Faktor 3,4 schlechter liegt, weil die Forstwirtschaft Düngerstickstoff einträgt. Der Einkauf nutzt diese Differenzierung, um mit dem Kunden eine Mischstrategie zu vereinbaren statt einer pauschalen Umstellung.

Typische Fehler & Verhandlungskontext

Der gravierendste Fehler ist die unklare oder ungeeignete funktionelle Einheit. Wer eine Verpackung pro Stück bewertet statt pro Liter Inhaltsschutz, vergleicht Äpfel mit Birnen. Ein zweiter typischer Fehler ist die Verwendung veralteter Datenbankversionen. ecoinvent veröffentlicht jährlich Updates, und Werte aus Version 3.6 weichen von Version 3.10 für einzelne Stahlsorten um bis zu 22 Prozent ab. Im Verhandlungsgespräch mit Lieferanten und Kunden empfiehlt sich, eine unabhängige kritische Begutachtung nach ISO 14071 vertraglich zu fordern, wenn die LCA für externe Vergleichsaussagen oder Werbung genutzt werden soll, weil ohne diese Begutachtung kein Anspruch auf ISO-Konformität besteht.

Verwandte Begriffe

Die LCA ist die methodische Grundlage des produktbezogenen Carbon Footprints und liefert Wirkungswerte für [[csrd]]-Berichte und die [[eu-taxonomie-verordnung]]-Konformitätsprüfung. In Sourcing-Projekten knüpft sie an [[wertanalyse]] und [[value-engineering]] an, weil Materialalternativen ökologisch und ökonomisch zugleich bewertet werden müssen.

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