Harvard-Konzept
Harvard-Konzept
Harvard-Konzept ist die deutsche Bezeichnung für die Methode der "Principled Negotiation", die Roger Fisher und William Ury 1981 in ihrem Buch "Getting to Yes: Negotiating Agreement Without Giving In" veröffentlicht haben. Statt sich an Positionen festzubeißen, trennt das Konzept Mensch und Sache, fragt nach Interessen, sucht Optionen und misst das Ergebnis an objektiven Kriterien. Im DACH-Einkauf ist das Harvard-Konzept der Methodenstandard, auf den sich Lieferantenvertrieb und Einkauf gleichermaßen geschult ausrichten.
Detaillierte Erklärung
Die Methode entstand am Harvard Negotiation Project, das Roger Fisher 1979 an der Harvard Law School gemeinsam mit William Ury und Bruce Patton ins Leben rief. 1983 ging daraus das übergreifende Program on Negotiation (PON) hervor, getragen von Harvard, MIT und Tufts University. Das zugehörige Buch "Getting to Yes" hat bis heute mehr als 15 Millionen Exemplare in über 35 Sprachen verkauft; ab der zweiten Auflage 1991 wird Bruce Patton als Mitautor geführt, eine dritte überarbeitete Auflage erschien 2011 zum 30-jährigen Jubiläum bei Penguin Books. Das Buch ist Pflichtlektüre im Program on Negotiation und wird seit Jahrzehnten in den Verhandlungstrainings des BME (Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik) sowie der DGFP (Deutsche Gesellschaft für Personalführung) gelehrt.
Das Harvard-Konzept ruht auf vier Prinzipien. Erstens: Trennen Sie die Personen vom Problem. Verhandlungen scheitern selten an der Sache, sondern an der Vermischung von Beziehungs- und Sachebene. Zweitens: Konzentrieren Sie sich auf Interessen, nicht auf Positionen. Hinter der Forderung "wir brauchen 12 Prozent Preisnachlass" steht ein Interesse — etwa der Erhalt der eigenen Marge unter Inflationsdruck — und Interessen lassen sich, anders als Positionen, kombinieren. Drittens: Entwickeln Sie Optionen zum beiderseitigen Vorteil, bevor Sie eine Entscheidung treffen. Viertens: Bestehen Sie auf objektiven Beurteilungskriterien — Marktpreise, Indizes, Linear Performance Pricing, Should-Cost-Modelle, Branchen-Benchmarks. Ergänzt wird die Methode durch das BATNA-Konzept (Best Alternative to a Negotiated Agreement) und den Reservation Price, also den Punkt, an dem ein Verhandler aussteigen muss.
Im deutschen Recht findet das Harvard-Konzept einen sauberen Rahmen in §§ 145, 150 BGB: Solange ein Antrag bindend ist, lässt sich das Spielfeld objektiv vermessen, danach beginnt eine neue Runde. Verbände wie der BME, der VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) und der ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie) verweisen in ihren Verhandlungsleitfäden auf die Methode als Branchenstandard.
Praxisbeispiel (konkretes Einkaufsszenario)
Ein bayerischer Maschinenbauer verhandelt 2026 mit einem italienischen Gusslieferanten über ein Jahresvolumen von 3.450 Stück Gehäusen zu 187 Euro pro Stück, also 645.000 Euro. Der Lieferant fordert 7,4 Prozent Aufschlag mit Verweis auf Energie- und Tariflohnentwicklung. Die Position des Einkäufers wäre "0 Prozent". Stattdessen rekonstruiert der Einkauf mit einem Should-Cost-Modell die Kostenbestandteile und identifiziert das eigentliche Interesse des Lieferanten: stabile Auslastung der zweiten Schicht über einen Mindestabnahmehorizont von 24 Monaten. Daraus entstehen drei Optionen. Erste Option: 24-Monats-Rahmen mit Mindestabnahme 6.500 Stück und 2,1 Prozent Preisanpassung an einen veröffentlichten Eurostat-Energieindex. Zweite Option: VMI-Konsignationslager beim Maschinenbauer, dafür 14 Tage längeres Zahlungsziel. Dritte Option: gemeinsamer Wertanalyse-Workshop mit 50:50-Teilung der ermittelten Einsparung. Beide Seiten einigen sich auf eine Kombination aus Option eins und drei. Ergebnis: 1,9 Prozent Preisanpassung statt geforderter 7,4 Prozent, vermiedene Mehrkosten von 35.420 Euro im ersten Jahr, plus eine Wertanalyse-Pipeline mit Zielsenkung 4 Prozent für 2027.
Typische Fehler & Verhandlungskontext
Erster Fehler: Harvard-Konzept mit Weichheit verwechseln. "Hart in der Sache, weich zu den Menschen" heißt nicht, jeder Forderung des Lieferanten entgegenzukommen. Die Methode verlangt sachliche Härte und objektive Kriterien — wer Marktpreis-Daten, Linear-Performance-Pricing-Auswertungen oder Should-Cost-Modelle nicht vorbereitet, hat keine Sachbasis und gleitet zwangsläufig in Positions-Pingpong ab.
Zweiter Fehler: Interessenanalyse auslassen. Viele Einkäufer eröffnen mit der eigenen Position, ohne das Interesse der Gegenseite zu erfragen. Damit fällt der dritte Schritt — Optionen zum beiderseitigen Vorteil — flach, und das Gespräch kollabiert auf eine eindimensionale Preisachse.
Dritter Fehler: BATNA und Reservation Price nicht trennen. Die Best Alternative to a Negotiated Agreement ist Ihr realistischer Plan B, der Reservationspreis ist die Schmerzgrenze, jenseits derer Sie aussteigen. Wer beides vermischt, verhandelt entweder zu zögerlich oder rutscht über die eigene rote Linie.
Verwandte Begriffe
Das Harvard-Konzept ist die methodische Grundlage und steht in direkter Verbindung mit [[batna]], [[zopa-zone-of-possible-agreement]], [[verhandlungsfuehrung]] und [[verhandlungsvorbereitung]]; objektive Kriterien werden meist über [[should-cost-modell]] oder [[linear-performance-pricing]] hergeleitet.